Berufung

01. Juli 2014 06:32; Akt: 01.07.2014 11:03 Print

Ist Ärztin schuld am Tod einer Süchtigen?

Einer St. Galler Ärztin wird vorgeworfen, die zum Tod führende Methadon-Vergiftung einer Patientin nicht bemerkt zu haben. Am Mittwoch steht sie erneut vor Gericht.

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Am Mittwoch muss sich eine Ärztin vor dem Kantonsgericht verantworten. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Die Süchtige war im März 2010 in ärztlicher Behandlung der Beschuldigten und bekam von ihr auch Medikamente verschrieben, unter anderem Methadon. Damals war sie schon jahrelang von Betäubungsmitteln abhängig, was auch ihre Ärztin wusste. Anfang März 2010 erfolgte der Aufenthalt in einer Entzugsklinik. Die Frau blieb jedoch auch danach in ärztlicher Behandlung.

Nach St. Gallen, um sich «Stoff» zu besorgen

Zur Vergiftung kam es schliesslich Ende März 2010. Am 29. März setzte die Patientin ihre Ärztin davon in Kenntnis, dass sie Kokain konsumiert habe. Laut Anklageschrift wusste die Beschuldigte also zu jenem Zeitpunkt, dass ihre Patientin nebst den verschriebenen Medikamenten auch wieder Drogen nahm.

Am 30. März kam die Süchtige mit ihrer Mutter und ihrem Freund in die Praxis der Beschuldigten. Die Frau erklärte, sie wolle unbedingt einen «Flash» erleben und deshalb nach St. Gallen fahren, um sich Stoff zu besorgen. Weil die Ärztin auch das Geld der Drogenabhängigen verwaltete, gab sie dieser 150 Franken. Danach solle sie in ihre Wohnung kommen, um dort zu übernachten.

Gegen 23 Uhr kam sie dort an. Laut der heute 63-jährigen Ärztin war die Patientin «in sehr geordnetem und klarem Zustand». Was die Medizinerin nicht wusste: Vor dem Eintreffen in ihrer Wohnung hatte die Frau noch zwischen 300 und 400 Milligramm Methadon oral eingenommen. Laut Anklageschrift handelt es sich dabei bereits um eine tödliche Dosis, deren Wirkung durch die Einnahme diverser anderer Substanzen noch verstärkt wurde.

Freund fand sie leblos in der Wohnung

In der Nacht klagte die Süchtige in der Folge über Übelkeit und Kopfschmerzen. Laut Anklageschrift hätte sich die Ärztin fragen müssen, ob bei ihrer Patientin schwerwiegende gesundheitliche Probleme vorlagen. Tatsächlich hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vergiftung durch Drogen und Medikamente erlitten. Am Morgen war sie schliesslich sehr verschleimt, hustete und war nur schwer zu wecken. Dennoch ging die Ärztin in ihre Praxis. Als der Freund der Drogenabhängigen später nach der Frau sehen wollte, hatte sie keinen Puls mehr. Die Rettungssanität konnte schliesslich nur noch ihren Tod feststellen.

Wie Mutter-Tochter-Verhältnis

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hatte die Beschuldigte vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung sowie der Unterlassung der Nothilfe in erster Instanz freigesprochen. Laut dem Entscheid des Kreisgerichts sind die Aussagen der Beschuldigten glaubhaft, zudem sei die Verstorbene wie eine Tochter für sie gewesen. Es gebe also keinerlei Grund, warum sie sie nicht ins Krankenhaus hätte fahren sollen, hätte sie die Vergiftung erkannt. Des Weiteren könne die Erkennung von Symptomen bei einer Drogensüchtigen ohne das Wissen über die konkrete Substanzeinnahme nicht erwartet werden.

Die von den Privatklägern geforderten Genugtuungs- und Schadenersatzforderungen wurden abgewiesen. Gegen diesen Entscheid erklärten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Privatkläger Berufung. Die Staatsanwaltschaft fordert zudem die Verurteilung zu einer bedingten Freiheitsstrafe. Deshalb kommt es am Mittwoch zur Neuauflage des Prozesses vor dem St. Galler Kantonsgericht.

(taw)