Wende nach 655 Jahren

08. Januar 2013 20:01; Akt: 08.01.2013 20:01 Print

Jetzt zahlt nur noch einer für das «Ewige Licht»

Statt jährlich 70 Franken für das «Ewige Licht» zu erhalten, muss die Kirche Näfels nun 9000 Franken bezahlen. Der siegreiche Bauer weiss schon, was er mit seinem Anteil macht.

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In Näfels hing der Kirchensegen schief. Weil ein Bauer die Kerzen für das Ewige Licht im Gotteshaus nicht bezahlen will, klagte die Kirche den ungehorsamen Erdenbürger an. Den Schritt vor das weltliche Gericht begründet die Klägerin mit einem jahrhundertealten Brauch: Gemäss einer Urkunde im Kirchenarchiv Näfels soll Konrad Müller 1357 Heinrich Stucki umgebracht haben. Um sich von seiner Schuld loszukaufen, versprach er der Kirche, für den Unterhalt des Ewigen Lichts aufzukommen ... ... bis in alle Ewigkeit. Auf diese Urkunde stützt sich die Kirche: Ob dieser Mord tatsächlich stattgefunden hat oder der Ursprung der Ewig-Licht-Stiftung auf den tödlich endenden Streit zweier Tschudibrüder zurückgeht (eine Legende, die ebenfalls in den Näfelser Geschichtsbücher auftaucht), ist aber unklar. Trotz dieser unsicheren Faktenlage beharrt die Kirche darauf, dass die Besitzer zweier Parzellen in Näfels die Kerzen für das Licht bezahlen. Sie hat dem Angeklagten eine Rechnung von 1400 Franken für die nächsten 20 Jahre «Ewiglichtölkerzen» geschickt und will den Usus ins Grundbuch übertragen. Eine Rechnung aus dem Jahr 2006. Offenbar haben sich die Beträge mehrmals verändert. Diesesmal sollte die Mutter des Angeklagten 96 Franken zahlen. Die Kirche stellt sich auf den Standpunkt, dass sie dem Bauern schon genug entgegengekommen ist. Für Jakob Ackermann, den Verteidiger des Bauern, ist das Verhalten der Kirche «absurd». Das Kantonsgericht Glarus gab dem Bauern recht, wie es am 7. Januar bekannt gab. Damit muss er nicht mehr für das «Ewige Licht» aufkommen.

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Eine Provinzposse aus dem Glarnerland hat gestern ein Ende genommen: Das Kantonsgericht Glarus hat eine Klage der Kirche Näfels abgewiesen und ihr die Prozesskosten von 4000 Franken auferlegt. Damit kommt zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr der Eigentümer des Grundstücks, auf dem damals die Nussbäume des Niederurners Konrad Müller standen, für das «Ewige Licht» der Kirche Näfels auf. Der mutmassliche Mörder Müller hatte im fernen Jahr 1357 die Licht-Spende in alle Ewigkeit versprochen, um sich von seiner Sühne loszukaufen (siehe Infobox).

Landwirt Thomas Seliner aus dem rund zehn Kilometer entfernten Schänis SG geht als lachender Sieger aus dem Prozess hervor: «Die Genugtuung ist natürlich gross», sagt er gegenüber 20 Minuten Online, «ich rechnete eher mit einem Kompromiss.» Das Grundstück habe er im Jahr 2009 von seiner Mutter übernommen, die den fälligen Betrag jeweils widerstandslos bezahlt habe. Auch Seliner hätte wohl gleich gehandelt, wenn die Kirche Näfels einfach weiterhin einen Einzahlungsschein geschickt hätte. «Dass sie das Ganze ins Grundbuch eintragen lassen wollten, ging mir aber zu weit. Da musste ich aufbegehren», so der 33-Jährige.

Zweiter Eigentümer bezahlt weiterhin

Pikantes Detail: Die Licht-Spende entfiel je hälftig auf zwei Grundeigentümer in Näfels. Wie das Grundbuchamt des Kantons Glarus auf Anfrage bestätigt, wehrte sich der andere nicht gegen den Grundbucheintrag – womit er die 70 Franken nun rechtskräftig begleichen muss. Nach 30 Jahren sei der Grundlast-Eintrag «grundsätzlich wieder ablösbar», so Leiter Rudolf Bärtsch.

Für die Kirche Näfels ist die Sache mit dem Prozess abgeschlossen. «Wir akzeptieren das Urteil. Uns fällt deswegen kein Zacken aus der Krone», sagt Kirchenratspräsidentin Daniela Gallati gegenüber der «Südostschweiz». Es sei der Kirchgemeinde nicht um die 70 Franken gegangen, sondern um die Erhaltung des alten Rechts, das seit über 600 Jahren Bestand hatte.

Ihre Kirche muss neben den Gerichtskosten nun auch noch eine Entschädigung à 5000 Franken zugunsten von Bauer Seliner berappen. Dieser nimmt das Geld gerne an: «Wenn nicht alles für den Anwalt draufgeht, soll es ein Zustupf für den Neubau eines Stalles sein.»

(fum)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • L.wing am 08.01.2013 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    frechheit

    Einfach eine Frechheit was sich hier die Kirche leistet!!! Hoffe dass eines tages die Kirche ganz abgespalltet wird vom Staat.

  • Ma/mMos am 08.01.2013 21:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gutes Urteil

    Von mir hätte die Kirche auch kein Geld bekommen. Diese zocken doch schon genug ab. Gratulation dem Hauseigentümer!

  • p.s. am 08.01.2013 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alte zöpfe

    alte zöpfe gehören abgeschnitten. bravo dem bauern.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wolf am 09.01.2013 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Steuergeld mehr für die Kirchen

    Ich hoffe die Kirche wird in Zukunft noch mehr Bluten, so wie sie es mit dem Volk vor Hunderten Jahren getan hat. Nehmt ihr das Steuergeld weg!!!

  • Christian Müller am 09.01.2013 03:20 Report Diesen Beitrag melden

    Die Kirche und ihre Rechte

    Die haben wohl noch nichts gelernt. Gerade Glarner Kirchen sollten nicht so Rückständig sein. Aber alleine die Erklärung von wegen seit 600 Jahren zeigt wie zurückgeblieben die immer noch sind. Versuchen einen Ablashandel Gerichtlich durchzusetzten. Ablashandel ist ja so was von Christlich! Und wenn schon Ablas dann von den Nachfahren und nicht an ein Grundstück gebunden. Aber zum Glück gelang es der Kirche nicht, 600 jähriges Unrecht Gerichtlich Festschreiben zu lassen. Wenn ich nicht bereits gekündigt hätte bei dem Verein, das wäre ein Grund mehr.

  • Baspi am 08.01.2013 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alte Zöpfe...

    ... muss man irgendwann mal abschneiden!

  • Calvin w. am 08.01.2013 22:45 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Da ist wieder ein Mann, der sich für sein gutes Recht gewehrt hat. Schön, dass es mutige Leute gibt.

  • E. Gabriel am 08.01.2013 22:38 Report Diesen Beitrag melden

    Wer zuletzt lacht ..

    Soll dieser Bauer schauen, wie er in den Himmel kommt.