Kinderporno an Appenzeller Gymi

29. März 2018 22:08; Akt: 29.03.2018 23:06 Print

«Es wurde totenstill im Saal»

Das Video, das ein Schüler über das Netz eines Gymnasiums in Appenzell ins Netz geladen hat, zirkulierte bereits vor zweieinhalb Jahren an St. Galler Schulen.

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Das FBI deckte auf, dass ein Jugendlicher des Gymnasiums in Appenzell kinderpronografisches Material auf ein soziales Netzwerk geladen hatte. Darauf führten Kantonspolizei und Jugendstaatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung im Elternhaus des Schülers durch und nahmen Ermittlungen auf.

Am Mittwoch wurden die Schüler des Gymnasiums an einer Infoveranstaltung von Jugendstaatsanwalt Caius Savary über die Ermittlungen und den Umgang mit kinderpornografischem Inhalt informiert.

Unüberlegte Handlung?

«Die Jugendlichen sind sich oft gar nicht bewusst, was alles schon als kinderpornografisches Material gilt und dass sie sich mit dem Teilen und Weiterleiten von entsprechenden Videos strafbar machen», sagte Jugendstaatsanwalt Savary am Donnerstag zu 20 Minuten.

Zum Schutz des beschuldigten Jugendlichen wird dessen Identität und Alter von den Behörden nicht preisgegeben. Zudem laufen die Untersuchungen nach wie vor und es gilt die Unschuldsvermutung. Ausserdem sei nicht auszuschliessen, dass dieser in jugendlichem Unverstand, ohne echte kriminelle Absichten gehandelt haben könnte.

Kinder müssen für solche Videos leiden

«Bei der Infoveranstaltung waren die Schüler sehr betroffen», sagt Savary. «Ich habe ihnen erklärt, dass bei solchen Videos am Ende der Kette Kinder stehen, die unter dem Gezeigten sehr zu leiden haben», so der Jugendstaatsanwalt. «Darauf war es totenstill im Saal.» Weiter sei den Jugendlichen eingefahren, dass das amerikanische FBI auf die Verbreitung des Videos aufmerksam wurde. «Dass Geheimdienste und Behörden in den USA Einblick auf alles haben, was über Server in den USA läuft, war den meisten nicht bewusst. Bei amerikanischen Social-Media-Unternehmen werden alle Inhalte gescannt.»

Die Schule wird die Schüler bald in einer Veranstaltung zusammen mit der Forensikerin und Psychologin Monika Egli-Alge informieren. Dabei gehe es vor allem auch darum, dass die Schüler ihre Fragen zum Thema stellen können.

Video zirkuliert seit langem in der Ostschweiz

Beim Video handelt es sich vermutlich um dasselbe Video, das vor zweieinhalb Jahren unter Schülern des Primarschulhauses Grossacker herumgereicht wurde.

Der Jugendliche, der das Video per Whatsapp geteilt hatte, wurde Ende 2015 per Strafbefehl zu einer Arbeitsleistung verurteilt. Auf dem Video sind zwei Buben, vermutlich beide unter 10 Jahre alt, in einem Treppenabgang zu sehen, die mit mit kopulierenden Bewegungen Geschlechtsverkehr simulieren. Beide Knaben sind bekleidet und stehen hintereinander. Der hinten stehende Knabe greift dem vorne stehenden Knaben unter dem T-Shirt mit beiden Händen an die Brust. Dabei dringt er zum Schein mit seinem Glied in dessen After ein. Am Ende des Kurzfilmes ist kurz das Glied des hinteren Knaben zu sehen. Ferner ist erkennbar, dass der vordere Knabe die Hose und die Unterhose unter die Pobacke hinuntergezogen hat.

Die Jugendanwaltschaft des Kantons St. Gallen kam damals zum Schluss, dass der Kurzfilm sexuelle Handlungen unter Minderjährigen darstellt und deshalb unter den Tatbestand der Pornografie nach Art. 197 StGB (siehe Box) fällt.

Hausdurchsuchung war ein Schock

Die mögliche Bestrafung des Jugendlichen in Appenzell steht noch aus. Die Untersuchungen laufen noch. «Der Schock der Hausdurchsuchung und der Druck durch das Bekanntwerden der Tat ist es dem Jugendlichen und auch den Schülern am Gymnasium eine Lehre. Sie werden sich künftig genau überlegen, wie sie sich auf Social Media verhalten werden», ist Savary überzeugt.

Auch der Sensibilisierungsanlass, der bald stattfinden wird, werde den Jugendlichen helfen. «Vielen fehlt noch immer das Bewusstsein für den Umgang mit heiklem Bild- und Videomaterial. Schon das Versenden eines Selfies in anrüchiger Pose von sich selber kann juristisch als Herstellung von Kinderpornografie beurteilt werden.» Es gelte immer der Grundsatz: «Würdest du das Bild oder Video auch deinen Grosseltern oder Eltern senden? Wenn nein, dann das Bild löschen.»

Keine Vorverurteilung

Der Umgang mit Social Media wird am Gymnasium jeweils im 7. und 8. Schuljahr im Fach Lebenskunde behandelt. «Zusätzlich findet jeweils im 9. Schuljahr eine Studienwoche zum Thema «Medien- und Kommunikation» statt», sagt Prorektor Marco Knechtle.

Er sei nach Bekanntwerden des Falls erschrocken gewesen. Auch die Schüler hätten entsprechend reagiert. Doch einen Tag nach der Informationsveranstaltung sei die Stimmung gut, man habe sich vom ersten Schreck erholt. «Die Schüler gehen sachlich mit dem Thema um und machen auch keine Vorverurteilungen.»

--> Tipps für Eltern und Bezugspersonen bei der Medienbildung der Kinder (von Pro Juventute)

--> Tipps für Jugendliche im Umgang mit Gefahren im Netz (vom Bund)


(jeb)