Fischingen TG

05. Mai 2014 12:49; Akt: 05.05.2014 16:02 Print

Kloster entschuldigt sich für Übergriffe

Im Heim des Klosters Fischingen sind bis in die 70er-Jahre Kinder und Jugendliche misshandelt worden. Jetzt haben sich Vertreter des Klosters für die Übergriffe entschuldigt.

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Das Kloster Fischingen: Erstmals haben sich Vertreter des Klosters für die begangenen Untaten entschuldigt. (Bild: Wikipedia)

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Im ehemaligen Heim St. Iddazell des Klosters Fischingen TG sind bis in die 1970er-Jahre Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen geworden. Dies zeigt ein am Montag veröffentlichter Bericht. Vertreter des Klosters entschuldigten sich.

«Es tut uns leid, dass in unseren früheren Institutionen Unrecht an Kindern geschehen ist», sagte Roman Müggler, Präsident des Vereins Kloster Fischingen, an einer Medienkonferenz. Vertreter des Vereins und der Benediktinerklöster Engelberg und Fischingen entschuldigten sich bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit.

250'000 Franken für Soforthilfe

Sie kündigten eine Zahlung von 250'000 Franken in den Fonds für Soforthilfe an. Aus diesem sollen Opfer von Zwangsmassnahmen unbürokratisch Hilfe erhalten. Dazu gehören auch Personen, die im Kinderheim und in der Internatsschule St. Iddazell Gewalt erlebten oder sexuell missbraucht wurden.

Die Beratungsstelle für Landesgeschichte (BLG) Zürich unter der Leitung des Historikers Thomas Meier arbeitete im Auftrag des Klosters Fischingen das dunkle Kapitel auf. Gestützt auf Akten und Interviews mit ehemaligen Zöglingen und Erziehern, legte das BLG einen 170-seitigen Bericht vor.

Prügel, Kahlscheren und Dunkelhaft

In St. Iddazell waren Strafen und körperliche Gewalt an der Tagesordnung, «von Tatzen und Ohrfeigen bis hin zu stundenlangem Hinknien, von Essensentzug bis hin zur Züchtigung mit Gürteln und Knüppeln, vom Kahlscheren der Kopfhaare bis zur Dunkelhaft». Laut Meier waren die Strafen zum Teil exzessiv.

Ohne Zweifel sei es auch zu sexuellen Übergriffen gekommen. Betroffen waren Knaben und Mädchen, unter den Tätern waren Gärtner, Lehrer, Patres und ein Direktor. Auch Schwestern sollen sich an Mädchen vergriffen haben.

Vertuschung statt Aufsicht

Die Abgeschiedenheit des Heims im Hinterthurgau, aber auch mangelhafte Kontrollen und eine fehlende Heimaufsicht hätten ein Klima für Übergriffe begünstigt, heisst es. Opfer, die sich wehrten, wurden als Lügner bezeichnet und bestraft. Laut dem Bericht herrschte in Fischingen eine «gewisse Vertuschungstaktik».

1976 wurde das Heim St. Iddazell, 1978 die Schule geschlossen. Schon in Jubiläumsschriften von 1980 und 2005 fanden sich laut Roman Müggler Hinweise auf Verfehlungen. Eine fundierte Aufarbeitung blieb aber damals aus.

Ab 2010 machten ehemalige Zöglinge Missbräuche publik. Die Vorwürfe richteten sich gegen einen Pater, der von 1957 bis 1977 als Erzieher und Sekundarlehrer in St. Iddazell gewirkt hatte, zuletzt auch als Direktor. Der Pater, der bis heute in Fischingen lebt, bestritt die Taten, die ihm zur Last gelegt wurden.

Nach Schweizer Recht verjährt

Eine Klage gegen ihn wies das Bundesgericht Anfang 2014 wegen Verjährung ab. Die Kläger zogen den Fall an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiter.

Die Thurgauer Regierung bedauerte in einer Stellungnahme die mangelnde Heimaufsicht bis in die 1970er Jahre. Laut Justizdirektor Claudius Graf-Schelling enthält der BLG-Bericht auch Hinweise, dass die Psychiatrische Klinik Münsterlingen TG an Zöglingen aus Fischingen Versuche mit Medikamenten durchführte.

Dies müsse abgeklärt werden. Die Hinweise würden in ein geplantes Forschungsprojekt über die Vorgänge in Münsterlingen aufgenommen, sagte Graf-Schelling.

Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz und Leiter des «runden Tisches für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen», würdigte die sorgfältige Aufarbeitung der Geschehnisse und die Offenheit der Verantwortlichen des Vereins Kloster Fischingen, des Benediktinerordens und des Regierungsrats.

Eine der grössten Erziehungsanstalten

Das Kinderheim St. Iddazell war bis weit ins 20. Jahrhundert eine der grössten Erziehungsanstalten der Schweiz. Die 1879 gegründete Waisenanstalt wurde später zum Sekundarschul-Internat und zum Sonderschulheim. 6500 Kinder und Jugendliche lebten bis 1978 in Fischingen.

Viele stammten aus «zerrütteten Familienverhältnissen», galten als schwererziehbar, verwahrlost oder als Psychopathen, andere wurden vom Vormund oder der Jugendanwaltschaft in Fischingen «versorgt». Der Heimalltag war religiös-katholisch geprägt, und der Anstalt fehlten die Mittel für genügend und ausreichend ausgebildetes Personal.

Gemäss dem BLG-Bericht war das Heimpersonal oft überfordert. Zugleich konnte es relativ unbeaufsichtigt agieren. Starre Hierarchien hätten kaum Kritik zugelassen und Reformen verhindert.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Glaube am 05.05.2014 14:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strafe?

    Selbst wenn die "Täter" noch leben würden, würden sie wegen Verjährung nicht zur Rechenschaft gezogen. Eine Entschuldigung hilft den Opfern auch nicht! Es ist schlimm, was alles unter dem Namen Kirche vertuscht wird!

  • Giorgio Pianzola am 05.05.2014 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun !

    Entschuldigungen hören sich in so einem Fall einfach nur hohl an. Der Katholizismus ist zu einer Perversion mutiert. Geredet wird von Liebe, gelebt wird Hass, Demütigung und Unterdrückung. Und das angeblich zum Wohl Gottes !? Was für eine erbärmliche Religion !

  • Hugo am 05.05.2014 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Und wieder ein Grund mehr

    um aus der Kirche auszutreten. Und wen die ganzen "Sünden" endeckt werden hat man das Gefühl, dass man mit ein paar Franken Spenden das ganze wieder gut machn kann. Ist doch einfach eine Scheinheilige Welt!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Prinz Alexander am 05.05.2014 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schülerheim Thurhof in Oberbüren

    Auch wir hatten Züchtigungen im Kath. Schülerheim Thurhof Oberbüren SG in den 70'. Ohrfeigen und Bestrafungen gehörten zur Tagesordnung und immer schön im Namen des Herrn. St. Gallen interessierte es nicht und Oberbüren meint, der nette Herr Pfarrer wohne jetzt am Rande des Dorfes und habe nichts mehr mit Kinder zu tun. So die Anwort weil ich sicher sein wollte dass dieser Schläger nichts mehr Kinder zu tun hat.

  • Hugo am 05.05.2014 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Und wieder ein Grund mehr

    um aus der Kirche auszutreten. Und wen die ganzen "Sünden" endeckt werden hat man das Gefühl, dass man mit ein paar Franken Spenden das ganze wieder gut machn kann. Ist doch einfach eine Scheinheilige Welt!!!

    • Dan B. am 05.05.2014 16:15 Report Diesen Beitrag melden

      Vorbildlich

      Immer noch besser als die vergangenen Taten komplett zu ignorieren. Ich finde, dies alles einzugestehen, ist schon ein grosser Schritt. Wären alle Menschen so reflektierend und würden sich für ungerechtes Verhalten entschuldigen, hätten wir wohl viel weniger Konflikte in unserer schönen Welt...

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  • Giorgio Pianzola am 05.05.2014 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun !

    Entschuldigungen hören sich in so einem Fall einfach nur hohl an. Der Katholizismus ist zu einer Perversion mutiert. Geredet wird von Liebe, gelebt wird Hass, Demütigung und Unterdrückung. Und das angeblich zum Wohl Gottes !? Was für eine erbärmliche Religion !

  • Glaube am 05.05.2014 14:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strafe?

    Selbst wenn die "Täter" noch leben würden, würden sie wegen Verjährung nicht zur Rechenschaft gezogen. Eine Entschuldigung hilft den Opfern auch nicht! Es ist schlimm, was alles unter dem Namen Kirche vertuscht wird!

  • Lena Nurse am 05.05.2014 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es war gestern, heute und morgen so!

    Entschuldigen wir uns doch mal und spenden ein bisschen Geld! Das ist unsere katholische Sauberjackenkultur! Wäre der Täter ein Einzeltäter würde ein Aufschrei durch die Medien gehen, aber hier kann sich jeder Täter in der Menge der Täter verstecken! Hier ist die katholische Kirche als Ganzes Täterin mitsamt ihren Brüdern, Schwestern und was auch immer, die solches Tun toleriert und unterstützt hat und offenbar mit Gott und Teufel noch immer so handelt!