Familiendrama in Jonschwil SG

20. Juni 2019 12:56; Akt: 20.06.2019 15:22 Print

Ehefrau holt Dokumente und Bilder aus Brandruine

In Jonschwil zündete R. F. (72) nach einem Streit mit seiner Ehefrau (38) das Haus an. Nach einer kurzen Flucht richtete sich der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater selbst.

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In der Nacht auf Donnerstag ist in einem Einfamilienhaus in Jonschwil im Kanton St. Gallen an der Wildbergstrasse ein Brand ausgebrochen. Wie die Kantonspolizei St. Gallen am Donnerstag mitteilte, geht man von Brandstiftung aus.

Demnach setzte der Hausbesitzer R. F. * nach einem Streit mit seiner Frau das Haus mutmasslich in Brand. Die 38-jährige Frau konnte das Haus unverletzt verlassen. Der 72-jährige Mann flüchtete aber mit seinem Auto.

«Plötzlich hörten die Beamten einen Schuss»

Gegen 3.30 Uhr kehrte F. laut der Kantonspolizei St. Gallen zu seinem Wohnort zurück. Wie Sprecher Hanspeter Krüsi auf Anfrage sagt, wollten ihn die Beamten mit «Stopp, Polizei» anhalten: «Dies gelang ihnen aber nicht.»


Kapo-Sprecher Hanspeter Krüsi zur Brandursache und dem weiteren Vorgehen. (Video: 20 Minuten)

Laut Krüsi fuhr der 72-Jährige wenige Meter weiter auf einen Platz: «Plötzlich hörten die Beamten einen Schuss.» Davor sei es aber zu keiner Verfolgungsjagd gekommen. Das gemeinsame Kind (5) war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause: «Es war bei Verwandten untergebracht», so Krüsi.


Im Video sehen Sie den Polizei- und Feuerwehreinsatz an der Wildbergstrasse in Jonschwil SG. (Video: BRK News/20 Minuten)

«Sie waren ein so nettes Paar»

Bei F. handelt sich um einen renommierten St. Galler Kinder- und Jugendpsychiater. Er wurde in Rumänien geboren, wuchs aber in Israel auf. Wegen seines Medizinstudiums an der Universität Zürich kam er 1968 in die Schweiz.

Wie 20 Minuten weiss, arbeitete F. bis 2013 als Chefarzt in der Klinik Sonnenhof in Ganterschwil SG. Dort will man sich über ehemalige Mitarbeiter nicht äussern. Seit 2013 ist er in einer eigenen Praxis tätig.

«Wir sind alle schockiert und tief betroffen»

In der Privatklinik Aadorf im Kanton Thurgau war F. nach 2013 für einen kurzen Zeitraum in einer beratenden Funktion tätig. Wie Klinik- und Ärztlicher Direktor Stephan Trier sagt, hat ihn das ganze Team in positiver Erinnerung: «Er war nicht nur fachlich kompetent, sondern auch als Mensch sehr nett und sympathisch.» Nach seiner Tätigkeit habe man sich aus den Augen verloren und nur an Fachveranstaltungen hin und wieder getroffen, so Trier.

Die Nachricht über den Tod von F. kam für den Klinikdirektor überraschend: «Wir sind alle schockiert und tief betroffen. Im Namen des ganzen Teams möchte ich den Angehörigen mein tiefstes Beileid aussprechen.»


So sah das Haus einen Tag nach dem Brand aus.

«Sie war in eine Decke gehüllt»

Laut Anwohnern ist es nicht seine erste Ehe: «Er hat noch zwei erwachsene Kinder.» Wie Nachbarn erzählen, sei er kaum zu Hause gewesen: «Seine Frau hat meistens aufs Kind geschaut.» Das Paar habe sich auf einer Reise in Israel kennengelernt, so ein Anwohner. 2012 war dann die Hochzeit: «Sie waren ein so nettes Paar», sagt eine Anwohnerin.

Jakob Diem, ein weiterer Anwohner, erlebte das Familiendrama hautnah mit: «Ich sah einen Beamten mit drei 5-Liter-Kanistern aus dem abgebrannten Haus laufen. » Wie der Mann sagt, brachten zwei weitere Personen die Ehefrau kurz nach dem Brand die Strasse runter zur Sanität: «Sie war in eine Decke gehüllt.» Ob sie verletzt war, weiss Diem nicht.

Ehefrau holte Bilder und Dokumente aus Brandruine

20 Minuten traf die 38- jährige Ehefrau am Donnerstagmittag vor dem Haus an. Die sichtlich aufgelöste Frau wollte nichts zum Familiendrama sagen. Gemeinsam mit einer psychologischen Betreuerin der Ersten Hilfe und mehreren Polizisten betrat M.F.* die Brandruine.

Etwas später verliess sie das Haus mit zwei Bildern und ein paar Dokumenten. Familienangehörige warteten währenddessen draussen und halfen ihr die wenigen Gegenstände, die den Brand überstanden, im Auto zu verstauen.

Haus in Vollbrand

Das Haus an der Wildbergstrasse wurde beim Brand komplett zerstört. Beim Eintreffen der Rettungskräfte stand es bereits in Vollbrand. Der Sachschaden beträgt mehrere 100'000 Franken.

Aus Sicherheitsgründen und als Folge starker Rauchentwicklung wurden laut der Polizei die Bewohner der Nachbarhäuser kurzzeitig evakuiert. Drei Angehörige der Feuerwehr mussten wegen Rauchgasvergiftungen im Spital behandelt werden. Das Kompetenzzentrum Forensik der Kantonspolizei St. Gallen sei mit der Spurensicherung beauftragt worden.

*Namen der Redaktion bekannt

(qll/juu/mon/sda)