Kantonsgericht St. Gallen

30. November 2015 16:52; Akt: 30.11.2015 16:52 Print

Mit Schmetterling am Po vor Praktikant getänzelt

Ein Praktikant soll seinen Arbeitskollegen mit dem Messer bedroht haben. Alles Quatsch, behauptet er und sagt im Gegenzug, der andere habe ihm Avancen gemacht.

storybild

Der Praktikant und der Bankangestellte haben gemeinsam das Spiel FC St. Gallen gegen Spartak Moskau besucht. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Kantonsgericht St. Gallen sollte sich am Dienstag eigentlich mit dem Fall eines Bankangestellten und seinem ehemaligen Arbeitskollegen beschäftigen. Dem Arbeitskollegen, der zur Tatzeit Student und Praktikant bei der Bank war, wird vorgeworfen, er habe seinem Kollegen nach einem durchzechten Abend in seiner Wohnung ein Rüstmesser an den Hals gedrückt und ihm mit dem Tod gedroht.

Vom Kreisgericht St. Gallen wurde der heute 24-Jährige dafür im März 2015 zu einer bedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 30 Franken verurteilt. Eigentlich hätte es am Dienstag zu einer Neuverhandlung kommen sollen. Doch wie am Montagnachmittag bekannt wurde, hat der 24-Jährige die Berufung im letzten Moment zurückgezogen. «Mein Mandant hat den Glauben an die Justiz verloren und wollte sich eine erneute Verhandlung ersparen», sagt Max Imfeld, Verteidiger des Studenten. Imfeld bedauert den Entscheid: «Vor dem Kantonsgericht wären die Chancen für einen Freispruch nicht schlecht gewesen.» Allerdings hat er auch Verständnis für seinen Mandanten. Immerhin sei vor Erstinstanz einiges schief gelaufen. «Normalerweise zählt der Grundsatz 'Im Zweifel für den Angeklagten', hier wurde aber alles umgedreht. Und wäre mein Mandant eine Frau gewesen, hätte doch jeder gesagt, sie dürfe sich wehren, und sie wäre bestimmt nicht verurteilt worden.»

Avancen nach dem Fussballmatch?

Zur Drohung soll es im August 2013 gekommen sein. Der Student und sein 12 Jahre älterer und verheirateter Arbeitskollege besuchten am 22. August zusammen den Fussballmatch St. Gallen gegen Spartak Moskau. Weil der Bankangestellte weiter weg wohnt, wurde ausgemacht, dass er beim Studenten übernachtet.

Vor Gericht gab der Student an, sie seien nach dem Match und einer anschliessenden Sauftour bei ihm zu Hause angekommen. Beide waren ordentlich betrunken und wollten noch eine Shisha rauchen. «Plötzlich zog er die Hose aus, erzählte von homoerotischen Dingen und berührte sich im Genitalbereich», so der Student. Damit nicht genug: Er habe sich auch einen gestohlenen orangefarbenen Deko-Schmetterling an den Po gehängt und sei damit vor ihm rumgetänzelt.

Der Student habe ihm zu verstehen gegeben, dass er doch bitte wieder seine Hose anziehen soll, was er auch tat. Schliesslich gelang es dem Studenten, den Kollegen mit einem Vorwand aus der Wohnung zu schliessen. «Wenn einer mit einer Erektion in Unterhose mit dir spricht, ist das als 22-Jähriger kein gelungener Abend», resümiert der Student vor Gericht.

Arbeitskollege dachte, er müsse sterben

Der Arbeitskollege, der selbst nicht an der Verhandlung erschien, weil er zu grosse Angst vor dem Studenten habe, schildert den Vorfall allerdings ganz anders. Seinen Aussagen nach habe ihm der Student ganz plötzlich das Messer an den Hals gedrückt und ihm gedroht. «Ich dachte, das wars jetzt. Mir ist alles mit meiner Frau durch den Kopf gegangen. Ich habe in dem Moment abgeschlossen gehabt», sagte er in einer polizeilichen Einvernahme. Grund für die Drohung: Der Student wolle nicht, dass jemand erfahre, dass er bereits vier Menschen umgebracht habe. Dieses Geständnis soll ihm der Student zuvor offenbart haben. Hinweise auf diese Morde gibt es allerdings keine.

Für den Verteidiger des Studenten war somit klar: «Der Arbeitskollege schämt sich für die homoerotische Anmache und hatte Angst, dass seine Neigung Thema in der Bank wird, und erfand deshalb die Story mit der Drohung und den Morden.» Er verlangte deshalb einen Freispruch für seinen Mandanten.

Gericht verurteilte Studenten

Das Kreisgericht St. Gallen hielt die Aussagen des Bankangestellten allerdings für detailliert, logisch und stimmig. Hinzu kommen die SMS, die der Student nach dem Vorfall dem Arbeitskollegen schickte. In diesen heisst es etwa: «War nur Spass.» oder «Wollte dich nicht erschrecken.» Für das Gericht ein Indiz, dass da mehr dahinter steckt als vom Studenten zugegeben.

Darüber hinaus wurde der Student einige Tage nach dem Vorfall von seinen Vorgesetzten in der Bank befragt. Dort habe er sehr plastisch demonstriert, wie er den Kollegen bedrohte. Für das Gericht etwas zu plastisch. Der Student erklärte, er habe das nur gemacht, weil er so unter Druck stand.

Dass sich der Arbeitskollege für seine homoerotische Anmache schämt und deshalb die Story erfand, liess das Gericht nicht gelten. Denn das ausgelöste Strafverfahren und die öffentliche Verhandlung führen erst recht dazu, dass die Geschichte in breiten Kreisen bekannt wird.

(taw)