Unworte in Kinderbüchern

18. Februar 2019 19:01; Akt: 19.02.2019 10:33 Print

«Änderten ‹Negerkönig› in ‹Südseekönig›»

Nachdem in einer Schulklasse in Wil SG mit einem «Negerhäuptling» Textverständnis geübt wurde, flammte die Diskussion über belastete Begriffe auf. Verlage erklären sich.

Bildstrecke im Grossformat »
In diesem Schulhaus in Wil SG wurde Anfang 2019 in einer 5. Klasse eine Geschichte von einem Negerhäuptling im Unterricht verwendet. Eine Expertin ist empört: «Lehrmittel, die rassistische Stereotype reproduzieren, gehören selbstverständlich nicht in den Unterricht», sagt Alma Wiecken, Geschäftsführerin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Was früher gesellschaftlich akzeptiert war, geht heute nicht mehr. Nachfolgend Beispiele von Begriffen,die man heute nicht mehr in aktuellen Kinderbüchern finden wird. «Freund Globi im Urwald» mag im Erscheinungsjahr 1950, als Afrika noch mehrheitlich unter den europäischen Kolonialherren aufgeteilt war, dem Zeitgeist entsprochen haben, heute gilt der Band als rassistisch. Ebenfalls problematisch: Die Kasperli-Geschichte «De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» von 1970. Im Original reist Kasperli zu den «Gaggo-Negern» und trifft das «schnusige Negermeitli Susu» und «Negerhäuptling Krambambuli». In den 1990er-Jahren wuchs die Erkenntnis, dass die Wortwahl so nicht mehr geht. Seit 2000 kommt die Neuaufnahme ohne das N-Wort aus. Aus «10 kleine Negerlein» wurde in den 2000er-Jahren «10 kleine Kinderlein». Seit 2009 wird Pipis Vater in der deutschen Übersetzung von «Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land» (1948) nicht mehr als «Negerkönig» beschrieben, sondern als «Südseekönig». Ausserdem spricht er nun nicht mehr die «Negersprache», sondern die «Taka-Tuka-Sprache». 2013 sorgte die Ankündigung des Thienemann Verlags, dass in «Die kleine Hexe» (1957) von Otfried Preussler künftig keine «Negerlein» und «Zigeuner» mehr auftauchen werden, für Diskussionen in Deutschland. Die Schweizer Märchentante Trudi Gerster erzählte einst die Geschichte «Vom dumme Negerli». Später nannte sie das Märchen nach seinem Hauptdarsteller «Wumbo-Wumbo» und aus dem «kleinen Negerli» wurde ein «Afrikanerli». Ebenfalls ein veraltetes Afrikabild zeigt «Tim im Kongo». Hier werden die Eingeborenen als naiv und arbeitsscheu dargestellt. Dabei kommt die aktuell erhältliche Ausgabe von 1946 gegenüber der ersten, 1930 noch schwarz-weiss erschienenen Geschichte bereits deutlich entschärft daher. Im heute umstrittenen Erziehungsbuch «Struwwelpeter» (1845) von Heinrich Hoffmann werden die drei frechen Buben, die sich über das «Mohrenkind» lustig gemacht haben, zwar bestraft. Doch was ist die schlimme Strafe? Die Buben müssen selber mit schwarzer Haut herumlaufen, nachdem sie der Nikolaus in ein Tintenfass getunkt hat.

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Krauses Haar, schwarze Haut. Das ist Grosser Löwe. Grosser Löwe ist ein Negerhäuptling:» So beginnt eine Geschichte in einem Lernheft der Reihe Lesespur, das kürzlich an einer Wiler Schule in einer 5. Klasse verwendet wurde, wie das «Tagblatt» am Montag berichtete. Das Lehrmittel eines deutschen Verlages stammt aus dem Jahr 1991.

Umfrage
Darf das Wort «Negerhäuptling» in einem Buch für Schüler stehen?

«Heute schaffen es solche Sätze wohl nicht mehr in Schulbücher», sagt Rabea Huber, Geschäftsführerin beim Lehrmittelverlag St.Gallen. Sie betont, dass das erwähnte Buch nicht von ihrem Verlag stammt und nicht von ihm vertrieben wird. Bei der regelmässigen Überarbeitung der Lehrmittel werde auf eine zeitgemässe Sprache geachtet. Als Lehrmittelverlag habe man eine Vorbildfunktion und nehme diese in verschiedener Weise wahr.

«Bei Neuentwicklungen von Lehrmitteln achten wir konsequent darauf, dass wir Diversität darstellen», sagt Huber. «So werden Mädchen und Buben gezeigt, Personen verschiedener Hautfarbe oder auch mal ein Kind mit einem Handicap.»

Aus für den «Mohrenkopf» – «Eskimo» bleibt

Als kürzlich ein Singbuch neu aufgelegt wurde, hätten es nicht mehr alle Texte in der selben Form die Neuauflage geschafft. «Das Wort ‹Mohrenkopf› in einem Raptext über Desserts flog raus», sagt Huber. Anders beim Lied «Eskimo» von Mani Matter. «Zwar ist ‹Eskimo› ein Wort, dass heute durch Inuit oder Inuk ersetzt wird, aber das Lied von Mani Matter ist auch Kulturgut. Zudem könnte man das Lied nicht mehr singen, wenn das Wort geändert würde», sagt Huber.

Auch das Kinderspiel «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?» werde derzeit noch in den Lehrmitteln abgebildet. Unter «Schwarzem Mann» könne man sich diverses vorstellen – etwa eine Person, die aus dem Dunkeln komme oder schummrig ist. Der Ursprung gehe auf die Pest- und Totentänze zurück. Der «Schwarze Mann» war dabei ein Symbol für die Verbreitung der Pest und des Todes. «Derzeit überlegen wir uns aber, den ‹schwarzen› durch ‹bösen Mann› zu ersetzen.» Das zeige, dass die Herausgeber ständig reflektieren und sich mit verschiedenen Situationen auseinandersetzen müssten. Huber: «Wir diskutieren intern oft, ob ein Ausdruck geht oder nicht und holen uns dabei auch Rat bei Experten ein.»

Eine Tabu-Liste für Worte gibt es beim St. Galler Lehrmittelverlag nicht. «Wir setzen auf den gesunden Menschenverstand», sagt Huber. «Wichtig ist, dass grundsätzlich eine Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit diesen Themen stattfindet; dies in den Verlagen und in den Schulen generell.»

Aus Negerkönig wurde Südseekönig

Der Oetinger Verlag, der viele Kinder- und Jugendbücher herausgibt, unter anderem auch Bücher von Astrid Lindgren, hat verschiedene Werke bezüglich belasteter Begriffe überarbeitet. Bekanntes Beispiel ist Pippi Langstrumpf, welches 1949 erstmals in deutscher Sprache erschien: «Wir änderten ‹Negerkönig› in ‹Südseekönig›.» Das sei auch aufgrund von Leser-Zuschriften geschehen. Vor der Änderung im Jahre 2009 habe man während rund fünf Jahren mit einer Fussnote gearbeitet.

So stand damals im Buch, als Pippi über ihre Eltern sprach: «... mein Papa ist ein Negerkönig*...». Unten an der Seite wurden die Kinder dann wie folgt über den Begriff aufgeklärt: «*In diesem und folgenden Kapiteln wird der Ausdruck ‹Neger› verwendet. Als Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man ‹Schwarze› sagen.»

«Für ein Kinderbuch war das doch eher unüblich», sagt Kaiser. Doch dem Verlag sei wichtig, dass Kinder die Bücher selbständig lesen und verstehen können, also auch ohne Vermittlung des historischen und gesellschaftlichen Kontexts durch Erwachsene.
Das sei auch ein Grund, weshalb man sich für die Änderung in Südseekönig entschieden habe. Somit sei eine Erläuterung des Wortes «Neger» nicht mehr nötig.

Keine Schimpfworte

Es werde jeweils fallweise entschieden, welche Worte wie und wann geändert werden: «Die Änderung muss im Kontext Sinn ergeben.» Klar sei, dass man Worte wie «Neger» ändere, da das heute als Schimpfwort empfunden werden. «Es ist selbstverständlich, dass wir das Wort heute nicht mehr verwenden, genauso wie beispielsweise das Wort Zigeuner.»

Anders verfahre man bei gesellschaftlichen Phänomenen wie etwa bei Genderthemen. Wenn bei einem Kinderbuch aus den 50er-Jahren das Familienbild vom arbeitenden Vater und der kochenden Mutter beschrieben werde, belasse man das. In aktuellen Texten werde von den Autoren in der Regel ein zeitgemässes Familienbild beschrieben. Somit habe man mit Genderfragen auch keine Probleme.

Böhmermanns Struwwelpeter

Der deutsche Moderator Jan Böhmermann hatte sich 2018 anhand von Heinrich Hoffmanns Kinderbuchklassiker «Struwwelpeter» satirisch mit dem Thema Political Correctness in Kinderbüchern auseinandergesetzt:

Video: Youtube/Neo Magazin Royale

(jeb)