Abgezockt

18. Juli 2014 07:41; Akt: 18.07.2014 07:41 Print

Nach dem Betrüger griff das Steueramt zu

Petra K.* erlebt ein doppeltes Fiasko: Zuerst verliert sie 100'000 Franken bei einem Anlagebetrüger. Dann klopft das Steueramt an und fordert dafür weitere 56'000 Franken.

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Die betrogene Frau wehrte sich vergebens beim Steueramt. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

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Die Ostschweizerin Petra K. steht vor einem Scherbenhaufen. Sie ist auf die miese Masche eines Anlageberaters reingefallen und kämpft jetzt um ihre Existenz. 100'000 Franken hat sie einem Betrüger und seiner Firma anvertraut. Er überwies ihr Belege mit angeblichen Gewinnen, worauf Petra K. ihr Geld auf dem Konto der Firma belassen hat.

In Wahrheit handelte es sich um ein Schneeballsystem, welches am Schluss zusammenbrach. Petra K. konnte sich nichts mehr auszahlen lassen. Der Inhaber hat laut «Wiler Nachrichten» insgesamt rund 100 private Investoren um 6,2 Millionen erleichtert und sitzt jetzt in der Strafanstalt Saxerriet. Für Petra K. ist das ein schwacher Trost: Sie hat ihre gesamte Geldanlage von 100'000 Franken verloren und von den versprochenen Gewinnen nie etwas gesehen.

Saftige Rechnung vom Steueramt

Doch für das Betrugsopfer kam es noch schlimmer. Am 29. November erhielt Petra K. vom Steueramt eine Rechnung für eine Nachzahlung über 43‘337.35 Franken: Sie habe Ihre Vermögensanlage bei der betreffenden Firma nicht versteuert. Die Geschädigte wehrte sich, sie sei ihren Steuerverpflichtungen nachgekommen und habe die angeblichen Gewinne gemeldet. Der Betrüger habe ihr gesagt, die Belege der Firma seien nicht zu versteuern. Auch als sie später merkte, dass sie um ihr ganzes Geld betrogen worden war, dachte sie, die vom Steueramt geforderte Summe nun nicht überweisen zu müssen, weil fiktive Gewinne nicht zu versteuern seien.

Doch die Behörden blieb hart. Einen Tag vor Ostern zog ihr das Steueramt 43‘000 Franken vom Postfinance-Konto ab. Ein paar Tage später erhielt sie sogar noch 12'900 Franken Strafsteuer aufgebrummt.

Steuern auch auf «fiktive» Gewinne

Beim kantonalen Steueramt darf man sich nicht konkret äussern, sondern den Sachverhalt nur allgemein erklären. Es wird betont, gemäss Gesetz zu handeln. «Solange ein Schneeballsystem funktioniert, muss man für die ausgewiesenen Gewinne Steuern bezahlen», sagt der Leiter der Rechtsabteilung. Auch wenn sich das Vermögen nicht tatsächlich vermehre, finde ein steuerlicher Zufluss statt. Selbst bei einem späteren Zusammenbruch des Schneeballsystems seien die Gewinne zu versteuern, auch wenn sie nur auf Papier waren. «Die Anleger haben jederzeit die Möglichkeit, sich das Geld auch auszahlen zu lassen, anstatt sich dafür zu entschieden, es weiter anzulegen.»

Petra K. hat also nach dem Verlust der Geldanlage drauf gezahlt und noch mehr Geld verloren. Für sie ist dieser Sachverhalt unverständlich, wie sie gegenüber den «Wiler Nachrichten» sagte: «Ich verlor alles, auch die Illusion, in einem Rechtsstaat zu leben. Man agiert nach Paragrafen entgegen besseren Wissens.»

* Namen geändert

(dst)