Dschihad-Prävention

05. März 2015 19:25; Akt: 06.03.2015 14:56 Print

Ostschweizer Kinder sollen Islamunterricht erhalten

Ein junger Mann aus Arbon ist in den Dschihad gezogen. Um den Extremismus zu stoppen, schlägt ein Politiker Islamunterricht an der Volksschule vor.

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Der Arboner Dschihadist A. A.* (21) war bis vor zwei Jahren noch ein normaler Jugendlicher, der gerne Fussball spielte und sich die Augenbrauen zupfte. Bis er sich vor zwei Jahren zu radikalisieren begann. Kollegen berichten, dass er immer extremistischer wurde. So habe er beispielsweise mit dem Musikhören aufgehört, weil der Islam dies verbiete. Der Kofferraum seines Autos war voller Korane, die er an Standaktionen in grossen Städten verteilte.

Bei der Stadt Arbon hat man von der Radikalisierung A.s offenbar nichts mitbekommen. «Dass sich ein Arboner im Kriegsgebiet in Syrien befindet, haben wir von Journalisten erfahren», so Stadtpräsident Andreas Balg. «Wenn wir vorher etwas gewusst hätten, wären umgehend die Strafverfolgungsbehörden informiert worden.» A. A. ist auf Behördenseiten ein unbeschriebenes Blatt.

Um die Integration von Ausländern und Andersgläubigen zu fördern, führt Arbon seit Jahren das Programm Respektstadt. Damit soll die Integration gefördert und indirekt auch verhindert werden, dass jemand radikalisiert wird.

«Prävention sollte früher beginnen»

«Von aussen bekommt man es kaum mit, wenn sich jemand radikalisiert, den man nicht sehr gut kennt», so Stadtparlamentarier Atakan Özçelebi (SP), der A. vom Sehen kennt und über die News zum Arboner schockiert ist. «In der Regel ziehen sich radikalisierende Leute langsam zurück, weil sich die Interessen verschieben.» Deshalb sei es schwierig, von aussen die schleichende Entwicklung mitzubekommen, bevor es zu spät ist. «Normalerweise nehmen sich ältere Türken junge Heisssporne zur Brust. Doch offenbar konnte niemand A. davon abhalten, nach Syrien zu reisen», so Özçelebi.

Für ihn ist klar, dass präventive Massnahmen viel früher stattfinden sollten. Er empfiehlt, islamischen Religionsunterricht für Muslime in der Volksschule einzuführen. «Wenn den Kindern ein gemässigter Islam auf Deutsch in der Schule beigebracht wird, sind sie viel weniger empfänglich für radikale Ansichten und können mit ihrem Wissen extremistischem Gedankengut Paroli bieten», so Özçelebi. In Kreuzlingen wird das bereits so gehalten. An der Primarschule kommen 90 Schüler in den Genuss von islamischem Religionsunterricht auf Deutsch.

Rehan Neziri, islamischer Religionslehrer in Kreuzlingen, ist überzeugt, dass dieser vorbeugend wirkt: «Unser Unterricht ist auch als Aufklärung und Prävention gedacht.» An der Kreuzlinger Primarschule wird ein gemässigter Islam mit offiziellen Lehrmitteln aus Deutschland unterrichtet. Im Unterricht würden auch Behauptungen, die die Schüler im Internet finden oder von zu Hause mitbekommen, diskutiert, richtiggestellt und eingeordnet. «So können wir falsche und radikale Tendenzen abfedern», so Neziri.

* Name geändert

(jeb)