St. Gallen

02. Dezember 2018 18:20; Akt: 02.12.2018 18:20 Print

«Der Mann joggte nackt um sein Auto herum»

Dass Polizeiarbeit nicht nur aus Unfällen, Diebstahl und Gewalt besteht, zeigt die Kantonspolizei St.Gallen in ihrer November-Bilanz. Sie wünscht sich mehr Mitmenschlichkeit.

Bildstrecke im Grossformat »
Auch im November erlebten die Mitarbeiter der Kantonspolizei St.Gallen einige kuriose Sachen. Nachfolgend ein paar Fälle, die es in die Medien geschafft haben. Zwei 14-jährige Jugendliche haben am 6. November kurz nach Mitternacht beim Bahnhof Au SG einen Automaten mit einer Axt aufgebrochen und daraus Getränke gestohlen. Die Jugendlichen ergriffen die Flucht, als sie die Polizeipatrouille sahen. Sie konnten jedoch nach einer kurzen Verfolgung angehalten werden. Als ein 39-Jähriger Lieferwagenfahrer am 14.November den Bahnübergang beim Blattenweg in Staad überqueren wollte, blieb er zwischen den Barrieren stecken. Der herannahende Zug konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und es kam zu einer Kollision. Im Lieferwagen geladene Schlachtabfälle verteilten sich auf den Gleisen. Die Bahnstrecke war während mehrerer Stunden unterbrochen. Ein 66-jähriger Autofahrer prallte am 16. November aus noch unbekannten Gründen mit seinem Rolls-Royce in eine S.O.S.-Box und daraufhin frontal gegen die Wand des Murgwaldtunnels. Beim Unfall wurde der Fahrer in seinem Fahrzeug eingeklemmt. Die Feuerwehr musste ihn bergen. Der Mann wurde mit schweren Verletzungen ins Spital geflogen. Der Tunnel blieb für mehrere Stunden gesperrt. Am 20.November hat die Kapo in einer Liegenschaft an der St. Galler Burgstrasse die Zentrale eines Drogen-Dealerrings ausgehoben und mehrere Kilo Kokain beschlagnahmt. Im Laufe der Ermittlungen wurden rund neun Kilogramm Kokain mit einem Verkaufswert von über 800'000 Franken sichergestellt und insgesamt 27 Personen verhaftet. Ein weiterer kurioser Einsatz ereignete sich auf der Rheintalautobahn A13 bei Mels. Dort wurden am 24.November Personen gesichtet, die Geld von der Fahrbahn einsammelten. Laut Florian Schneider, Mediensprecher der Kapo SG, war rasch eine Patrouille der Polizei vor Ort. «Sie hatten ihr Auto auf dem Pannenstreifen abgestellt und waren dabei, dort und in der angrenzend Wiese Geld einzusammeln», so Schneider. Die Frau hätte nämlich ihr Portemonnaie auf dem Dach vergessen, als die Familie losfuhr. «Es waren über 1000 Franken in 100er-, 50er- und 20er-Noten», weiss Schneider. Die Polizei habe dann den Bereich abgesichert. Mit Leuchtwesten hätten Polizisten das Geld von der Fahrbahn eingesammelt – rund 500 Franken. Schneider rät allen, denen etwas derartiges passieren sollte: «Immer 117 wählen und wir kommen zur Absicherung.» Am 28. November floh ein 22-jähriger algerischer Häftling während eines Arztbesuches. Wie die Kantonspolizei St. Gallen schreibt, suchten mehrere Polizeipatrouillen sowie ein Helikopter den Flüchtigen.Gegen 17 Uhr konnte der Mann wieder festgenommen werden.

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Kaum jemand ahnt, wie viele Arbeiten die Mitarbeitenden der Kantonspolizei jeden Tag ausführen», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kapo St.Gallen. Die in den Medien veröffentlichten Ereignisse seinen nur ein winziger Teil der Polizeiarbeit.

«Reden statt schlagen, sich helfen, wenig trinken»

Deshalb hat Krüsi für einmal untersucht, was die Polizei allein im vergangenen November alles zu tun hatte. Auffallend sei dabei, «wie viele Einsätze hätten vermieden werden können, wenn die Leute untereinander das Gespräch gesucht oder sich geholfen» hätten. Krüsi: «Deshalb appellieren wir gerade jetzt zu Beginn der Adventszeit an die Bevölkerung, Rücksicht aufeinander zu nehmen, vor körperlicher Gewalt das Gespräch miteinander zu suchen, auf Menschen zu achten, die Hilfe brauchen könnten und massvoll mit Alkohol umzugehen.»


Manches, was die Polizisten leisten, sei skurril, vieles aber auch sehr belastend für die Polizisten. Krüsi: «Gerade die Adventszeit ist nicht immer einfach für unsere Leute, weil die angetroffene Wirklichkeit stark mit der Weihnachtsstimmung kontrastiert.»

Ein nackter Sportler

Um dies zu belegen listet Krüsi eben ein paar Beispiele aus dem vergangenen Monat auf. So habe sich die Polizei im November nicht nur rund 50 mal um aufgefundene Haustiere kümmern müssen, sondern auch über 90 mal die traurige Aufgabe gehabt, tote Tiere von der Fahrbahn zu entfernen, zu entsorgen und die Besitzer zu informieren.

In die Kategorie Spezialfälle gehört ein entblösste Sportler: «Jemand meldete uns, dass im Wald jemand nackt umherjogge. Eine Patrouille fand daraufhin einen Mann vor, der angab, es zu geniessen, nackt um sein Auto zu rennen. Ungeachtet der kühleren Temperaturen.»

Halbe Million für FB-Bekanntschaft

Aber auch Betrugsfälle gehören zum Polizeialltag. So habe die Polizei eine Anzeige wegen Betrugs aufnehmen müssen, da eine Frau ihrer Internetbekanntschaft, die sie über Facebook kennen- und lieben gelernt hat, innerhalb von eineinhalb Jahren rund 500'000 Franken überwiesen hatte. Wohl in der Hoffnung, dass daraus eine ernsthafte Beziehung entstehen könnte. «Die beiden haben sich noch nie und werden sich wahrscheinlich auch niemals sehen», so Krüsi.

Es gab aber auch brenzlige Situationen. So ist eine Auseinandersetzung in einer Bar derart eskaliert, dass sich Gäste aus Angst selbst verbarrikadierten. Ein Polizeibeamter musste deshalb zuerst seinen Ausweis durch ein an diesem Abend entstandenes Loch in der Tür stecken, damit er hineingelassen wurde.

«Viele Fälle wären vermeidbar»

Über 50 mal musste die Kapo St. Gallen im November wegen häuslicher Gewalt ausrücken, was sie als «schockierend» taxiert. «Wir intervenierten über 40 mal, weil es zu Tätlichkeiten kam und rückten 15 Mal wegen Hausfriedensbruchs aus.» Auch kümmerten sich die Patrouillen um drei entwichene, fünf verwirrte, zehn entlaufende und 16 vermisste Personen. Krüsi: «Unsere Leute waren unter den ersten auf dem Platz, als sich die 27 aussergewöhnlichen Todesfälle, die sechs Suizide oder die sechs Suizid-Versuche ereigneten.»

Nicht zuletzt habe die Polizei auch als Privat-Taxi agieren müssen: «Unsere Mitarbeitenden kümmerten sich rund 30 mal um alkoholisierte Personen und sorgten dafür, dass diese in ihrem Zustand sicher nach Hause kamen.»

(juu)