Schändung

23. März 2019 06:45; Akt: 24.03.2019 08:30 Print

20'500 Fr für Oralverkehr ohne Einwilligung

Ein 21-Jähriger stand am Freitag wegen Schändung seiner besten Kollegin (20) vor dem Kreisgericht St. Gallen. Er wurde zu 13 Monaten bedingt und zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie waren beste Kollegen während fast sieben Jahren. Doch Ende 2017 zerbrach die Freundschaft der beiden Ostschweizer, nachdem der 21-Jährige seine Kollegin im Schlaf gegen ihren Willen oral befriedigt hatte. Seit Mitte Januar 2018 hatten die beiden keinen Kontakt mehr, am Freitag trafen sich die Lehrlinge vor Gericht wieder. Dem 21-jährigen Italiener, der in dritter Generation in der Ostschweiz lebt, wurde vorgeworfen, er habe seine Kollegin geschändet.

Zuvor hatten die beiden eine tiefe Freundschaft, was beide vor Gericht bestätigen. Die 20-Jährige übernachtete öfter beim Kollegen. Die Abende verliefen meist etwa gleich. Man rauchte einen Joint, ass etwas und schaute einen Film. Danach ging man gemeinsam ins Bett schlafen.

Zunge im Intimbereich

So auch in der Tatnacht Ende 2017. Diesmal war jedoch etwas anders. «Ich bin schätzungsweise gegen 3 Uhr früh auf dem Bauch liegend erwacht und bemerkte, dass seine Zunge an meinem Intimbereich war.» Sie sei darauf total perplex gewesen und habe sich schlafend gestellt.

Die Frage, weshalb er mitten in der Nacht begonnen habe, seine Kollegin oral zu befriedigen, konnte der 21-Jährige dem Richter nicht beantworten. «Ich weiss es nicht. Kann ich nicht sagen», antwortete er mehrmals auf diese und ähnliche Fragen. Zudem könne er sich nicht mehr an alles erinnern. Aber er sei damals davon ausgegangen, dass sie mit seinem Vorgehen einverstanden und von Anfang an wach gewesen sei. «Sie hat gestöhnt.»

Kein Wort gesprochen

Während des ganzen Vorfalls haben die beiden kein Wort gesprochen, wie sich vor Gericht herausstellte. Im Anschluss sei der Mann auf die Toilette gegangen und habe sich danach wieder schlafen gelegt. Die Frau stellte sich weiterhin schlafend und ging am Morgen nach Hause.

Viele Fragen liess der Beschuldigte vor Gericht offen, der leise und eher einsilbig die Fragen des Gerichts beantwortete. Einzig auf die Frage, ob er die Privatklägerin sexuell attraktiv finde, kam ein klares Ja.

Die Zuneigung war allerdings eine Einbahnstrasse, wie am Freitag vor Gericht klar wurde. Bei der Befragung gaben beide an, dass sie im September 2017 ein klärendes Gespräch hatten, in dem sie ihm klargemacht habe, dass sie keine Gefühle für ihn hege. Dieser hatte ihr zuvor eröffnet, dass er welche für sie habe.

Wer schläft, kann sich nicht wehren

Das Dreiergericht hatte am Freitag die Frage zu beantworten, ob die Privatklägerin geschlafen hat oder nicht und ob der Beschuldigte davon ausgehen musste, dass die Frau wusste, was geschieht, und ob dies einvernehmlich passierte.

Für den Staatsanwalt war der Tatbestand der Schändung klar erwiesen, da die Privatklägerin noch geschlafen habe, als der Mann mit der oralen Befriedigung begann. «Sie war am Schlafen und nicht in der Lage, sich zu wehren. Das ist bereits Schändung.»

Ins gleiche Horn blies die Verteidigerin der Frau: «Als sie erwachte, hatten die sexuellen Handlungen bereits begonnen.» Dass ihre Klientin sich nicht gewehrt habe, als sie bemerkt habe, wie ihr geschehe, sei verständlich. «Stellen Sie sich vor, Sie sind im Tiefschlaf und erwachen, weil jemand an Ihnen herummacht.» Danach müsse man sich erst klar werden, was da passiere, und wenn man in der Realität angekommen sei, sei das Übel schon geschehen. Ihre Klientin habe sich schlafend gestellt, weil sie Angst gehabt habe, dass sie beschimpft wird oder ihr Gewalt angetan wird, wenn sie etwas sagen würde. «Sich schlafend zu stellen, war für sie in diesem Moment die sicherste Variante.»

Genugtuung gefordert

Für die 20-Jährige hatte der Abend weitreichende Folgen. Die mehrjährige Beziehung zu ihrem Freund ging wenige Monate nach dem Vorfall in die Brüche. «Ich konnte keine Nähe mehr zulassen.» Sie wollte nicht mehr gestreichelt werden. Wenn in der Berufsschule oder am Arbeitsplatz das Thema sexuelle Übergriffe aufkam, schossen ihr die Tränen ins Gesicht. Die Anwältin der Frau forderte vor Gericht eine Genugtuung von 10'000 Franken.

Die Verteidigerin des Beschuldigten forderte von Gericht einen Freispruch und die Abweisung der Zivilforderung. Die beiden hätten oft im selben Bett übernachtet. Dabei sei auch vereinbart worden, dass es zu Zärtlichkeiten kommen dürfe und dass man in Löffelchenstellung schlafe. Die Frau habe nie klar gesagt, dass sie das nicht wolle. Auch nicht, als er ihr einmal einen Klaps auf den Po gegeben habe.

Da die Frau die Grenzen nie aufgezeigt habe, hätte der Mann hellseherischen Fähigkeiten haben müssen, um zu erkennen, dass sie keine Zärtlichkeiten wolle. Zudem habe sie selber gesagt, er sei behutsam vorgegangen. Das zeige auch, dass sie beim Vorfall wach gewesen sei, und davon sei auch der Beschuldigte ausgegangen. Zudem habe die Frau ein Motiv: Sie sei ja damals in einer festen Beziehung gewesen und habe wohl ein schlechtes Gewissen gehabt.

Kein Landesverweis

Das Gericht folgte der Argumentation der Verteidigerin nicht. Es verurteilte den Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten. Ausserdem wurden ihm die Kosten des Verfahrens von etwas über 18'000 Franken aufgelastet. Zudem muss er der Privatklägerin 2500 Franken Genugtuung bezahlen. Insgesamt 20'500 Franken.

Von einem Landesverweis sahen die Richter ab, da kein Härtefall vorliege. Der Mann hat nur wenig Bezug zu Italien, der Heimat seiner Grosseltern. Bereits sein Vater wuchs in der Schweiz auf, seine Muttersprache ist Deutsch. Zudem sei der junge Mann noch mitten in der Ausbildung.

Zwar gehört Schändung zum Deliktkatalog, der einen Landesverweis erfordert. Die Richter kamen jedoch zum Schluss, dass es sich zwar um ein Sexualdelikt handle, jedoch nicht eines, das die öffentliche Sicherheit gefährde. Schliesslich habe der junge Mann nicht jemand Wildfremdes auf der Strasse angefallen. «Vom Sicherheitsaspekt ist es vertretbar, dass Sie hier bleiben», sagte der Richter zum 21-Jährigen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

(jeb)