Teppichklopfer an Tagesordnung

30. August 2018 12:25; Akt: 30.08.2018 14:34 Print

So hart geschlagen, dass sie nicht sitzen konnte

Ab Freitag werden im Anna Göldi Museum in Ennenda GL Porträts von Menschen gezeigt, die als Verdingkinder aufwuchsen. Die Ausstellung steht in aktuellem politischem Kontext.

storybild

Elisabeth Marti, ehemaliges Verdingkind, in ihrem Wohnzimmer, fotografiert von Peter Klaunzer am 1. Juni 2018 in Schwanden GL. Ihr Porträt ist Teil der Fotoausstellung «Verdingkinder, Portraits von Peter Klaunzer». (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die 85-jährige Elisabeth Marti hat gerade keine Zeit für ein Gespräch. Es steht Kundschaft im Laden. Die Geschäfte im eigenen Sportgeschäft laufen rund. Später, als der Kunde gegangen und die Ware verkauft ist, sagt sie: «Ich arbeite leidenschaftlich gerne.» Sie ist nicht nur Unternehmerin, sondern auch Buchautorin. Ihr Werk «Mutanfall» war ein Bestseller.

Doch ihr Start ins Leben war hart: Sie war das zweitälteste von vier Geschwistern. Als der Vater starb, brachte die Mutter die damals vierjährige Elisabeth auf einen Bauernhof. Statt Spielen und Lernen stand für Elisabeth Arbeiten auf dem täglichen Stundenplan. «Die Bäuerin habe ich als ganz böse Frau in Erinnerung», sagt sie. Schläge mit dem Teppichklopfer waren an der Tagesordnung. Manchmal konnte Elisabeth vor Schmerzen nicht mehr sitzen und kaum gehen.

Nach der Schulzeit arbeitete Elisabeth Marti als Haushalts- und Küchenhilfe, in der Pflege und als Kinderbetreuerin. Zusammen mit ihrem Ehemann eröffnete sie ein Elektrofachgeschäft, das die beiden aber aufgeben mussten. Heute führt Elisabeth Marti zusammen mit ihrer Tochter ein Sportgeschäft. Sie ist viel gereist, hat das Klettern und den Sport für sich entdeckt. «Es gab einen Zeitpunkt, wo ich mich entscheiden musste: entweder für immer leiden oder den Mut aufbringen, das Leben zu leben.»

Schicksale erhalten Gesicht

Dass sie nun vom Fotografen Peter Klaunzer porträtiert wurde, findet sie wichtig, aber nicht um ihretwillen. «Die Verdingkinder sollen nicht in Vergessenheit geraten. Und sie stehen auch dafür, dass es immer Ungerechtigkeiten gibt, vor denen man nicht die Augen verschliessen sollte.»

In seinen Bildern nähert sich Peter Klaunzer bewegenden Lebensgeschichten wie jener von Elisabeth Marti behutsam an. Er ermögliche einen Einblick in die heutigen Lebensumstände der betroffenen Personen, heisst es in der Einladung zur Ausstellung. Die Ausstellung ist auch eine Hommage an hunderttausende Betroffene, die oftmals unerkannt und nicht gewürdigt bleiben. Die Ausstellung will zur Rehabilitation der Verdingkinder beitragen.

Auf die Idee zur Ausstellung kam Peter Klaunzer Ende 2014, als er für die Fotoagentur Keystone (heute Keystone-SDA) die Einreichung der Wiedergutmachungsinitiative auf dem Bundesplatz fotografierte. Er kam damals mit ehemaligen Heim- und Verdingkindern in Kontakt und sah, wie schwierig diese Ausgangslage für das spätere Leben dieser Menschen war.

Die Ausstellung wurde zuerst von November 2016 bis Juni 2017 im Käfigturm in Bern gezeigt. Die Ausstellung im Anna Göldi Museum ist adaptiert und bis zum 28. Oktober dort zu sehen.

Weniger Gesuche als erwartet

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz bis 1981 angeordnet worden. Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele wurden misshandelt oder missbraucht. Menschen wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt oder ohne Gerichtsurteil weggesperrt, weil ihre Lebensweise nicht den Vorstellungen der Behörden entsprach.

Das Parlament entschied im September 2016, dass ehemalige Verdingkinder und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vom Bund einen Solidaritätsbeitrag von bis zu 25'000 Franken erhalten sollen. Insgesamt stehen 300 Millionen Franken zur Verfügung. Gesuche konnten bis am 31. März 2018 eingereicht werden. Die Zahl der Gesuche blieb mit 9000 aber deutlicher tiefer als die erwarteten 12'000 bis 15'000.

(sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • spymek am 30.08.2018 12:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Grossvati

    Eines der traurigeren Kapitel der schweizer Geschichte. Auch mein Opa, musste dies persönlich erfahren. Darüber gesprochen hat er mit uns Enkeln nie. Ich weiss nur das, was mir mein Vater erzählte und auch diese Infos sind spährlich. Trotzdem liess sich mein Opa nichts anmerken, und war zeitlebends stets ein warmherziger Mensch. Hut ab, Grossvati.

    einklappen einklappen
  • Minnie Mouse am 30.08.2018 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte prüft das, was ihr rauslasst!

    Rechnen ist wirklich schwer - die gute Frau ist 85, nicht 65! Liest eigentlich noch jemand den Schmarrn, den er verfasst? Es freut mich, dass diese Frau trotz all der harten Arbeit noch so rüstig ist und ihr Leben geniessen kann! Alles Gute weiterhin!

    einklappen einklappen
  • Frau am 30.08.2018 12:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schande

    25000 Fr. ist keine Wiedergutmachung für all die Opfer die ein Leben lang unter dieser Misere vom Bund toleriert und gefördert leben mussten. Vor einigen Jahren musste ich nach dem Tode meiner Eltern selber bei der Erbverteilung erfahren, dass ich eine Schwester habe. Aus Scham hatte meine Mutter immer geschwiegen. Als es um das Erbe ging stand der Staat plötzlich auf der Matte. Aus dem einfachen Grund weil meine Schwester durch ihre Vorgeschichte unfähig ist, selbstständig zu leben. Zuerst werden die Kinder weggenommen, die Rechnung wird dann präsentiert. Ach ja. Ich liebe meine Schwester

Die neusten Leser-Kommentare

  • So viele Hiebe, so viele Schläge am 30.08.2018 19:22 Report Diesen Beitrag melden

    und keiner hat was gemerkt?

    Da wurde gelitten, geschwiegen nur nicht geredet über das, was passierte. Aus welchen Gründen auch immer. Verdingkinder freilich mussten untergebracht werden - weil arme Familien die Gemeinden "belasteten." Diese Kinder sollten einen Beitrag zu ihrem Unterhalt leisten. Warum aber wurde auch in so genannt besseren Familien geschlagen? Weil Gewalt und Macht so nah zusammen, so einschüchternd sind, dass aus purem Selbstschutz nicht geredet wurde. Umso mutiger, dass nicht länger geschwiegen wird. Weder hinter weissen Gardinen noch hinter roten Geranien.

  • Hosche am 30.08.2018 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Schläge

    Mein Bruder und ich wurden von unseren Eltern nie geschlagen. Genauso haben meine Frau und ich es auch mit unseren eigenen Kindern gehalten. Wer sich an den Schwächsten vergreift, ist in meinen Augen einfach nur erbärmlich.

  • Burebueb am 30.08.2018 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein wenn und aber

    Das mit dem Verdingen war und bleibt eine unselige Geschichte,aber heute haben wir zu gute Zeiten im Vergleich zu damals,aber nichtintakte Elternhäuser gibt es heute noch,also eine glückliche Jugend geht nur mit Harmonie bei den Eltern einher, die dann automatisch nicht gegeneinander erziehen, aber streng und konsequent sind mit den Kindern !

  • Studi am 30.08.2018 18:26 Report Diesen Beitrag melden

    240'000.-

    Der rührende Satz "kein Geld dieser Welt kann das Unrecht aufwiegen" dient nur dazu, die Opfer mit einer geringen Summe abzuspeisen. Korrekt wäre mindestens "bis zu 240?000.- Schweizerfranken" für ein Sklavenleben. Und das mit der Frist zum Einreichen des Gesuchs... die abgelaufen ist. Was soll das? Opfer ist Opfer und Schuld bleibt Schuld.

  • Minnie Mouse am 30.08.2018 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin schockiert!

    Mir kommt es vor, als wäre die Schweiz ein Land von Primitivlingen, die aus Frust über ihr eigenes Unvermögen ihre Kinder als Prügelknaben missbrauchen! Es macht mich so traurig, das zu lesen! Ich kann nun nachvollziehen, warum so viele Menschen dermassen verbittert sind!