Geheimer Zirkel

29. September 2015 18:56; Akt: 30.09.2015 09:12 Print

St. Galler «Mafia» steuerte die Papst-Wahl

Eine belgische Biografie wartet mit brisanten Enthüllungen auf: Ein kirchlicher Geheimzirkel traf sich regelmässig in St. Gallen. Ziel der Männer: die Wahl von Papst Franziskus.

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Dieser Tage veröffentlichten die belgischen Historiker Jürgen Mettepenningen und Karim Schelkens eine Biografie des Erzbischofs von Brüssel, Kardinal Godfried Danneels (82). Das 592-seitige Werk hat es in sich – vor allem aus St. Galler Sicht, wie Radio FM 1 am Dienstag berichtete.

Danneels outet sich darin als Mitglied der sogenannten «St. Galler Gruppe». Diese habe aus Kardinälen und Bischöfen bestanden und sich ab 1996 in regelmässigen Abständen getroffen – in aller Heimlichkeit. Bisweilen sollen dem klandestinen Zirkel 45 Geistliche angehört haben.

Auch Papst Franziskus war dabei

Gemäss der Biografie fand das erste Treffen 1996 in St. Gallen statt. Initianten waren der damalige St. Galler Bischof Ivo Fürer und der damalige Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Martini, der als «Anti-Papst» galt. Es waren liberale Kirchenmänner, die sich eine fundamentale Reform der katholischen Kirche wünschten. Ihnen gehörte auch Jorge Mario Bergoglio an, der heutige Papst Franziskus. Intern nannten die Geistlichen ihre Gruppe laut den Biografen «Mafia». Ihre Treffen hätten sie jeweils als spirituellen Urlaub getarnt.

Als 2005 Papst Johannes Paul II. starb, versuchte die «St. Galler Gruppe» ein erstes Mal, Bergoglio in Position zu bringen. Die Gruppe unterlag jedoch knapp: Papst wurde der konservative Deutsche Joseph Ratzinger, später Benedikt XVI. Laut den Biografen hatte die St. Galler Gruppe fortan den Sturz Ratzingers zum Ziel. Dieser trat im Februar 2013 von seinem Amt zurück, geschwächt nicht zuletzt von der sogenannten Vatileaks-Affäre. Es war der erste Rücktritts eines Papstes seit 700 Jahren. Ratzinger führte gesundheitliche Gründe für den Schritt an.

«Rein freundschaftliche Treffen»

Beim Bistum St. Gallen bestätigte man am Dienstag die Treffen der Geistlichen. «In der Zeit zwischen 1996 bis 2006 fanden jährlich Treffen zwischen Kardinälen und Bischöfen in St. Gallen statt,» so Bistumssprecherin Sabine Rüthemann gegenüber 20 Minuten. Es seien «rein freundschaftliche Treffen» gewesen: «Die Geistlichen hatten sich im Rat der europäischen Bischofskonferenz kennengelernt und wollten in Kontakt bleiben.» Natürlich habe man sich angesichts des sich abzeichnenden Todes von Johannes Paul II. Gedanken über dessen Nachfolge gemacht, so Rüthemann. Und es sei auch so, dass Jorge Mario Bergoglio damals der Wunschkandidat der Personen um Bischof Fürer gewesen sei. Von einem klandestinen Charakter der Zusammenkünfte will Rüthemann jedoch nichts wissen.

Dieser Darstellung widersprechen die Aussagen von Alfred Dubach, dem ehemaligen Leiter des Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen und intimen Kenner der Bistums St. Gallen jener Tage. «Ich habe damals nichts mitbekommen von Treffen mit Kardinälen», sagt Dubach. «Wenn es sie gab, müssen sie in aller Heimlichkeit stattgefunden haben.» Der emeritierte Bischof von St. Gallen, Ivo Fürer, war gestern für die Medien nicht zu sprechen. Via Bistum liess er ausrichten, dass die Wahl von Bergoglio alias Franziskus der Zielsetzung entsprochen habe, die in St. Gallen verfolgt worden sei. Sein Nachfolger Markus Büchel wollte sich ebenfalls nicht äussern. Laut dem Bistum war Büchel nie Mitglied dieses Zirkels. Als damaliger Bischofsvikar habe er am Rande Kenntnis von den Treffen gehabt, sei aber nie dabei gewesen.

«Keine finsteren Machenschaften»

Laut Sabine Rüthemann fand das letzte Treffen in St. Gallen 2006 statt. Doch offenbar war das nicht das Ende der «St. Galler Gruppe»: 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio doch noch zum Papst gewählt. Kardinal Godfried Danneels stand nach der Wahl strahlend gleich neben ihm auf dem Petersplatz.

Der Zürcher Journalist und Theologe Michael Meier wertet es als «herausragende Leistung der Gruppe», dass sie es geschafft habe, Bergoglio ein zweites Mal zu portieren und durchzubringen. So etwas könne man nicht in aller Öffentlichkeit vorbereiten. An finstere Machenschaften der Gruppe glaubt er hingegen nicht. Meier: «Wenn es um Papstwahlen geht, sind die Verschwörungstheorien nie weit.»

(mlü/eli)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Armin am 29.09.2015 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ob klandestin oder nicht

    Danke Bischof Ivo! Dieser Papst ist weitaus menschlicher und volksnäher als seine Vorgänger. Typisch Bistum St. Gallen eben. ;)

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  • Ken am 29.09.2015 19:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Zeitalter des Bewustseins ist da

    Und siehe, es kommt soviel ans Licht. Interessant.

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  • Vreni Hauser am 29.09.2015 19:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so!

    Dieser Zirkel soll doch bitte weiter arbeiten. Da wäre als Nächstes das Frauenpriestertum, Zölibat, Abschaffen von fast heidnischem Heiligenkult und dem ganzen rituellen Brimborium. Mein Text ist vielleicht zu radikal.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jünger Andreas am 30.09.2015 23:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Fortschritt

    Zwar ein guter neuer Papst , die Borgias lassen trotzdem grüssen. Leider geht es im Vatikan weiterhin nur um Macht und Intrigen. Der alte Papst ist wohl mehr aus seinem Amt gedrängt worden als ihm lieb war. Insgesamt ist der Verein immer noch so verlogen wie im Mittelalter.

  • Beobachter am 30.09.2015 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    Big too fail.

    Es gibt nur wenig Menschen die wirklich wissen, was ab geht in diesem Laden.

  • Musikus am 30.09.2015 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Intrige der Erzkonservativen

    Ich halte das als reine Erfindung des Ratzingerclans. Es es auch kein Zufall, dass diese Intrige gerade vor der Bischofskonferenz über die Familie lanciert wird. Die Erzkonservativen um Bischof Müller der Glaubenskongregation bringen sich in Stellung, indem sie Papst Franziskus schon im voraus schwächen wollen. Das ist nur allzu durchsichtig.

  • Nichtswisser am 30.09.2015 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    wenn man alles Wüste

    Gut weiss man wenig oder nichts, das ist das Beste. Ein Top-Banker hat mir einmal gesagt, er wisse Viel aber nicht alles was in der Bank läuft sei aber Froh dass er nicht alles Wisse, sonst könnte er mit seinem Gewissen nicht mehr leben.

  • Elia Evang am 30.09.2015 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    .........

    Wäre er schon vor 10 gewählt worden, hätte er schon 10 Jahre lang Gutes bewirken können. Ich finde diesen Papst top. Selbst bin ich aber evangelisch.