Fasnacht Wangs SG

25. Februar 2020 12:24; Akt: 25.02.2020 17:30 Print

«Als ‹Neger› wurde ich noch nie bezeichnet»

Vor dem Fasnachtsumzug in Wangs SG tauchte auf einem Wagen das Wort «Neger» auf. Dieses wurde später abgedeckt. Dem Urheber droht ein Nachspiel.

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So sah das Sujet aus, bevor das Wort «Neger» abgeklebt wurde. Am Umzug war das Wort abgeklebt. Rassismus war auch bei der Bechtelisnacht 2020 in Frauenfeld ein Thema. Mit diesem Post machte die junge Frau ihrem Ärger via Facebook Luft. Was folgte waren üble Anfeindungen bis hin zur Aufforderung zum Suizid. Ein Bild der Bechtlisnacht. Unter anderem störte sich die Frau an Blackfacing. Blackfacing oder Blackface nennt man es, wenn sich Weisse mit Schminke die Haut dunkler machen, um so wie ein Mensch einer anderen Herkunft auszusehen. Meistens wie Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Dazu gehört oft auch ein passendes Kostüm und eine entsprechende Frisur, wie zum Beispiel ein Afro.Hier wird eine niederländische Tradition gezeigt. Der Zwarte Piet ist in den Niederlanden und Flandern der Helfer des Sinterklaas, des Heiligen Nikolaus in der niederländischen Überlieferung. Gegen die Tradition vom Black Pete gab es auch schon Demonstrationen. Für Rassismus-Experte Dominic Pugatsch war damals klar: «Im Rahmen einer Fasnacht oder eines Anlasses wie der Bechtelisnacht kann ein Kostüm durchaus rassistisch wirken.» Wichtig sei für ihn, dass man jeden Fall einzeln betrachtet. Pauschalisierungen seien schwierig. Der Fall aus Frauenfeld erinnert an die Rassimus-Debatte rund um die Basler Fasnachts-Clique Negro-Rhygass und die Gugge Mohrekopf. Den beiden wurde vorgeworfen, ihre Namen würden nicht mehr der heutigen Zeit entsprechen. Das Emblem der Negro-Rhygass wurde zudem kritisiert. Das Emblem zeigt eine schwarze Figur mit Knochen-Haarschmuck. Es kam zu einem Solidaritätsmarsch. Die Clique trennte sich trotz der Unterstützung vom Emblem.

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«Wie viele ‹Neger› brauchen wir in St. Gallen?», steht auf dem blauen Fasnachtswagen, der vor dem Umzug von Wangs am Samstag auf einem Gelände steht. Über dem Schriftzug sind Plakate von Kandidierenden der FDP für die Kantonsratswahlen vom 8. März. Daneben ist ein Kandidat nochmals auf einem grossen Plakat abgebildet. Es ist Nirosh Manoranjithan (28), dessen Eltern aus Sri Lanka stammen.

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Bei bei der Fasnachtsgesellschaft Wangs kommt das gar nicht gut an. Sie fordern Walter Brandstetter, der den Wagen angemeldet hatte, auf, das Wort, welches einige bestimmt diskriminierend auffassen, unkenntlich zu machen. Ansonsten werde ihm die Teilnahme verweigert. Darauf wird das Wort mit Klebeband abgeklebt.

Doch viele haben mitbekommen, was unter dem Klebeband stand. Im Nachgang zum Umzug und erster medialer Berichterstattung klingelt das Telefon von Manoranjithan fast ununterbrochen. Er selbst war auch am Umzug, hatte aber damals nicht realisiert, was unter dem Klebeband stand. «Damit hätte ich auch nicht gerechnet», so Manoranjithan zu 20 Minuten. Dass er in einem Fasnachtssujet vorkommt, das schon. «Ich bin im Gemeinderat von Wangs. Dass lokale Politiker an der Fasnacht auf die Schippe genommen werden, ist ganz normal und auch in Ordnung», sagt der 28-Jährige, der selber ein Fasnachtsfan ist. «Ich nehme mir jeweils extra frei.»

Nie als «Neger» bezeichnet worden

Doch als «Neger» bezeichnet zu werden, das hätte er nicht erwartet. «Das passiert mir ehrlich gesagt zum ersten Mal.» Er lebe seit 28 Jahren in Wangs, ist in der Schweiz geboren. Seine Eltern stammen aus Sri Lanka. Manoranjithan suchte das Gespräch mit Walter Brandstetter. Doch das habe nichts gebracht.

Walter Brandstetter, der das Sujet kreiert hatte, fühlt sich missverstanden. «Das Motto des Wagens war Wahlen 2019/2020», sagt er zu 20 Minuten. Bei den Parlamentswahlen 2019 habe das Sarganserland keinen Nationalrat erhalten. «Weil die Parteien sich nicht mehr auf gemeinsame Kandidaten aus der Region einigen.» Früher hätte das Sarganserland sogar zwei Räte nach Bern geschickt. Im März sind Kantonsratswahlen, deshalb habe er das Sujet so gewählt. Der Spruch unter den FDP-Plakaten sei falsch verstanden worden. «Für mich ist ‹Neger› kein Schimpfwort.» Das sei so was wie ‹Tubel›, das man mal so dahersagt. Doch er habe vor dem Umzug aufgrund von Reaktionen gemerkt, dass der Spruch falsch verstanden werde. Deshalb habe er das Wort abgeklebt.

Stammt nicht aus Afrika

Obwohl das Wort am Umzug abgeklebt war, könnte das Sujet ein juristisches Nachspiel für Brandstetter haben. Die FDP und auch Manoranjithan überlegen sich, Anzeige zu erstatten. Die Polizei hat schon reagiert. Am Mittwoch wird Brandstetter polizeilich befragt. «Darauf wird der Staatsanwaltschaft Bericht erstattet», sagt Kapo St.Gallen-Sprecher Pascal Häderli. Diese entscheidet dann, ob ein Verfahren eröffnet wird.

Am Dienstagnachmittag wollte Brandstetter mit dem Wagen am Umzug in Mels SG teilnehmen. «Ich habe das Wort abgeschliffen», sagte Brandstetter im Vorfeld. Doch das nutzte nichts: Die Fasnachtsgesellschaft Mels hatte sich entschieden, Brandstetter wegen dem rassistischen Motiv die Teilnahme am Umzug zu verwehren. Am Umzug nahmen über 50 Gruppen teil.


(jeb)