Drama am Lagginhorn

03. Juli 2012 17:08; Akt: 04.07.2012 17:22 Print

Die Jugendlichen waren nicht angeseilt

Bei den fünf Todesopfern am Lagginhorn handelt es sich um Deutsche, vier von ihnen sind Kinder oder junge Erwachsene. Die Polizei hat zwei Theorien, wie es zum Unglück am Walliser 4000er kam.

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Die fünf in den Walliser Alpen ums Leben gekommenen Bergsteiger stammen aus Deutschland. «Zur Gruppe gehörten zwei Väter mit erwachsenen Söhnen und einer minderjährigen Tochter, es waren alles Deutsche», sagte eine Mitarbeiterin einer Berghütte am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Sie stammen aus den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Berlin.

Wenig später bestätigte die Walliser Kantonspolizei diese Informationen. Bei den Opfern handelt es sich um die 14-jährige Tochter und den 20-jährigen Sohn des Überlebenden, weiter um einen 44 Jahre alten Mann und dessen 17-jährigen Sohn sowie um einen 21-jährigen Kollegen der Jugendlichen.

Sechs Bergsteiger waren am Dienstagmorgen gegen 5 Uhr aufgebrochen und zur Mittagszeit auf dem Gipfel des 4010 Meter hohen Lagginhorns angekommen. Um etwa 13 Uhr stürzten fünf von ihnen auf dem Abstieg kurz unterhalb des Gipfels ab. Einer der sechs Alpinisten überlebte, weil er wegen eines Schwächeanfalls 100 Meter vor dem Gipfel zurückblieb.

Wenige Stunden nach dem Unglück entstanden diese Helikopteraufnahmen vom Unglücksort. (Video: Keystone)

Opfer nicht angeseilt

Nach ersten Erkenntnissen waren die Bergsteiger zum Unfallzeitpunkt nicht angeseilt, heisst es in einer Mitteilung der Walliser Kantonspolizei vom Mittwochvormittag. Sie geht derzeit von zwei Hypothesen aus, wie Sprecher Renato Kalbermatten zur Nachrichtenagentur SDA sagte. Entweder sei der Schnee so glatt gewesen, dass einer der Alpinisten ausgerutscht sei und die anderen mitgerissen habe - oder der Untergrund habe nachgegeben, sagte Kalbermatten.

Laut dem Polizeisprecher reisen nun die Familienangehörige der Opfer ins Wallis. Dann werde man zusammen mit der deutschen Botschaft und den Behörden entscheiden, wie es weitergehe.

Die Gruppe hat in der Weissmieshütte übernachtet. Hüttenwart Norbert Burgener vermutete in einem Interview mit dem Radiosender hr1, dass der Gruppe wohl die Erschöpfung zum Verhängnis geworden sei. «Wir sind auf der Hütte auf 2700 Metern und dann geht man auf 4000 Meter hoch. Normalerweise in vier Stunden, dann kommt aber die Müdigkeit dazu.» Eine Lawine war laut Burgener wohl nicht der Auslöser des Unglücks.

Unklar ist laut Arthur Anthamatten, einem anderen Hüttenwart der Weissmieshütte, welche Auswirkungen die Regenfälle vom Vortag auf den Schnee gehabt hätten. Der diplomierte Bergführer war am Dienstag nicht selber in der Hütte. Er sagte der SDA aber, er hätte an diesem Tag keine Bedenken gehabt, den Berg zu besteigen. Anthamatten hat das Lagginhorn über 50-mal bestiegen, stets angeseilt.

Thomas Stucki, Lawinenprognostiker beim WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos GR, kann keine genauen Angaben zu den Schneeverhältnissen am Lagginhorn machen. Grundsätzlich sei die Situation normal, «das heisst so, wie man sie zu dieser Jahreszeit erwarten kann».- «Ob die Verhältnisse am Lagginhorn gefährlich sind, kann man nur vor Ort beurteilen.»

Lagginhorn gilt als einfacher 4000er

Der Lagginhorngipfel liegt im Saas-Tal, rund zehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Die Tour auf das Lagginhorn gilt als eher einfache Route, die meistens über weniger schwierige Felsen führt, sagt ein Bergführer, der auch zum Rettungsteam gehörte, gegenüber 20 Minuten Online.

Erst vor wenigen Tagen bestieg die ehemalige Miss Schweiz Linda Fäh das Lagginhorn. Sie möchte im Herbst das Matterhorn bezwingen und begab sich deshalb auf diese Anfänger-Tour, um dafür zu trainieren.

Schlimmster Bergunfall in diesem Jahr

«Allerdings», so der Bergführer weiter, «passieren mehr Unfälle auf vermeintlich leichteren Touren.» Der Berg werde schneller unterschätzt. Ob dies auch beim aktuellen Unglück der Fall war, ist nicht klar. Die Bedingungen waren laut Bergführer zum Unglückszeitpunkt gut. Durch Neuschnee kann der Aufstieg allerdings tückisch werden.

Das Unglück ist der schlimmste Bergunfall in der Schweiz in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr kamen in der Schweiz beim Bergsteigen oder Bergwandern 151 Menschen bei 135 Unfällen ums Leben. 29 davon waren ausländische Staatsangehörige.


Das Lagginhorn liegt bei Saas-Grund (Bild: Google Maps)

(rme/sda)