«Es drohen US-Zustände»

31. Januar 2014 12:22; Akt: 31.01.2014 13:45 Print

Gang-Krieg in Schweizer Gefängnis

Massenschlägerei im Esssaal, Aufstand gegen Aufseher: Im völlig überfüllten Gefängnis Champ-Dollon bekämpfen sich mehrere Clans. Das sei erst der Anfang, warnen Gefangenen-Vertreter.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es waren Szenen wie aus einem Gefängnis-Film: Am Sonntag gegen 18 Uhr gingen in der Justizvollzugsanstalt Champ-Dollon ein Dutzend Häftlinge aufeinander los. Tags darauf setzte sich der Kampf beim Spaziergang auf dem Hof fort: Dieselben Häftlingsgruppen – Albaner und Afrikaner – lieferten sich eine heftige Schlägerei. Die «Tribune de Genève» schrieb am Donnerstag von einem «Bandenkrieg».

Die Gefängnisleitung bestraft elf Männer wegen der Massenschlägereien und verschärfte ihre Haftbedingungen. Am Dienstag probten dann zwölf Häftlinge mit albanischen Wurzeln den Aufstand: Sie weigerten sich, in ihre Zellen zurückzukehren, und protestierten damit gegen die Bestrafung ihrer Landsleute. Die Aufseher mussten durchgreifen. Seither sei die Ordnung wieder hergestellt, sagt der Direktor der Anstalt, Constantin Franziskakis. «Es ist an uns zu zeigen, dass wir die Oberhand haben.»

Dass zwei Gruppen von Häftlingen um die Herrschaft im Gefängnis kämpfen, komme hin und wieder vor. In Champ-Dollon werden die Häftlinge deshalb bewusst so auf die verschiedenen Abteilungen verteilt, dass sich keine Gruppen bilden. Man wolle «verhindern, dass eine einzige ethnische Gruppe eine Einheit bildet und so stärker wird als andere Gruppen», sagt Franziskakis.

«Es ist eine Notsituation»

Verschiedene Gruppen von Häftlingen gab es gemäss Peter Zimmermann von der Selbsthilfegruppe für Strafgefangene Reform 91 schon früher. Allerdings habe sich die Aggression der Insassen damals eher gegen die Aufseher gerichtet. Seit wenigen Jahren ist dies anders. So artete beispielsweise 2009 in Lugano ein Streit zwischen Albanern und Dominikanern aus. Am Ende gingen 20 Insassen mit Fäusten und Stichwaffen aufeinander los und die Polizei musste anrücken.

Diese Entwicklung hängt laut Zimmermann eng mit der Überbelegung zusammen: Das Gefängnis war 1977 für 270 Häftlinge gebaut worden, heute sitzen über 800 Häftlinge darin ein und sind die Aufseher klar in der Minderheit. Auch andere Schweizer Gefängnisse sind überfüllt. «Es ist eine Notsituation», sagt Zimmermann. Die Gefangenen fühlten sich eingepfercht, vernachlässigt, fänden kein Gehör und entwickelten so Aggressionen.

«Lage ist brandgefährlich»

«Sie wollen sich gegen die Zustände wehren», so Zimmermann. In den verschiedenen Clans fänden sie dann Gleichgesinnte und diese wiegelten sich gegenseitig auf. «Das geht so weit, dass gewisse Häftlinge einfach nur noch zuschlagen wollen.» Dass die Aufseher in Champ-Dollon nicht schon vorher eingegriffen haben, zeige, dass sie überfordert seien. Zimmermann warnt: «Die aktuelle Lage ist brandgefährlich. Wenn wir nichts gegen die unhaltbaren Zustände unternehmen, wird es kommen wie in den USA, wo Clans und Gewalt die Gefängnisse beherrschen.»

(hal)