Urteil in Genf

09. Oktober 2015 20:58; Akt: 10.10.2015 02:20 Print

Kind stirbt an Transfusion – Ärztin freigesprochen

Eine Genfer Ärztin stand wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Nach einem siebenjährigen Verfahren entscheiden die Richter, dass die Frau unschuldig ist.

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Das Universitätsspital in Genf soll schlecht organisiert gewesen sein: Ein Gebäude des HUG in Genf. (10. Juni 2015) (Bild: Keystone/Martial Trezzini)

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Eine Ärztin der Genfer Universitätsspitäler (HUG) ist nicht für den Tod eines dreijährigen Kindes verantwortlich zu machen, entschied das Genfer Polizeigericht. Das Kind war im Februar 2009 an den Folgen einer verunreinigten Bluttransfusion gestorben.

Zehn Stunden, bevor das Kind die vermeintlich lebensrettende Transfusion bekam, war das mit Bakterien verunreinigte Blut des gleichen Spenders einem anderen Patienten verabreicht worden. Dieser 37-jährige Patient erlitt daraufhin einen septischen Schock und musste auf der Intensivstation behandelt werden.

Gefängnisstrafe gefordert

Die Genfer Staatsanwaltschaft warf der Ärztin fahrlässige Tötung vor. Sie habe das Blut nach diesem Fall nicht rasch genug aus dem Verkehr gezogen. Damit hätte die verhängnisvolle Transfusion an das Kind vermieden werden können, argumentierte Staatsanwalt Gregory Orci. Er beantragte eine bedingte Gefängnisstrafe von einem Jahr.

Die Ärztin bekräftigte während des Prozesses, erst am Folgetag die schwerwiegenden Folgen für den 37-jährigen Patienten entdeckt zu haben, der die Bluttransfusion zuerst bekam. Sie sei bei den HUG nicht für die klinische Behandlung zuständig gewesen und nicht über die Konsequenzen beim ersten Patienten informiert worden.

Schlechte Organisation

Das Genfer Polizeigericht sprach die Ärztin nun frei. Sie trug zur damaligen Zeit die Verantwortung für das Labor für Immunologie und Hämatologie bei den HUG. Laut dem Gericht sollte das Labor nach den damaligen Richtlinien Blut nur dann zurückziehen, wenn sich von Auge sichtbare Anomalien zeigten. Dies sei bei einer bakteriellen Infektion nicht der Fall.

Die Ärztin könne nicht vollumfänglich verantwortlich gemacht werden für sämtliche Transfusionen, argumentierte das Gericht weiter. Es betonte überdies die damalige schlechte Organisation der HUG. Die Freigesprochene wird die Anwaltskosten rückerstattet bekommen. Insgesamt hatte das Verfahren fast sieben Jahre gedauert.

«Leben zur Hölle gemacht»

Sie teile den Schmerz der betroffenen Familie, sehe sich aber zu Unrecht angeklagt, sagte die Ärztin. Sie habe ihre Arbeit stets nach bestem Gewissen gemacht. Das Verfahren aber habe ihr das Leben zur Hölle gemacht.

Die Eltern des verstorbenen Kindes waren beim Prozess nicht zugegen. Sie hatten sich bereits vor Prozessbeginn als Partei aus dem Justizverfahren zurückgezogen. Staatsanwalt Orci konnte am Freitag noch nicht sagen, ob er gegen das Urteil Berufung einlegen werde.

(dia/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manu am 10.10.2015 05:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ärzte sind keine Götter

    Ich kann das Geheule von wegen Götter in Weiss nicht mehr hören. Ärzte sind normale Menschen die eine Ausbildung und eine Weiterbildung gemacht haben. Wie Tausende Andere auch. Patienten müssen auch mitdenken. Jede Therapie, OP, Spiegelung, Fusion haben / können Komplikationen und unvorhersehbares hervorbringen. Das ist ein Risiko mit dem wir Leben müssen. Es ist einfach mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Wer ohne Schuld der werfe den ersten Stein.......... Sie wurde frei gesprochen, dass sollte nach so langer Zeit respektiert werden.

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  • soso am 09.10.2015 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    kokolores

    Mit Fremdblut ist dies immer so eine Sache! Wie kann es eigentlich passieren, dass verunreinigtes Blut transfundiert wird? Wird dies vor der Transfusion nicht zuerst untersucht? Nehme mal an, dass es Spenderblut war, wo ich dachte, dass sämtliches gespendetes Blut vorgängig untersucht.

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  • Walter Meiee am 09.10.2015 23:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch offene Fragen?

    Leider ist nichts über den Blutspender bekannt? Hat er den Fragebogen wahrheitsgetreu beantwortet? Wurde die Invasion vom Spender verunreinigt oder beim nachfolgenden Prozess von dritt Personen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Minutemaid am 10.10.2015 23:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mich würde ja interessieren...

    ...wie viele Menschen sterben eigentlich im Jahr wegen Bluttransfusionen? Wird dies eigentlich je publik gemacht?

  • hat er gesagt, nämlich am 10.10.2015 19:51 Report Diesen Beitrag melden

    Wahre Geschichte, so passiert

    Ich habe schon mal eine Story unter Kommilitonen gehört, dass eine geile Aerztin einem adipösen Patienten Medikamente gegen Diabetes gab, um diesen zu ängstigen, so dass dieser der Gesundheit zuliebe schneller bereit war abzunehmen. Dieses Medikament schädigte dann die Leber des Patienten. Nun hängt der Patient an der Dialyse zuckerkrank ist er aber zum Glück nicht.

    • Schwester Grimm am 10.10.2015 22:12 Report Diesen Beitrag melden

      Wers glaubt

      Hänsel und Gretel im 21 Jahrhundert, aber nur halb so spannend. Leber kaputt und hängt an der Dialyse, warum weiss niemand, denn die Niere ist noch gesund. Hauptsache man hat ein Märchen zu erzählen.

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  • Fritzi am 10.10.2015 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Schande über die Ärzteschaft

    Stunden zuvor erlitt ein Patient durch dasselbe Blut einen septischen Schock, und es wurde nicht überprüft vor einer weiteren Transfusion? Das giesst nur noch Öl ins Feuer, was den Zustand an den schweizer Spitälern von wegen Bakterien und Infektionen angeht. Gebt doch eindlich mal ein strenges Gesetz von wegen Hygiene raus. So etwas darf einfach nicht passieren.

    • Leserin am 10.10.2015 21:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Fritzi

      Oft ist es bei kritisch kranken Patienten schwierig zu beurteilen, ob eine Verschlechterung des Zustand durch eine Transfusion hervorgerufen wurde oder ob einer von vielen anderen Umständen dazu geführt hat!!! So kann es gut sein, dass erst nach Stunden und vielen Untersuchungen die Transfusion als Grund identiviziert wurde!

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  • Bürger am 10.10.2015 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnlos

    Erstens ist auch eine Ärztin nur ein Mensch, dem Fehler unterlaufen können. Zweitens kann sie nicht hellsehen. Warum also hat das Gerichtsverfahren so lange gedauert?

  • RoteZora am 10.10.2015 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keinen blassen Schimmer

    Die Anklage hat ihr Leben zur Hölle gemacht ? Wohl immer noch die bessere Hölle als die der Eltern!

    • Bürger am 10.10.2015 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @RoteZora

      Hätte die Ärztin die Infusion nicht verabreicht, wär das Kind auch tot, so tragisch dies für die Eltern ist, so schade ist es auch, wenn deshalb eine gute Ärztin aufhört zu praktizieren.

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