Nach Felssturz

16. Mai 2012 20:55; Akt: 16.05.2012 20:57 Print

Industriezone bleibt gesperrt

Die Lage in der Tessiner Gemeinde Preonzo beruhigt sich langsam. Neue Felsstürze werden derzeit nicht befürchtet. Doch jetzt droht Gefahr von Schlamm und Wasser.

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In der Nacht auf den 15. Mai 2012 krachte es oberhalb des Tessiner Dorfes Preonzo gewaltig. Nicht weniger als 300'000 Kubikmeter Gesteinsmassen donnerten ins Tal. Aber wie viel sind eigentlich 300'000 Kubikmeter? Sehen Sie in der Folge ein paar Beispiele, welche die unglaubliche Menge greifbarer machen. Riesige Wassermassen stürzen den Rheinfall hinunter. Dennoch würde es - bei mittlerem Pegelstand - immerhin 13 Minuten dauern, bis ein Gefäss, das die Gesteinsmassen von Preonzo beinhaltet, mit Rheinwasser gefüllt wäre. Man könnte den neu erstellten Prime Tower in Zürich komplett aushöhlen und mit Preonzo-Gestein füllen - das Geröll würde überschwappen. Um die Gesteinsmassen zu fassen, müsste der 126 Meter hohe Turm noch rund 40 Meter höher sein. Jeder Schweizer müsste rund 40 Milchpackungen à je 1 Liter schleppen, damit das gleiche Volumen wie bei der Gerölllawine von Preonzo entsteht. Ob Marylin Monroe wusste, dass sie ihre Badewanne rund 1,5 Millionen Mal hätte füllen müssen, um das Preonzo-Volumen zu erhalten? Ein Intercity-Neigezug der SBB ist fast 190 Meter lang. Dennoch ist das Volumen des Preonzo-Bergsturzes rund 142 Mal grösser als dasjenige des gesamten Zuges. Der Monolith auf dem Murtensee erlangte bei der Expo.02 weltweit Berühmtheit. Auch sein Volumen ist beeindruckend: Dasjenige der Preonzo-Gesteinsmassen ist nur rund neun Mal grösser. Wenn jeder Schweizer einen 40-Liter-Rucksack mit dem Preonzo-Gestein füllen würde, würde es gerade knapp reichen, um die Gesamtmenge wieder den Berg hochzutragen. Ein typisches Schweizer Einfamilienhaus: Es bräuchte davon 1000 bis 1200 um auf das gleiche Volumen wie bei der Lawine von Preonzo zu kommen. Der Pfäffikersee ist für Schweizer Verhältnisse ziemlich klein. Sein Volumen ist im Vergleich zum Preonzo-Felssturz dennoch enorm: Es ist 153 Mal grösser.

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Nach dem Felssturz in Preonzo TI haben die Geologen am Mittwoch vorläufig Entwarnung gegeben. Neue Abbrüche am Gipfel des Valegion würden nicht erwartet, teilte der Gemeindepräsident Fabio Pasinetti nach einer Sitzung mit den Fachleuten vom Kanton mit.

Die Kantonsstrasse sollte noch am Mittwochabend wieder geöffnet werden. Ein Steinschlag-Risiko für Autofahrer bestehe nicht mehr. Die evakuierte Industriezone bleibe dagegen noch bis Montag gesperrt.

Für das Wochenende, vor allem am Sonntag, seien starke Regenfälle angesagt. Es sei zu erwarten, dass Geröll und Sand ins Tal gespült würden. Welchen Weg sich Schutt und Wasser dabei suchten, sei schwer vorhersehbar.

Der Erdrutsch habe den Lauf des Bergbaches Valegion verändert, erläuterte der Gemeindepräsident gegenüber Medienvertretern. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass bei starkem Niederschlag Gebäude durch Schlammlawinen in Mitleidenschaft gezogen würden.

Die verantwortlichen Ingenieure würden am Wochenende gemeinsam mit dem Zivilschutz die Situation beobachten, sagte Pasinetti. Am Montag solle entschieden werden, ob in den sechs Betrieben die Arbeit wieder aufgenommen werden könne.

Kein Abbruchrisiko

Der Berg zeigte sich am Mittwoch ruhig. Im Vergleich zum Dienstag hatten die Bewegungen an der Abbruchstelle deutlich abgenommen. Nur kleine Mengen an Geröll und Sand rutschten von Zeit zu Zeit nach. Grössere Staubwolken wurden vor allem durch den starken Wind verursacht.

Den Geologen sei es am Mittwoch gelungen, neue Messgeräte oberhalb der Abbruchstelle zu positionieren, sagte Pasinetti. Die ersten Ergebnisse seien beruhigend. Erdbewegungen wurden nicht registriert.

Die grossen Risse im Fels, die auf Helikopter-Aufnahmen deutlich zu erkennen seien, stellen demnach aktuell keine Gefahr dar. Die Zone werde weiter laufend überwacht.

300 000 Kubikmeter Geröll abgerutscht

Oberhalb von Preonzo am Valegion war es in der Nacht von Montag auf Dienstag zu einem Felssturz gekommen. Insgesamt rutschten rund 300 000 Kubikmeter Gesteinsmassen ab. Der Abbruch erfolgte in mehreren Phasen und verursachte keine Schäden.

Die Gemeinde war auf den Felssturz vorbereitet. Sensoren, die seit den 1990er Jahren die Gefahrenzone überwachen, hatten seit dem vergangenen Wochenende auf stark erhöhte Erdbewegungen am oberen Hang hingewiesen.

Die Industriebetriebe am Fusse des Berges wurden evakuiert, die Kantonsstrasse geschlossen. Für den Ortskern bestand kein Risiko. Zur Beruhigung der Bevölkerung - und um unnötigen Pendelverkehr zu vermeiden - wurde der Schulunterricht ausgelagert.

Der Gemeindepräsident hofft, dass ab Montag auch bei den Schulkindern wieder der Alltag einkehren kann.

(sda)

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