Taxi-Vergewaltiger

22. Juli 2019 18:17; Akt: 22.07.2019 18:17 Print

Kantonsgericht soll Opfer in Prozess verhöhnt haben

Eine Frau, die sexuell belästigt wurde, soll vom Kantonsgericht verhöhnt worden sein. Das Frauenkomitee fordert eine Entschuldigung.

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Ein 45-jähriger Taxifahrer aus Luzern hat insgesamt sechs junge Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt. Dafür wurde er vom Kriminalgericht Luzern zu sieben Jahren verurteilt. Zu viel für seinen Verteidiger. Er legt Berufung ein und geht vor das Kantonsgericht. Dort kam es am Mittwoch zu einer Verhandlung und Befragung einer Frau, die vom Mann sexuell belästigt wurde. Die Befragung und das Vorgehen des Gerichtes wird dabei mit einem offenen Brief vom Luzerner Frauenstreik Komitee stark kritisiert. Das Opfer sei vom Gericht verhöhnt worden. Das Gericht wollte wissen, was die Frau an dem Abend für ein Kleid trug, wie kurz ihr Rock und wie tief ihr Ausschnitt war. «Fragen zur Länge eines Rockes und der Tiefe eines Ausschnitts sind in dieser Sache nicht von Belangen und implizieren eine Mitschuld des Opfers. Victim Blaming nennt man das: die gesellschaftliche Tendenz, eher das Verhalten des Opfers (meist weiblich) zu hinterfragen, als den Täter (meist männlich) zur Verantwortung zu ziehen», heisst es im offenen Brief des Frauenstreik Komitee dazu. Es folgen weitere Fragen vom Gerichtsmitglied über jene Nacht. Ob sie sehr betrunken gewesen sei, wo genau sie der Taxifahrer berührt habe und ob sie die Fahrt bezahlt habe. Das Luzerner Frauenstreik Komitee fordert eine Stellungnahme vom Kantonsgericht. Auf einem Parkplatz hier im Industriegebiet Sternmatt in Kriens hat sich die Vergewaltigung an einer Australierin ereignet. Der Mann hat eine HIV-Infektion und war sich dessen bewusst.

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Ein Taxifahrer (45), der mehrere Frauen sexuell belästigte und eine Australierin in seinem Auto vergewaltigte (20 Minuten berichtete) wurde vom Kriminalgericht zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zu viel für seinen Verteidiger, denn dieser forderte drei Jahre und legte Berufung ein. So kam der Fall letzten Mittwoch vor das Kantonsgericht.

Bei der Befragung einer jungen Frau, an der sich der Mann ebenfalls vergangen hat, sollte diese schildern, was ihr vor sieben Jahren widerfahren ist. Die Befragung der Frau und das Vorgehen des Gerichts wird nun in einem offenen Brief des Luzerner Frauenstreik-Komitees scharf kritisiert. Das Opfer sei vom Gericht verhöhnt worden, heisst es in dem Brief.

«Wie kurz war ihr Rock, wie tief war ihr Ausschnitt?»

Demnach forderte ein Mitglied des Gerichts die Frau auf, den Vorfall zu schildern. Doch schon bald wurde sie unterbrochen. Ihre Aussagen würden leicht abweichen von dem, was sie vor sieben Jahren gesagt hat. Das Gericht wollte auch wissen, was für ein Kleid die Frau trug, wie kurz ihr Rock und wie tief ihr Ausschnitt war.

«Fragen zur Länge eines Rockes und der Tiefe eines Ausschnitts sind in dieser Sache nicht von Belangen und implizieren eine Mitschuld des Opfers. Victim Blaming nennt man das: die gesellschaftliche Tendenz, eher das Verhalten des Opfers (meist weiblich) zu hinterfragen, als den Täter (meist männlich) zur Verantwortung zu ziehen», heisst es nun im Schreiben.

Es folgten weitere Fragen über jene Nacht. Ob sie sehr betrunken gewesen sei, wo genau sie der Taxifahrer berührt habe und ob sie die Fahrt bezahlt habe. Die Frau erhielt den Zeugenlohn von 50 Franken und Spesen von 40 Franken. Der Betrag wurde um 10 Franken aufgerundet. «Dann reicht es noch für einen Kaffee in diesem herrlichen Luzern», wird das Gerichtsmitglied auf Zentralplus zitiert.

«Keinerlei Respekt gegenüber dem Opfer»

Diese Aussage macht das Frauenstreik Komitee wütend: «Ein Opfer derart zu verhöhnen, und ihr 10 Franken mehr Zeugenlohn anzubieten, für einen Kaffee in der herrlichen Stadt, in welcher sie sexuell genötigt wurde, ist absolut inakzeptabel und zeugt von keinerlei Respekt gegenüber dem Opfer.» Der Beschuldigte hingegen soll nur kurz befragt worden sein, er habe nicht wie die Zeugin vor das Richtergremium treten müssen, sondern neben seinem Verteidiger sitzen bleiben dürfen.

«Dass ein Opfer direkt vor das Richtergremium treten muss, vorgeführt wird und sich Fragen über ihre Kleidung gefallen lassen muss, während ein Täter nur kurz befragt wird, und
dabei gemütlich neben seinem Verteidiger sitzen bleiben darf, ist eine unglaubliche Frechheit und zeugt von keinerlei Respekt vor der Gefühlslage des Opfers»
, heisst es weiter. Das Komitee fordert, dass «solche impliziten Zuweisungen von Mitschuld der Opfer an Sexualdelikten unterlassen werden.» Zudem solle die Sensibilität bei der Befragung von Gewaltopfern beim Gericht erhöht werden.

Befragung wurde durch Richterin geführt

Auf Anfrage von 20 Minuten beim Kantonsgericht heisst es: Man könne bloss eingeschränkt Stellung nehmen, da es ein laufendes Verfahren sei. Bei der gerichtlichen Befragung seien insbesondere die Rechte der beteiligten Personen zu wahren. So können Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Integrität verlangen, von einer Person gleichen Geschlechts einvernommen zu werden. Die Befragung wurde, abgesehen von Ergänzungsfragen des Präsidenten, seitens des Gerichts durch eine Richterin durchgeführt.

«Was jeweils Gegenstand der gerichtlichen Befragung bildet, hängt vom konkreten Fall ab.» So würden Tatumstände festgestellt und so versuche man die Wahrheit herauszufinden. «Dabei ist es unter Umständen notwendig und gerechtfertigt, dem Opfer auch sehr persönliche, die Intimsphäre betreffende und allenfalls unangenehme Fragen zu stellen. Das Opfer einer Straftat gegen die sexuelle Integrität ist dabei indes berechtigt, die Aussage zu verweigern», schreibt das Gericht.

Weiter heisst es: «Wir können Ihnen versichern, dass wir uns bewusst sind, wie belastend die Befragung von Opfern für die betroffenen Personen sein kann. Schliesslich ist das Kantonsgericht bemüht, den Personen, die vor Gericht auftreten, mit Anstand und Respekt zu begegnen. Am Ende der Befragung wollte die befragende Richterin demnach einzig von der für das Opfer belastenden Situation auf ein positives Thema überleiten und machte einen Hinweis auf die Stadt Luzern.»

(mik)