Fall Neuheim

10. Februar 2011 12:46; Akt: 10.02.2011 17:18 Print

«Er dachte, er sei 20 Meter von daheim weg»

von Felix Burch/Antonio Fumagalli - Tim (10) und Lorin (7) sind wieder zuhause. Der Vater aber liegt in einer Spezialklinik. Er leidet an Realitätsverlust. Der Mann könnte einen Krampfanfall erlitten haben, so ein Experte.

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Vater und Söhne sind wohlauf und wieder zurück in der Schweiz. (Bild: zvg)

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Die Kantonspolizei Zug hat am Donnerstagnachmittag neue Details zur Familie Z. aus Neuheim bekanntgegeben. Den Kindern gehe es gut, sie hätten die Reise nach Italien als grosses Abenteuer erlebt, schreibt die Polizei. Als Ursache des Verschwindens wird ein «medizinisches Problem beim Vater» vermutet.

Die drei wurden am Mittwoch von Arbeitern des Autobahn-Unterhaltsdienstes (siehe Infobox) aufgefunden: «Der Vater machte einen äusserst verwirrten Eindruck. Er dachte, dass er sich 20 Meter von zuhause entfernt befinde», sagt Patrizia Villano, Leiterin der Strassenpolizei der Provinz Lodi auf Anfrage von 20 Minuten Online. Aufgrund seines mentalen Zustandes sei die Polizei nicht von einem Verbrechen, sondern einer Krankheit ausgegangen.

An Grenze wieder vereint

An der Grenze in Chiasso konnte die gesamte Familie am Mittwochabend wieder vereint werden. Weil das Auto des Familienvaters nicht mehr fahrtüchtig war, fuhr die Polizei Erich Z. (50), Tim (10), Lorin (7) und die Mutter zurück in den Kanton Zug. Hier angekommen, wurde der 50-Jährige unmittelbar in Spitalpflege gebracht.

Im Verlauf des Donnerstags wurde Erich Z. in eine Spezialklinik überführt. Beim Vater wurde ein ernsthaftes medizinisches Problem diagnostiziert. Er scheint sich nicht im Klaren darüber gewesen zu sein, was um ihn herum vorging. Laut Marcel Schlatter, Sprecher der Kapo Zug, ist das Problem aber nicht psychischer, sondern organischer Art. Andreas Luft, leitender Arzt der Neurologie am Universiätsspital Zürich, sagt zu 20 Minuten Online: «Es könnte sich um einen Krampfanfall handeln, einem sogenannten Nicht-konvulsivem Status epilepticus.» Das sei eine Rarität, aber medizinisch denkbar. Solche Krampfanfälle würden ganz unvorhersehbar und plötzlich auftreten.

In der Nachbarschaft ist man sprachlos. «Wie es dazu gekommen ist, dass Erich Z. seine Kinder ins Auto setzte, nach Italien fuhr und jetzt nichts mehr davon weiss, ist mir unerklärlich», sagt ein Anwohner gegenüber 20 Minuten Online. Das passe nicht zu ihm, der Vater habe immer klar, nie verwirrt gewirkt.

Kinder spielten mit Lastwagen-Chauffeuren

Im Zusammenhang mit der Familie sind keine privaten oder beruflichen Probleme bekannt. Die Familienverhältnisse sind laut Polizei intakt. Den Kindern sei es während der ganzen Zeit gut ergangen.

Obwohl eigentlich ein Ausflug in ein Shoppingcenter geplant gewesen sei, haben sie sich die Kinder gemäss Polizei über den spontanen «Ausflug» mit ihrem Vater nach Italien gefreut und das Ganze als Abenteuer erlebt. Auf der Raststätte in Italien haben sie sich mehrere Stunden aufgehalten und dort unter anderem mit Lastwagen-Chauffeuren gespielt. Von diesen seien sie auch versorgt worden. Strafrechtlich liegt gegen Erich Z. nichts vor.

Mitarbeit: rre