Bürokratie

27. Februar 2011 20:59; Akt: 28.02.2011 11:47 Print

Die unmögliche Fasnachts-Disziplinierung

Mit allerlei Regeln versucht die Stadt Luzern, Ordnung ins wilde Fasnachtstreiben zu bringen - zum Ärger der eingefleischten Festliebhaber.

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Sollen stärker kontrolliert werden: Fasnächtler in Luzern. (Bild: Keystone)

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Der ordnenden Kraft ist das Chaos zuwider. Deshalb versucht sie, es zu disziplinieren. In Luzern haben sich neuerdings Stadtrat und Verwaltung die Bürokratisierung der Fasnacht auf die Fahnen geschrieben. Ein Kampf gegen Windmühlen mit desaströsen Folgen.

Man könnte zur Ansicht gelangen, der Stadtrat und sein Vollzugsapparat wolle sich um jeden Preis als Fasnachtssujet aufdrängen. Mit Eifer sucht er nach Reglementierungslücken, um sie zu füllen. Und landet immer wieder auf der Nase.

Wobei sich die Kommunikation durch «Mut zum akrobatischen Querdenken» auszeichnet: Man beschliesst in aller Stille eine Neuerung, die, wenn sie dann doch bekannt wird, mit den Mitteln der Verlautbarung vernebelt wird, bis niemand mehr weiss, was nun gilt.

Die 100-Franken-Vignette

So wurde eine 100-Franken-Vignette für Fasnachtswagen geplant. Als das bekannt wurde, war die Empörung bei den Betroffenen gross. Worauf die Vignette zurückgezogen wurde. Aber nicht ganz, ein Hintertürchen wurde offen gehalten: Die Zeit sei eben noch nicht reif gewesen. Das heisst: Was nicht ist, kann noch werden.

Dann verkündete die Stadt mit grossem Trara, dass sie die Verpflegung auf öffentlichen Grund während der Fasnacht koordiniere. Als Partner wählte - manche sagen: begünstigte - sie den Verein «Gwärb Lozärn», dem Metzger, Bäcker und Wirte angehören.

Kontrolleure zurückgepfiffen

Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass illegaler Getränkeausschank (also die Konkurrenz der offiziellen Verpfleger) kontrolliert werde. Dazu würden sechs Kontrolleure eingesetzt. Wiederum grosser Aufschrei. Denn viele Guggenmusigen und Gruppen finanzieren mit dem Ausschank von Kafi Schnaps ihre Sujets und Kleider.

Sicherheitsdirektorin Ursula Stämmer machte verbal einen Schritt vorwärts und einen halben zurück: «Wir werden die Kontrollen intensivieren», sagte sie der «Neuen Luzerner Zeitung» (Neue LZ). «Aber es wird nicht die grosse Jagd auf Guggenmusigen geben...»

Nachdem der Stadtrat dann aber wieder festgehalten hatte, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen eben keinen Spielraum zuliessen, wurde es dem Stadtparlament zu viel. Es machte Stadträtin Stämmer einen Strich durch die Rechnung und pfiff die Kontrolleure zurück.

Immer wieder ist auch von einem runden Tisch mit allen Beteiligten und von Konsens-Lösungen die Rede. Wer das hört, hat den Eindruck, dass dort offenbar alle alles diskutieren und sich gefunden haben. Aber regelmässig melden sich wieder Gruppen, die offenbar nicht dabei waren und nicht informiert wurden.

Verordneter Konsens

Laut einem Bericht der Neuen LZ waren an einer solchen Sitzung 24 Personen geladen, davon gerade mal acht Fasnächtler. «Da gab es keine Diskussion», wird einer von ihnen zitiert. Und von wegen Konsens: «Die Stadt und 'Gwärb Lozärn' haben verkündet, wie es laufen soll.»

Vorerst sicher ist, dass für die Verpflegungsstände an der Fasnacht - zwecks Reduktion der Abfallmasse - ein Depotsystem eingeführt wird. Ob das bei chaotischen Zuständen mit zehntausenden von Menschen funktioniert, wird sich zeigen.

Wer etwa mit dem Kafi Träsch von der Masse über den Rathaussteg gedrängt wird, kann nicht mehr zurück. Denn dort will die Stadt bei grossem Andrang ein Einwegsystem verordnen. Ob sich der Verpflegte dann noch einmal zu einem Verpflegungsstand bemüht, um das Depot zu kassieren? Naheliegender ist das Ausweichen auf depotfreie Verpflegung.

«Offenbar ist die Narrenfreiheit beim Stadtrat grenzenlos», meinte ein Politiker im Parlament. Was der Stadtrat offenbar nicht begriffen hat: Dass Fasnächtler nicht mit sich spassen lassen. Bei gleichbleibender Besetzung der Hauptrollen kann man aber davon ausgehen, dass die Posse fortgesetzt wird.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolf Wittwer am 01.03.2011 00:13 Report Diesen Beitrag melden

    1.April statt Fasnacht?

    Der Luzerner Stadtrat und seine Bürountertanen mutieren zur grössten "Full-time-Fasnachtsgesellschaft" der Region. Nur wissen sie nichts davon. Rüüdig kuul!

  • Wenzin am 28.02.2011 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Da sage ich nur:

    Die Rückkehr der Land- und Steuervögte hat begonnen...

  • Bob am 09.03.2011 16:54 Report Diesen Beitrag melden

    Mal genau rechechieren...

    "Wer etwa mit dem Kafi Träsch von der Masse über den Rathaussteg gedrängt wird, kann nicht mehr zurück. Denn dort will die Stadt bei grossem Andrang ein Einwegsystem verordnen." Das wurde erstens dieses Jahr gar nicht wirklich gemacht, vielleicht an einem Abend. Zweitens hat das Ganze mit Feuerschutzmassnahmen zu tun, so dass die Feuerwehr besser an die Unter der Egg kommen würde. Also, schreibt nicht von Sachen, von denen ihr keine Ahnung habt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bob am 09.03.2011 16:54 Report Diesen Beitrag melden

    Mal genau rechechieren...

    "Wer etwa mit dem Kafi Träsch von der Masse über den Rathaussteg gedrängt wird, kann nicht mehr zurück. Denn dort will die Stadt bei grossem Andrang ein Einwegsystem verordnen." Das wurde erstens dieses Jahr gar nicht wirklich gemacht, vielleicht an einem Abend. Zweitens hat das Ganze mit Feuerschutzmassnahmen zu tun, so dass die Feuerwehr besser an die Unter der Egg kommen würde. Also, schreibt nicht von Sachen, von denen ihr keine Ahnung habt.

  • Trotho (Guggemusik "Spreeschepperer" Ber am 09.03.2011 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    Depotsystem funktionabel, aber effektlos

    Ich kann nur sagen, das Depotsystem mit der Möglichkeit der Rückgabe aller Gebinde an jedem beliebigen Stand hat funktioniert. Zur Entmüllung der Innenstadt hat es jedoch nicht sonderlich beigetragen. Ein riesiger Mehraufwand für Ausschenkende und Goutierende ohne nennenswerte Effekte.

  • Schletzfertig Wagebou am 01.03.2011 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    So en Schnaps!

    Als Urfasnächtler können wir nur darüber lachen. In Luzern findet mit den ganzen Waagenbauten eine Kulturfasnacht statt, die mit all diesen Schnapsideen komplett zerstört wird. Wie sollen die ganzen aufwändigen Fasnachtswagen finanziert werden. Holz, Metall, Dekomaterial ist nicht gratis meine Lieben. Also lasst uns unser Kafischnaps gegen eine kleine Spende verkaufen.

  • Rolf Wittwer am 01.03.2011 00:13 Report Diesen Beitrag melden

    1.April statt Fasnacht?

    Der Luzerner Stadtrat und seine Bürountertanen mutieren zur grössten "Full-time-Fasnachtsgesellschaft" der Region. Nur wissen sie nichts davon. Rüüdig kuul!

  • dumdidum am 28.02.2011 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    es stinkt nach verbot

    jaja schon wieder ein spass, dem man dem volk nehmen will.. mein gott, das sind paar tage und danach paar tage, die aufgeräumt werden muss.... wo ist also das problem? ich persönlich geh nicht ma an die fasnacht, aber irgendwo hörts also echt auf! dieses hin und her der stadt luzern, ist ja echt nur noch peinlich! Man könnte meinen, die haben sonst nix zu tun..