Erster Fall im Kanton Luzern

07. November 2019 16:55; Akt: 08.11.2019 04:33 Print

Kirche in Wiggen soll abgerissen werden

Weil die reformierte Kirche in Wiggen renovationsbedürftig ist und die Kosten zu hoch sind, wird sie abgerissen. Das passiert in der Schweiz äusserst selten.

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Die reformierte Kirche in Wiggen wird abgerissen. Die Kirche weist Risse im Gemäuer auf, Grundwasser drückt gegen die Bodenplatten. Hinzu kommt: Weil die Kantonsstrasse verbreitert wird, würde der Haupoteingang der Kirche unbenutzbar. Ein neuer Eingang müsste gebaut werden. Weil die Kosten für eine Renovation zwischen 500'000 und 800'000 Franken betragen, hat die Kirchgemeindeversammlung den Abriss beschlossen. Dass Kirchen abgerissen werden, kommt selten vor. Im Kanton Luzern ist es laut «Kirchenbote» der erste Fall. Die Uni Bern hat in ihrer Datenbank lediglich 19 Einträge zum Thema. Viel eher wird Viel Geld investiert, um die Gebäude zu erhalten – wie etwa bei der Pariser Kathedrale Notre Dame, die bei einem Grossbrand im April viel Schaden nahm. Innert kurzer Zeit gingen hunderte Millionen an Spendengeldern für den Wiederaufbau ein. Stundenlang hatten Feuerwehrleute ... ... gegen die Feuersbrunst gekämpft. 8. Januar 2018: Die Kirche St. Lambertus in Erkelenz-Immerath im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen wird dem Erdboden gleichgemacht. Die Kirche, von vielen nur «Immerather Dom» genannt, musste weichen, weil der Braunkohle-Tagebau Garzweiler des Energie-Riesen RWE ausgeweitet wurde. Noch am Tag vor dem Abriss nahmen über 300 Menschen an einer Mahnwache teil. Der Grundstein der Kirche war im Jahr 1888 gelegt worden. Am Morgen vor dem geplanten Abriss kam es noch zu einem Zwischenfall ... ... Greenpeace-Aktivisten drangen in die Kirche ein, einige von ihnen kletterten auf das Dach des Gotteshauses, um ein gegen RWE gerichtetes Transparent zu entrollen. Über das Kirchenportal hängten die Aktivisten ein Banner mit der Aufschrift: «Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen!» Die letzte Messe in der Kirche wurde laut «Bild» 2013 gehalten. Kirchenfenster, Altar, Bänke und anderes Interieur wurden in eine neue Kapelle gebracht. Diese liegt im Umsiedlungsort Neu-Immerath, in den die Hälfte der einstigen Immerather gezogen ist. Die Abrissbagger kurz vor ihrem Einsatz.

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1943 wurde sie erbaut, fast 80 Jahre später ist ihr Ende nahe: Die reformierte Kirche in Wiggen, das zur Gemeinde Escholzmatt LU gehört, soll abgerissen werden.

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Die Kirche ist renovationsbedürftig: Einen Keller hat das Gebäude nicht, Grundwasser drückt gegen die Bodenplatten. Und in den Betonplatten hat es nicht genügend Eisen: Während der Erbauung in der Kriegszeit wurde Beton rationiert, berichtete der «Kirchenbote». Die Strominstallationen stammen ebenfalls noch aus der Zeit der Erbauung.

Durch einen Riss sieht man ins Freie

«Als ich vor zwei Jahren meinen ersten Gottesdienst in der Kirche Wiggen feierte, war ich über den baulichen Zustand schockiert, sagt Pfarrer Marcel Horni (61) zum reformierten Blatt. Das Gemäuer weist Risse auf. Ein Riss sei gar so gross gewesen, dass man diesen mit einem Wandbehang versteckte. Ansonsten hätten die Kirchgänger durch den Riss ins Freie gesehen.

Renovationen gab es viele: 1972, 1978, 1997, 2005 und 2017. Die Probleme blieben. Die Kosten für eine weitere Renovation sind nun aber zu hoch: Zwischen 500'000 und 800'000 Franken würde eine Renovation kosten. Gottesdienste gibt es in der kleinen Kirche übrigens noch etwa zehn pro Jahr.

Zeitpunkt des Abrisses noch unklar

Hinzu kommt: Die Kantonsstrasse, die gleich neben der Kirche verläuft, soll verbreitert und mit einem Veloweg ergänzt werden. Die Vibrationen, die bei den Bauarbeiten entstehen, könnten der Kirche weitere Schäden zufügen. Und: Wegen der breiteren Strasse würde der Haupteingang unbenutzbar, ein neuer Eingang müsste gebaut werden.

Deshalb habe die Kirchgemeinde beschlossen, das Gotteshaus abzureissen. Der Verstand habe über das Herz gesiegt, so der Pfarrer. Zwei Abschluss-Gottesdienste werden bis Ende Jahr noch abgehalten. Danach sollen die Abrissbagger auffahren. Wann das geschehen wird, ist aber noch unklar, frühestens jedoch 2021. Noch unklar ist ebenfalls, was mit der Orgel, den Kirchenbänken und den Glocken geschieht.

Erster Kirchenabriss in Luzern

Laut dem «Kirchenboten» ist es das erste Mal, dass im Kanton Luzern eine Kirche abgerissen wird. Überhaupt werden Kirchen äusserst selten abgerissen. Die Datenbank der Universität Bern enthält zu diesem Thema 19 Einträge. Dabei handle es sich aber mehrheitlich um kleine Kapellen, die von Aussen kaum als solche zu erkennen gewesen seien.

(gwa)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ferdo am 07.11.2019 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abriss in diesem Fall berechtigt

    Es ist zwar schade, dass man diese Kirche abreisst, jedoch auch vernünftig. Gemäss Beschreibung ist sie ja wirklich baufällig geworden. Und wenn sie nicht oft genutzt wird, dann scheint es mir in diesem Fall gerechtfertigt, den Kirchenbau abzureissen. Etwas anderes bereitet mir mehr Sorge: Wenn immer mehr Leute zur Kirche austreten - was traurig ist - wird die Gefahr immer grösser, dass Kirchen verschwinden werden.

  • sc am 07.11.2019 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    realistisch sein

    Schade, aber wenn sich die Renovierung nicht mehr lohnt... Es hat ja noch genug andere Kirchen

  • Kirche Wiggen am 07.11.2019 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spinello

    An Kirchenbote. Stimmt nicht. In den 60ziger Jahren wurde in Langnau bei Reiden die Kirche abgerissen. Ich war Zuschauer.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Politsamer am 07.11.2019 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Steilvorlage

    In Wiggen sollten sie mal die Kirche im Dorf lassen!

  • A Kuhn am 07.11.2019 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abriss?

    Wirklich? Der Kanton soll die Kirche versetzt wieder aufbauen nach heutigem Wissensstand.... Abriss der Religion? Sonst ist auch alles Denkmalschutz was älter als 30 Jahre ist....

  • Marc Fisch am 07.11.2019 19:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ausserholligen

    In Bern wurde bei Ausserholligen eine kleine Kappelle abgerissen... es war ein altes verwildertes Kleinod

  • Klaus Brand am 07.11.2019 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gut

    Von mir aus könnten alle Kirchen abgerissen werden und statt dessen die Flächen renaturiert werden!

  • Dr.R.Bruce Banner am 07.11.2019 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy