Flyer-Aktion in Luzern

07. Februar 2016 17:56; Akt: 07.02.2016 18:25 Print

Flüchtlinge reagieren mit Rosen auf Sex-Vorurteile

Asylsuchende in Luzern fühlen sich als Sündenböcke und unter Generalverdacht gestellt. Nun haben sie sich mit dem Verteilen von Rosen und Flyern gewehrt.

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Die 66-jährige Irène Lustenberger aus Emmenbrücke war am Fasnachtssamstag in Luzern unterwegs. Als sie über den Reusssteg schlenderte, bemerkte sie eine Gruppe von Männern, die Rosen verteilten. «Zuerst dachte ich, dass wieder einmal Rosenverkäufer am Werk waren», sagt sie schmunzelnd. Doch dann die Überraschung. «Ein freundlicher junger Mann drückte mir eine Rose und einen Flyer in die Hand – er hat mir einen schönen Tag gewünscht.» Weiter sagt sie: «Mich hat die schöne Geste sehr berührt.» Soweit sie es wahrnehmen konnte, hätten viele Menschen die Aktion geschätzt.

Beim Durchlesen des Flyers wurde ihr schliesslich klar, dass dieser von Asylsuchenden aufgesetzt worden war. Im Text distanziert sich die Gruppe von Flüchtlingen von sexuellen Übergriffen. Man wolle nicht unter Generalverdacht gestellt werden. «An Silvester war ich nicht in Köln», heisst es im Flyer. Sie würden nicht abstreiten, dass es Übergriffe von Flüchtlingen gibt. Es gäbe sie aber genauso auch von Europäern. Das Bild des «grapschenden Flüchtlings» bleibe in vielen Köpfen, heisst es weiter. «Versuchen wir die Lage zu entspannen. Durch die Blume», so endet die Botschaft.

«Nicht alle in den gleichen Topf werfen»

Irène Lustenberger findet Gefallen daran, dass sich die Asylsuchenden dem Generalverdacht eines «grapschenden Flüchtlings» widersetzen. «Man darf nicht alle in den gleichen Topf werfen.» Sie glaubt, durch mehr Akzeptanz und Gesprächen mit den Asylsuchenden könne man ein besseres Vertrauensverhältnis untereinander herstellen. Dennoch: «Man muss ihnen ganz klar aufzeigen, wie man sich in unserem Land verhält», so Lustenberger.

Mehrheitlich positive Rückmeldungen

Mitgewirkt an der Aktion hat ein 28-jähriger Asylsuchender aus Syrien. Er möchte als Flüchtling nicht ausgegrenzt werden und suche deshalb den Kontakt: «Ich möchte die Schweizer kennen lernen.» Es brauche Kommunikation statt Isolation. Laut dem Syrer ist die Geste vom Samstag bei den Passanten auf Anklang gestossen. «Etwa 90 Prozent der Leute reagierten positiv auf uns.» Auch jene, die keine Rose annehmen wollten, hätten zumindest gelächelt. Der 28-Jährige lehnt sexuelle Gewalt klar ab: «Wir sollten alle Menschen respektieren und lieben.»

«Sexuelle Übergriffe sind keine Frage der Herkunft»

Die Rosenaktion ist nicht der einzige Weg, wie sich die Asylsuchenden für mehr Toleranz einsetzen. In einem offenem Brief an die Luzerner Regierung des Kantons Luzern, macht eine Gruppe von Flüchtlingen ihrem Ärger Luft – sie fühlen sich gekränkt. Der Grund: Eine Woche vor der Fasnacht hatte die Luzerner Regierung einen Flyer mit Verhaltensregeln herausgegeben. Die Flüchtlinge schreiben: «Sexuelle Übergriffe sind keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage des fehlenden Anstands.»

Die Kritik stösst beim Luzerner Regierungsrat Guido Graf auf Unverständnis. Der Flyer gelte für alle und nicht nur für Flüchtlinge. Man habe den Verhaltenskodex präventiv ins Leben gerufen, so der CVP-Politiker in der «Tagesschau».

(pz/gwa)