Gerlibach-Drama

29. März 2011 16:22; Akt: 29.03.2011 18:41 Print

Harte Strafe für die Mutter

Das Kantonsgericht Nidwalden verurteilte die Frau, die 2009 durch Fahrlässigkeit den Tod zweier Kinder verursacht hat, zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten.

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Die 46-jährige Esther S., Mutter der 11-jährigen Jessica, setzt ihre Tochter mit den zwei fremden Kindern einer neuen Freundin aus Aarwangen BE in den Zug nach Grafenort OW. Der Zug hält an und die drei Kinder steigen aus. Sie müssen noch die zwei Kilometer entlang der Engelberger Aa laufen, bis zum Wohnhaus von Esther S. Es regnet in Strömen. Jessica schiebt den Kinderwagen mit dem sechs Monate alten Nils. Die drei müssen noch eine Furt des angeschwollenen Gerlibachs durchqueren. Die Fluten reissen Jessica samt Kinderwagen mit. Die vierjährige Schwester von Nils, Rahel, beobachtet die Szene. Dann rennt sie zu einem Bauernhaus in der Nähe. Dort kommt Rahel komplett durchnässt an. Sie erzählt, die anderen seien «baden gegangen.» Das Bauernpaar alarmiert Nachbarn und verständigt die Polizei. Bei der Polizei hat man keine Anhaltspunkte, um eine Suche zu beginnen. Es wird noch nichts unternommen. Esther S. schickt der Mutter von Rahel und Nils ein SMS. «Die Kinder sind am Schlafen. Alles ok.», schreibt sie. Esther S. kehrt nach Hause zurück. Die Kinder sind nicht da. Sie gibt eine Vermisstenanzeige auf. Die Polizei informiert die Eltern von Nils über das Verschwinden ihres Sohnes. Es wird fieberhaft nach den Kindern gesucht. Inzwischen geht man davon aus, dass sie von den Fluten des Bachs weggespült wurden. In der Aa finden Suchtrupps eine Kinderrassel und die Kinderwagenhülle. Im Vierwaldstättersee findet man eine Schoppenflasche. Gegen Esther S. wird ein Verfahren eröffnet. Gegen sie wird wegen fahrlässiger Tötung sowie wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ermittelt. Eine Privatperson findet am Ufer des Vierwaldstättersees bei Ennetbürgen NW einen Nuggi. Ein daran befestigter Bändel trägt den Namen des sechs Monate alten Babys.

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Das Gericht geht damit über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus, die 14 Monate bedingt verlangt hatte. Die Verteidigung wollte, dass trotz Schuldspruchs auf eine Strafe für die heute 48-jährige Frau verzichtet wird. Unbestritten waren die Delikte: zweifache fahrlässige Tötung und Verletzung der Fürsorgepflicht.

Gerichtspräsident Markus Schenker begründete das Urteil damit, dass die Frau die Gefährdung der Kinder habe voraussehen können. Es habe schlechtes Wetter geherrscht, und sie habe gewusst, dass der Gerlibach gefährlich sein könne.

Vermindert schuldfähig

Es wäre leicht gewesen, das Unglück zu vermeiden, sagte Schenker. Die Mutter hätte einfach ihre elfjährige Tochter und die beiden ihr anvertrauten Kinder auf dem Heimweg begleiten sollen.

Das Gericht ging von einer maximalen Strafe von 48 Monaten aus. Es reduzierte diese nun auf 20 Monate bedingt, weil die Beschuldigte nur vermindert schuldfähig sei, keine Vorstrafen habe, mit der Kinderbetreuung überfordert gewesen sei und durch den Tod ihrer eigenen Tochter stark betroffen sei.

Die Verteidigung prüft nun, ob sie das Urteil an das Obergericht weiterziehen will. Die Staatsanwaltschaft erklärte, 20 Monate seien ein angemessenes Urteil.

Kinder allein gelassen

Die Beschuldigte, die ihren Freund in Solothurn besuchen wollte, hatte ihre elfjährige Tochter von Luzern aus heim nach Wolfenschiessen geschickt. Das Mädchen reiste nicht allein - es musste sich auch um einen halbjährigen Bub und dessen vierjährige Schwester kümmern. Diese beiden Kinder waren der Angeklagten von Bekannten in Obhut gegeben worden.

Vom Bahnhof Grafenort gingen die Kinder zu Fuss nach Wolfenschiessen. Als sie durch eine Furt den Hochwasser führenden Gerlibach überquerten, geschah das Drama: Die Elfjährige und der Kinderwagen mit dem Kleinkind wurden mitgerissen. Nur das vierjährige Mädchen überlebte.