Luzern

12. November 2019 14:48; Akt: 13.11.2019 15:44 Print

Abgeschobenes Dana wusste nicht, wo schlafen

Eine Mutter und ihre traumatisierte Tochter Dana (11) erhielten in Luzern Kirchenasyl. Dennoch sind sie bereits nach Belgien abgeschoben worden – und hatten kein Dach über dem Kopf.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Pfarrei St. Leodegar der Katholischen Kirche gewährte einer Tschetschenin (53) und ihrer Tochter Dana (11) Kirchenasyl. «Damit wollte die Pfarrei verhindern, dass die beiden im Rahmen des Dublinverfahrens ein zweites Mal nach Belgien überstellt werden», teilte die Kirche am Montag mit.

Doch die Kirche kann den beiden Frauen nicht mehr länger Schutz bieten: Am Montag wurde die Mutter von den Behörden auf offener Strasse aufgegriffen, Dana direkt von der Heilpädagogischen Schule abgeholt, teilte die Pfarrei mit. «Die Katholische Kirche Stadt Luzern fordert den sofortigen Stopp der Ausschaffung von Mutter und Tochter», heisst es in der Mitteilung. Auch direkt bei den Behörden hat die Kirche in Gesprächen interveniert.

Denn die Mutter und Dana wurden am Dienstag bereits ausser Landes nach Belgien geflogen, teilte das Staatssekretariat für Migration (Sem) auf Anfrage mit. Die Abreise sei ohne Zwischenfälle verlaufen. Rückmeldung über die Ankunft habe man noch nicht.

Die beiden Frauen wüssten aber, dass sie in Belgien um Asyl nachsuchen können und die belgischen Behörden sie in diesem Fall in die Asylstrukturen aufnehmen werden, teilte das Sem mit. Wenn jemand allerdings kein Asylgesuch stelle, sei dies nicht gewährleistet.

«Ungewiss, ob sie eine Unterkunft haben»

Auf Anfrage von 20 Minuten hiess es bei der Pfarrei, die Mutter habe sich am Dienstagvormittag per Whatsapp gemeldet. Sprecher Urban Schwegler teilte mit: «Die beiden sind am Dienstagmorgen von den Belgischen Behörden in Empfang genommen worden. Sie waren zuerst in Polizeigewahrsam, wurden dann aber entlassen mit einem weiteren Termin, um sich am Mittwochmorgen wieder bei den Behörden zu melden.» Am Dienstagmorgen sei es ungewiss gewesen, ob die beiden eine Unterkunft für die Nacht haben. «Das ist beunruhigend angesichts der Tatsache, dass Dana als sogenannter Medizinalfall gilt», sagte Schwegler.

«Erneute traumatisierende Erfahrung unzumutbar»

Wieso hat die Pfarrei die Mutter und Dana überhaupt Kirchenasyl gewährt? Sie wollte laut eigenen Angaben verhindern, dass sie erneut nach Belgien abgeschoben werden, wo sie ein erstes Mal ein Asylgesuch in Europa gestellt hatten. Seit rund acht Jahren seien Dana und ihre Mutter nun auf der Flucht. Ein erstes Mal seien sie 2018 freiwillig nach Belgien gegangen, seien dort aber entgegen einer Abmachung mit der Schweiz nicht umsorgt, sondern sich selber überlassen worden. Deshalb seien sie zurück in die Schweiz gekommen.

«Eine erneute traumatisierende Erfahrung dieser Art ist für die Mutter und Dana unzumutbar.» Die Kirchenvertreter fürchten vor allem auch, dass sie nach Tschetschenien abgeschoben werden, wenn sie einmal in Belgien sind, berichtete die «Luzerner Zeitung» («LZ»).

Professionelle psychologische Betreuung sei nötig

Kirchenasyl bietet die Katholische Kirche nur im «äussersten Notfall». Im Falle von Dana argumentiert die Kirche: «Dana ist aufgrund von Erlebnissen in Tschetschenien traumatisiert und seit über sieben Jahren auf der Flucht. Sie ist in ihrer physischen und psychischen Entwicklung beeinträchtigt und braucht professionelle psychologische Betreuung und ein stabiles Umfeld in der Schule und daheim.» Beides sei im Kirchenasyl gewährleistet. In einem Gutachten der Kinder- und Jugendpsychiatrie heisse es: «Es wäre für ihre Entwicklung aktuell äusserst ungünstig, würde man sie aus dem jetzigen sicheren Umfeld erneut herausreissen.»

Doch genau dies ist nun geschehen. «Die Mutter hat seit 2010 in mindestens fünf verschiedenen Staaten des Schengen-Raums Asylgesuche eingereicht», zitiert die «LZ» die Behörden. Ihr letzter Asylantrag in der Schweiz sei abgelehnt und die Wegweisung nach Belgien angeordnet worden, dies sei rechtskräftig.

Im letzten Abschnitt der Kirche zu diesem Thema heisst es, für die Kirche sei der Gedanke aus dem Matthäus-Evangelium 25 zentral. Dort steht: «Was Ihr einem der Geringsten getan habt, das habt Ihr mir getan.»

(jab)