Neue Kampagne

19. August 2013 17:41; Akt: 19.08.2013 19:02 Print

Psychisch krank – Zuger Stiftung will Tabu brechen

Über psychische Krankheiten offen zu reden, damit tun sich viele Schweizer schwer. Die Angst, diskriminiert zu werden, ist gross. Eine provokative Kampagne soll Betroffene zu einem Umdenken animieren.

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«Psyche krank? Kein Tabu!». Unter diesem Titel hat die Werner Alfred Selo Stiftung am Montag im Kanton Zug eine Kampagne gestartet. Sie soll die Menschen dazu bringen, sich nicht zu verstecken sondern über ihre psychische Krankheit zu reden.

«Psychische Krankheit unterliegt immer noch einem grossen Tabu», sagte Stiftungsratspräsidentin Marylou Selo in Zug vor den Medien. Das Schweigen treibe viele Betroffene und Angehörige in einen Teufelskreis aus Scham und Isolation.

Bestätigt fühlt sich die Stiftung durch eine zusammen mit Pro Mente Sana in Auftrag gegebene nationale Studie zum «Stigma psychischer Erkrankungen». Sie belegt, dass diese Erkrankungen im Arbeitsbereich immer noch das grösste Tabu sind. Nur 25 Prozent der rund 700 Befragten würden sich gegenüber dem Vorgesetzten outen und nur jeder Zehnte würde unter Arbeitskollegen über psychische Probleme sprechen.

56 Prozent sind der Meinung, dass psychisch Kranke im Arbeitsumfeld diskriminiert würden. Zwei Drittel der Befragten glauben zudem, dass psychisch Kranke öffentlich diskriminiert werden, und selbst im privaten Umfeld sieht noch fast jeder Dritte diese Gefahr. 36 Prozent finden, dass psychisch Kranke eine Last für die Gesellschaft sind.

Vor allem Männer schweigen

Besonders Männer und ältere Menschen schweigen das Thema psychische Krankheit tot, während Frauen und Jüngere offener darüber sprechen. Zugleich zeigten sich aber jüngere, leistungsorientierte Personen härter in ihren stigmatisierenden Urteilen, heisst es in der Studie.

Die Westschweizer sind gegenüber dem Thema generell verschlossener als die Deutschschweizer. 52 Prozent der Romands erachten psychisch Kranke als gesellschaftliche Last, würden psychisch Kranke seltener in einer Klinik besuchen und zeigen eine höhere Skepsis gegenüber psychiatrischen Angeboten.

Über die Krankheit zu sprechen, sei der erste Schritt, um die Früherkennung zu verbessern, Betroffene nicht länger auszugrenzen und Suizide zu verhindern, zeigte sich Selo überzeugt. Das Schweigen habe fatale Folgen: In der Schweiz nehmen sich täglich vier Personen das Leben - das sind mehr als im Strassenverkehr.

Es sei Zeit, die Realität psychisch kranker Menschen offen auszusprechen und Vorurteile abzubauen, sagte der Zuger Gesundheitsdirektor Urs Hürlimann als Schirmherr der Kampagne. Das Zuger Gesundheitsamt habe deshalb die psychische Gesundheit zu einem Schwerpunktthema gemacht.

Mit lebensnahen Botschaften Mut machen

Vorurteile abbauen, ist auch das Ziel der Stiftung Werner Alfred Selo mit ihrer auf fünf Jahre angelegten Kampagne. Den Auftakt macht eine auffällig violett-weisse Plakataktion. Auf Bodenklebern heisst es etwa: «Ich bin am Boden. Bei Klebern kann das sein. Bei Menschen auch».

Auf Abfallkübeln steht: «Mir gehts dreckig. Bei Kübeln kann das sein. Bei Menschen auch». Laut Selo vermitteln die lebensnahen Botschaften «das, was wir Menschen oft verschweigen». Die Aussagen auf den Plakaten sollen Mut machen, ebenso offen über psychische Krankheiten zu reden wie über körperliche.

Die 1994 gegründete Werner Alfred Selo Stiftung engagiert sich seit 20 Jahren für die Erforschung und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf Depressionen und affektive Störungen.

Die in Zug und in den USA lebende Marylou Selo gründete die Stiftung im Gedenken an ihren Vater, den deutschen Erz- und Metallhändler Werner Alfred Selo, der nach einem lebenslangen Leidensweg mit chronischer Migräne und Depression Suizid beging.

(sda)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Eine sinnvolle Kampagne, welche wohl leider nicht viel ändern wird. Ich leide seit Jahren unter Depressionen und einer Angststörung und habe mehrfach meine Arbeitsstelle verloren deswegen. Mitgefühl gibt es in der Arbeitswelt nicht. Trotzdem kämpfe und arbeite ich, da ich mich sträube dagegen, mich bei der IV bis auf die Unterhose entblössen zu müssen. Ich wünsche allen psychisch Erkrankten viel Mut und Kraft! Wir sind keine Menschen zweiter Klasse! – Frau Meier

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • alsa am 19.08.2013 19:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Sache!

    Super Kampagne! Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt stetig zu...warum also so tun, als ob es nicht existiert! Und allen, die sich über depressive lustig machen, wünsche ich eine Woche diese Krankheit...sie werden für immer ihren arroganten Mund halten!

  • Leser am 19.08.2013 21:34 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Einer der besten Artikel auf 20Min seit langem.

  • psychisch kranke am 19.08.2013 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lobenswert

    Finde es toll,dass die Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht wird. Hoffentlicher werden die Menschen tolleranter.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leser am 19.08.2013 21:34 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Einer der besten Artikel auf 20Min seit langem.

  • Anonuem am 19.08.2013 21:13 Report Diesen Beitrag melden

    Therapie?

    Es ist extrem ich kenne viele Junge Menschen die in der Lehre psychisch an den Anschlag kamen, ich selber gehör(t)e auch dazu. Es spielen sehr viele Faktoren hinzu bsp. bei mir Familie (Eltern), Lehre , Kinder, Aemter... Ich raffe mich jeden Tag für meine Kinder auf, probiere für diese das Leben schön zu gestallten etc. Abends im Bett kann ich nicht mehr heul Attacken Suizidgedanken etc. nehmen überhand. Jahrelange Therapie ( 17jahre) war erfolglos.

    • Tataa am 19.08.2013 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      ......

      Ich rede offen darüber.. Ich bin 20 und schon seit ich 13 Jahre bin, bin ich psychisch krank... meine erste ausbildung, die ich dann schlussendlich abbrechen MUSSTE, meine schule.. all das hat bei mir sehr viel kaputt gemacht.. nur ein klinikaufenthalt konnte mir ein wenig helfen..

    einklappen einklappen
  • Ano Nymus am 19.08.2013 20:58 Report Diesen Beitrag melden

    Völlig unverständlich

    Wer jemals, so wie ich, während Jahren unter dem Terrorregime eines manisch-depressiven Familienangehörigen zu leiden hatte, für den wirkt so eine Kampagne völlig befremdlich. Unzählige Polizeieinsätze, mehrere Zwangseinweisungen per FFE, jahrelange ergebnislose Abklärungen durch die vormundsbehörde St.Gallen sind nur einige Stichworte die mir dazu einfallen. Keiner macht etwas, keiner ist verantwortlich. Jemand der psychisch krank ist, kann praktisch ungehindert seine Umgebung terrorisieren, solange nichts "richtiges passiert". Als persönlich Betroffenem kann ich nur hoffen, dass diese Kampagne Schiffbruch erleidet. Noch mehr Verständnis für solche Irre, kaum zu glauben sowas.

  • B. M. am 19.08.2013 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kranke welt

    Ich bin 27 und bin seit 3 jahren in therapie! Mein leben ist hart und überhaupt nicht einfach aber ich kämpfe! Ich finde es gut so dass man endlich die gesellschaft darauf aufmerksam macht! Vielleicht passiert endlich mal was! Die leute gehen alle kaputt! Ich arbeite 12h am tag! Mein mann sehe ich kaum noch weil wir keine zeit für einander haben! Schon traurig! Keine freizeit kein spass mehr am leben! Wie soll man so mal kinder bekommen?? Einfach nur noch krank!!!

  • Masquerade07 am 19.08.2013 20:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kämpfen kann sich lohnen...

    Der Leidensweg war lang und hart, das ewige Schweigen eine Qual. Es zog sich über Jahre bis in die Drogensucht und schließlich zum burnout. Ich schwieg und kämpfte weiter bis zum Zusammenbruch. Ein Klinikaufenthalt war unumgänglich und das Schweigen mußte ich brechen wenn ich leben wollte. Ich bin jetzt 24 und wurde 2 Jahre lang unterstützt von Freunden und- überraschender Weise- auch vom Arbeitgeber! Heute gehts mir viel beßer. Es lohnt darüber zu sprechen. Ich denke scho das ich riesiges Glück hatte abes selbst wenn ich den Job riskieren würde, würde ich nie mehr meine Gesundheit odr gar mein Leben aufs Spiel setzen.