Sarnen

21. August 2019 09:22; Akt: 21.08.2019 12:51 Print

100'800 Franken Strafe für pöbelnden Autofahrer?

Weil er einen Lieferwagenfahrer beschimpft und rechts überholt haben soll, droht einem Autofahrer eine hohe Geldstrafe.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mit «Tubel» und Ärgerem soll ein Mann (56) aus dem Kanton Zürich in Sarnen die Insassen eines Lieferwagens beschimpft haben. Am Dienstag musste er vor dem Kantonsgericht Obwalden antraben – auch weil er eine grobe Verkehrsregelverletzung begangen haben soll.

Umfrage
Wurden Sie beim Autofahren schon einmal gebüsst?

Im August 2017 steckte der Mann auf der Autobahn A8 nach dem Loppertunnel hinter einem Lieferwagen fest, der im einspurigen Bereich während mehrerer Kilometer nicht schneller als 80 km/h fuhr, obwohl 100 erlaubt sind.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Fahrzeug der Strassenunterhaltseinheit Zentras, das als LKW umgerüstet gar nicht schneller fahren durfte. Als der Beschuldigte dieses nach mehreren Kilometern überholen konnte, machte er seinem Ärger mit Hupen und Handzeichen Luft, wie er bei der Befragung schilderte.

Nach der Ausfahrt Sarnen Nord kamen die Fahrzeuge wieder nebeneinander zu fahren, wobei es durch die offenen Fenster zu einem Wortgefecht kam. Laut der Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte deftige Kraftausdrücke verwendet haben, an den genauen Wortlaut konnte er sich nicht erinnern. Sein Verteidiger sagte, er habe die vier Insassen als «Tagediebe» bezeichnet.

Hohe Geldstrafe

Der Fahrer des Zentras-Wagens will auch gesehen haben, wie der Beschuldigte hinter ihm ein Auto rechts überholt haben soll, bevor er den Lieferwagen überholte und zum Hupkonzert ansetzte. Das taxierte die Staatsanwaltschaft als grobe Verkehrsregelverletzung und forderte zusammen mit den Beschimpfungen eine bedingte Geldstrafe.

Aufhorchen liess deren Höhe, setzte die Anklage diese doch auf 90 Tagessätze à 1120 Franken, also auf 100'800 Franken, an. Dazu kommt eine Busse von 10'000 Franken. Die Probezeit solle zwei Jahre betragen.

«Ein Racheakt»

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch. Denn das Rechtsüberholen sei eine Behauptung. Sein Mandant habe nicht rechts überholen können, da er direkt hinter dem Lieferwagen gefahren sei. Dem widerspricht der Lieferwagenlenker.

Dessen Aussagen seien nicht glaubhaft, da er als Einziger das Überholmanöver gesehen haben will und dies erst noch im linken Aussenspiegel. Auch sei der Ablauf kaum vorstellbar, ja schlicht realitätsfremd. Es hätte sich nach kilometerlanger Kolonnenfahrt eine Lücke von 50 bis 100 Metern zwischen Lieferwagen und folgendem Fahrzeug bilden müssen. Der Fahrer habe sich geirrt, so der Anwalt. Sein Mandant witterte einen Racheakt. «Die fühlten sich betupft», sagte er.

Für das Vergehen der mehrfachen Beschimpfung forderte der Verteidiger eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 300 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren. Die Busse hingegen sei nicht angemessen, eine Geldstrafe sei Denkzettel genug.

Eine Frage der Tagessätze

Das Urteil wird später bekannt gegeben. Die Richterin sagte, es gelte insbesondere die Höhe der Tagessätze anzuschauen. Denn das Gericht bestimmt diese nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters.

Die Richterin sprach aufgrund der ihr vorliegenden Steuererklärung von einem jährlichen Einkommen über 1,26 Millionen Franken. Der Beschuldigte gab aber an, 4700 Franken monatlich mit seinem Malergeschäft zu verdienen und 4800 Franken Versicherungsleistungen als Suva- und IV-Rente zu beziehen. Dazu kämen Vermögenserträge etwa aus Liegenschaften, diese seien aber schwankend.

Erstaunt zeigte er sich, dass er überhaupt vor Gericht antraben musste. Er arbeite seit 40 Jahren auf dem Bau, da herrsche eine andere Sprache. «Normalerweise gibt es wegen solchen Sachen keine Anklage.»

(sda)