Grosse Studie

04. Juli 2018 11:20; Akt: 05.07.2018 08:33 Print

Wie sieht eigentlich eine «normale Vulva» aus?

Das Luzerner Kantonsspital hat die bis anhin grösste Vulva-Studie durchgeführt. Dazu wurden die Genitalien von 657 Frauen vermessen.

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Die Studie wurde am Luzerner Kantonsspital durchgeführt. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir - so heisst es. Trotzdem gerät der eine oder andere Fakt über die Vagina in Vergessenheit. Oder hätten Sie noch gewusst, ... ... dass die Klitoris rund 8000 Nervenenden hat, die die sexuelle Lust fördern können. Im Penis hingegen sind nur 4000 Nervenenden vorhanden. Kein Wunder ist das weibliche Geschlecht äussert sensibel. Der Orgasmusrekord einer Frau liegt bei 134 Höhepunkten während einer Stunde. Bei Männern waren es bloss 16. Der längste weibliche Höhepunkt, der je gemessen wurde, dauerte übrigens 43 Sekunden mit 25 aufeinanderfolgenden Kontraktionen. Wer Schwierigkeiten damit hat, sollte seinen Beckenboden trainieren. Selbst Frauen, die noch nie einen vaginalen Orgasmus hatten, können durch sogenanntes «Kegel-Training» neue Höhepunkte erreichen. Das hilft übrigens nicht nur bei Orgasmen, sondern auch bei unkontrolliertem Harn-, Kot- oder Flatulenz-Drang. Die Vagina bildet die Verbindung zwischen dem Gebärmutterhals und der Vulva. Ausserdem ist sie grösser als angenommen. Normalerweise ist sie zwischen 8 und 12 Zentimeter lang. Bei Erregung dehnt sie sich jedoch in ihrer Länge und Breite aus und kann gut doppelt so gross werden. Die Innenwände sind normalerweise gefaltet. Beim Geschlechtsverkehr öffnen sie sich jedoch wie ein Regenschirm. Dadurch ist sie extrem dehnbar und passt sich dem Penis jedes Mannes an. Der G-Punkt ist teilweise noch immer ein Mysterium. Fakt ist: Es gibt ihn. Er liegt 5 bis 7 Zentimeter vom Scheideneingang entfernt, ist schwammartig und fühlt sich rau an. Eine Orgasmus-Garantie gibt er aber nicht: Während die einen durch Stimulation des G-Punkts sogar ejakulieren können, empfinden andere diese Art von Erregung als unangenehm. Was die Schamhaar-Frisur angeht, gehen die Meinungen auseinander. Während es die einen natürlich mögen, setzen andere auf Kurzhaar. Wieder andere stehen auf Komplettrasur - den sogenannten Hollywood-Cut. Was jedoch kaum einer weiss: Lässt man das Schamhaar spriessen, hat es eine Lebenserwartung von drei Wochen. Kopfhaar hingegen kann bis zu sieben Jahre alt werden. Die Vagina ist ein Organ, das sich selbst reinigt. Eine gewisse Menge an Ausfluss ist deshalb ein Teil des natürlichen Reinigungsprozesses. Sobald jedoch Schmerzen auftreten oder der Ausfluss verstärkt austritt oder unangenehm riecht, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Denn das kann ein Hinweis auf eine sexuell übertragbare Krankheit sein. Bei wiederkehrenden vaginalen Infektionen könnte der Verzehr von Probiotika oder probiotischen Lebensmitteln wie Joghurt Abhilfe schaffen. Denn in der Vagina wimmelt es nur so von Bakterien. Und einige von denen befinden sich auch im Joghurt. Werden sie verzehrt, stärken sie die Scheidenflora. Doch auch eine übertriebene Intim-Hygiene kann zu genitalen Irritationen führen. Denn dadurch kann es beim Sex manchmal zu Reizungen, Juckreiz oder Schmerzen kommen. Nachzuvollziehen ist es aber: Denn direkt unter der Haut der Schamlippen sitzen kleine Drüsen, die Öl und Schweiss absondern. Beides braucht die Vagina, um sich in hitzigen Momenten selbst herunterzukühlen und unangenehmer Reibung vorzubeugen. Hätten Sie gewusst, dass die Vagina und ein Hai etwas gemeinsam haben? Squalen - ein organischer Stoff - kommt sowohl im Lebertran verschiedener Haie als auch im Sekret des weiblichen Geschlechts vor. Es dient als natürliches Gleitmittel der Scheide und spendet viel Feuchtigkeit. Das natürliche Milieu der Scheide besitzt übrigens - wie Wein - einen pH-Wert von 4,0 und ist damit also eher sauer. Krankheitserreger werden dadurch besser abgewehrt. Die Bezeichnung Vagina stammt übrigens aus dem Lateinischen und bedeutet Scheide im Sinne einer Schwertscheide. Sinnbildlich steckt also der Mann sein Schwert in die Scheide der Frau.

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In der bisher grössten Studie zum Thema versuchte das Luzerner Kantonsspital (LUKS) herauszufinden, wie eine «normale Vulva» aussieht. Während knapp zwei Jahren haben dazu Forscher die Genitalien von insgesamt 657 Frauen vermessen. Die Teilnehmerinnen der Studie waren zwischen 15 und 84 Jahre alt und in gutem gesundheitlichen Zustand.

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Untersucht wurden die äusseren primären Geschlechtsorgane. Grund für die Studie war die «Zunahme von plastischen Eingriffen an der Vulva bei vermeintlicher Abweichung von der Norm, obwohl eine solche noch nie definiert wurde», wie der Leiter der Studie, Andreas Günthert, auf Anfrage sagt. Zudem sollte geklärt werden, ob das «äussere Genital nach den Wechseljahren schrumpft, denn viele Kollegen verordnen Hormone in Salbenform zur Behandlung der Vulva, obwohl diese kaum auf Hormone anspricht.»

«Erstaunlicherweise hat solch eine Studie in diesem Umfang noch nie jemand gemacht», sagt Günthert. Es seien aber noch weitere Aspekte untersucht worden, beispielsweise ob das Wort Vulva im Sprachgebrauch vorkomme. Die Erkenntnisse des Teams: Die Resultate fielen dermassen unterschiedlich aus, dass das Wort «normal» eigentlich bedeutungslos sei, wie das Onlineportal «Quartz» berichtet. Dazu sei die anatomische Vielfalt schlichtweg zu gross.

Künftige Studien dürften grössere Unterschiede zeigen

Bei den untersuchten Studienteilnehmerinnen habe man beispielsweise bei den äusseren Schamlippen unterschiedliche Grössen zwischen 1,2 Zentimetern und 18 Zentimetern gemessen. Bei den inneren Schamplippen reichten die Unterschiede von 0,076 Zentimetern bis zu 7,62 Zentimetern. Es liesse sich einzig die Aussage machen, dass die inneren Schamlippen und der Damm bei älteren Frauen generell kürzer seien und dass Frauen mit einem grösseren Body-Mass-Index dazu tendierten, grössere äussere Schamlippen zu haben.

Laut Studie dürfte es aber noch grössere Unterschiede geben. Auch wenn es die bis anhin grösste Untersuchung ist, seien dennoch weniger als 1000 Frauen untersucht worden. Und: Die Teilnehmerinnen seien alle weisse Frauen gewesen. Bei zukünftigen Studien mit einer noch grösseren Bandbreite an Teilnehmerinnen dürfte fast sicher sein, dass die Vielfalt noch grösser ausfalle.

Durch die Studie, die im «British Journal of Obstetrics and Gynecology» (Bezahlartikel) publiziert wurde, würden Aussagen gestützt, die professionelle Organisationen wie etwa das American College of Obstetrics and Gynecology seit Jahren machen. Ungleichheiten in Form und Grösse seien völlig normal und gesund. Dies sei insbesondere wichtig vor dem Hintergrund, dass Schönheitsoperationen im Genitalbereich immer beliebter würden.

(gwa)