Ausgangssperre für Junge

21. Juni 2008 12:41; Akt: 22.06.2008 06:49 Print

«Dann machen wir jeden Tag um 22:05 Uhr ein Fest!»

von Rupen Boyadjian - Am letzten Mittwoch hat die Gemeindeversammlung von Dänikon mit 22:8 Stimmen schulpflichtigen Jugendlichen verboten, sich «in Ansammlungen auf öffentlichen Strassen oder Plätzen aufzuhalten.» Was meinen junge und alte Dänikerinnen und Däniker dazu?

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Nur einer der Jugendlichen mit denen 20 Minuten Online beim Schulhaus Unteres Furttal in Otelfingen gesprochen hat, fühlt sich betroffen. Alvar Guhl (14): «Das Gesetz ist scheisse. Ich war manchmal mit Kollegen draussen und weiss nicht, was ich jetzt machen soll.» Er wohnt gleich beim Platz, der einer der Haupttreffpunkte von Jugendlichen ist. Laut seien sie fast nie gewesen, versichert Alvar. Seine Nachbarin, Frau Zumbach, die Frau des Gemeindepräsidenten, habe sich aber auch schon beschwert. Die andern jugendlichen Däniker, glauben nicht, dass sie vom Gesetz betroffen seien. Denn sie gingen meistens sowieso nach Otelfingen, Buchs oder Zürich in den Ausgang. Tim Frey (15 Jahre, dritte Sekundarschulklasse): «Wenn man noch in Gruppen vom Bus nach Hause gehen kann, dann betrifft es mich nicht.»

Das soll gemäss dem Däniker Gemeindeschreiber Lukas Kalberer «natürlich» weiterhin möglich sein. Der neue Artikel 27 der Polizeiverordnung richte sich gegen das Rumhängen und Lärmen bis spät in die Nacht. Die 15-Jährigen sind ohnehin nur noch drei Wochen lang in der dritten Klasse der Sekundarschule. Danach fallen sie aus der Definition der «schulpflichtigen Jugendlichen». Marco Steffen freut sich bereits: «Dann machen wir jeden Tag um 22:05 Uhr ein Fest!»

Niemand ists gewesen

Keiner der Jugendlichen zählt sich zu denen, die Lärm machen. Ausserdem weiss niemand etwas von Sachbeschädigungen in Dänikon. Gemeindeschreiber Kalberer berichtet hingegen von beschädigten Strassenlampen, Sitzbänken und einem Fenster eines öffentlichen Gebäudes. Auf ein Privathaus seien zudem Eier geworfen worden. Und in einigen privaten Vorgärten lag am Morgen nach den Versammlungen von Jugendlichen Abfall. Mehrmals hätten wütende Einwohner den Kehricht ins Gemeindehaus gebracht, um sich zu beschweren. Auch wegen Lärms seien «viele» Beschwerden eingegangen, die Kalberer aber nicht beziffern kann.

Eltern und Anwohner bedauern das Gesetz

Beat Steffen, der Vater von Marco, berichtet ausserdem von Kies eines privaten Vorplatzes, der von Jugendlichen auf die Strasse befördert worden sei. Und: «Ich habe die Sauerei gesehen, die oft angerichtet wurde.» Es sei manchmal «fast beängstigend» gewesen, in der Nacht zu hören, wie sich Anwohner und Jugendliche angeschrien hätten. Steffen konnte nicht an der Gemeindeversammlung teilnehmen, «aber ich hätte ja gestimmt». Obwohl auch er ganz in der Nähe des erwähnten Platzes wohnt, bei dem sich Jugenliche oft aufhalten, fühlt sich Steffen nicht beeinträchtigt. «Aber ich bin in dieser Sache solidarisch mit meinen Nachbarn.» Auch Margrit Bär wohnt nur 50 Meter entfernt und empfindet die Jugendlichen nicht als störend. «Ich finde das Gesetz übertrieben,» sagt sie. Auch Bärs Enkelin Katja (13) ist skeptisch: «Wo sollen die denn jetzt hingehen?» Katjas Freundin Sabrina Fäh (14) findet das Gesetz schlecht: «Warum sollen die nicht raus dürfen, die gar nichts Schlimmes machen?»

2,85 Prozent Stimmbeteiligung

Sie geben den allgemeinen Tenor der Jugendlichen wider. Alle Däniker mit denen 20 Minuten Online gesprochen hat, finden es schade, dass das Gesetz erlassen wurde. Selbst Beat Steffen, der ja gestimmt hätte. «Aber ich hoffe, dass mit dem Gesetz die Eltern der betroffenen Jugendlichen wachgerüttelt werden.»

Vielleicht werden durch das Gesetz aber auch die Dänikerinnen und Däniker im Allgemeinen wachgerüttelt. Offenbar waren keine Eltern der Jugendlichen, mit denen 20 Minuten Online gesprochen hat, an der Gemeindeversammlung anwesend. Nur 30 von 1052 Stimmberechtigten haben teilgenommen. Das entspricht einer unglaublichen Stimmbeteiligung von 2,85 Prozent. Wetten, dass es einige mehr sein werden, wenn Beschlüsse zur Umsetzung der Polizeiverordnung und zu weiteren Massnahmen anstehen?

Durchsetzung der Verordnung ungewiss

Die Gemeindeverantwortlichen waren vom Medienrummel, den das Versammlungsverbot ausgelöst hat, «überrumpelt» wie der Gemeindeschreiber Lukas Kalberer gegenüber 20 Minuten Online einräumt. Kalberer betont, dass vor diesem drastischen Schritt der Kontakt zu den betroffenen Jugendlichen und deren Eltern gesucht worden sei, jedoch ohne Erfolg. Dem Gemeinderat sei auch klar, dass der neue Artikel 27 in der Polizeiverordnung nicht die alleinige Lösung des Problems sei. Es werde ein Massnahmenpaket diskutiert. Die «aufsuchende Jugendarbeit» wie sie die Nachbargemeinde Buchs eingeführt hat, könnte laut Kalberer auch für Dänikon eine Möglichkeit sein. Über allfällige weitere Massnahmen zur Ergänzung des Versammlungsverbots würde an der Gemeindeversammlung vom Dezember abgestimmt.

Kalberer gibt auch zu bedenken, dass die Durchsetzung der Polizeiverordnung noch ungewiss sei. «Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Polizei nächtliche Kontrollen in Dänikon durchführt», sagt Kalberer. Denn einen Polizeiposten gibt es in Dänikon nicht und der in Buchs ist in der Nacht geschlossen. Es bleibt die Kantonspolizei, die im weiteren Umfeld jedoch nur mit zwei Streifen unterwegs sei. Einen privaten Sicherheitsdienst anstellen, wie es Otelfingen gemacht hat, wäre zwar eine Möglichkeit. Dazu müsste aber erst noch ein Beschluss gefasst werden. Es sei ungewiss, ob das bis am 1. September, wenn die neue Polizeiverordnung in Kraft tritt, der Fall sein wird. Den Einwohnern, welche sich die eingreifende Hand des Staates wünschen, bleibt einstweilen also nichts anderes übrig, als am Tag nach einer lärmigen Nacht Anzeige zu erstatten.