Auf A1 ausgetickt

15. Oktober 2019 15:43; Akt: 15.10.2019 17:06 Print

Polizist nach Ausraster per sofort suspendiert

Ein Video zeigt, wie ein Mann mit Polizeischild einen Autofahrer übel beschimpft. Nun hat es Konsequenzen für den Polizisten.

Auf der Autobahn A1 rastet ein Mann mit Polizeischild um den Hals aus und beschimpft einen anderen Autofahrer. (Video: Leser-Reporter)
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Auf der A1 rastet ein Mann mit Polizeischild um den Hals aus und beschimpft einen Familienvater aufs Übelste. Er schreit unter anderem: «Dich mache ich fertig, du verdammtes A****loch.» Die Tochter des Familienvaters auf dem Beifahrersitz bricht in Tränen aus.

Der Vorfall hat Konsequenzen für den Polizisten, wie die Stadtpolizei Winterthur in einer Mitteilung schreibt: «Am Montagabend erfuhr die Stadtpolizei über die sozialen Medien von einem Vorfall, in den ein Mitarbeiter involviert gewesen war. Aufgrund der inakzeptablen Verhaltensweise wurde der betreffende Mitarbeiter sofort suspendiert.»

Stadtpolizei distanziert sich klar

Wegen den Ermittlungen der Kantonspolizei Zürich könne nicht weiter auf das laufende Verfahren eingegangen werden. Unabhängig davon beurteilt das Kommando der Stadtpolizei Winterthur das Verhalten des Polizisten aber «als inakzeptabel sowie nicht tragbar und distanziert sich klar von derartigen Handlungen».

Der Vorfall ereignete sich am 8. September auf einem Autobahnteilstück bei Zürich-Seebach. Der Polizist war in einem roten Auto unterwegs. Das Kommando der Stadtpolizei habe erst am Montag davon erfahren. Der besagte Polizist sei zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht im Dienst gewesen.

Bei der Staatsanwaltschaft hatte der Polizist im September eine Strafanzeige gegen den Familienvater eingereicht, wie es auf Anfrage heisst. «Noch bevor die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren eröffnet hat, hat der Lenker des roten Autos eine schriftliche Desinteressenserklärung abgegeben und seine Strafanzeige zurückgezogen», sagt Sprecher Erich Wenzinger.

Passant meldete sich

Die Kantonspolizei Zürich hat ebenfalls Kenntnis vom Vorfall, wie sie auf Anfrage sagt. Ein Passant habe am 8. September einen Vorfall zwischen zwei Autolenkern gemeldet. Daraufhin sei eine Patrouille nach Zürich-Seebach ausgerückt. «Dort trafen die Polizisten auf einen Mann», sagt Sprecher Stefan Oberlin. Dieser habe angegeben, dass ihn ein anderer Mann tätlich angegangen habe.

Bisher habe er im Kanton Zürich aber noch keine Anzeige wegen des Vorfalls gemacht. Dennoch laufen Ermittlungen: «Aufgrund des Videos ermittelt die Polizei gegen den Mann mit dem roten Auto.»

Familienvater will sich nicht äussern

Leser-Reporter M. R.* hat die Szenen miterlebt und die Polizei verständigt: «Der Mann stieg aus dem roten Auto aus, gestikulierte mit den Händen und fluchte.» Er habe auch beobachtet, wie der Mann ins Auto gegriffen oder geschlagen habe. Zudem berichtet R., dass ihn das rote Auto zwischen dem ersten und zweiten Halt überholt und dabei fast gerammt habe.

Der Familienvater M. I.* selbst will sich nicht zum Vorfall äussern, wie er zu 20 Minuten sagt. Nur so viel: «Das Verhalten des Mannes hat mich schockiert.»

«Ich wollte das Video nicht veröffentlichen»

Er werde nun eine Anzeige gegen die Person machen, die das Video veröffentlicht hat. «Ich wollte gar nicht, dass das Video veröffentlicht wird. Alle Leute können mein Gesicht und dasjenige meiner Tochter sehen.»

Der Verband der Schweizerischen Polizei-Beamten kritisiert das Verhalten des Polizisten. «Es ist gar kein schönes Video, insbesondere bezüglich Wortwahl und mutmasslicher Tätlichkeit», sagt Generalsekretär Max Hofmann. Auch wenn die Hintergründe der Geschichte noch nicht bekannt sind und die Unschuldsvermutung auch in diesem Fall zum Tragen kommt, kann gesagt werden: «So darf sich ein Polizist zu keinem Zeitpunkt verhalten. Das war ganz klar unprofessionell – gerade auch weil Polizisten ausgebildet sind, wie sie sich in solchen Situationen zu verhalten haben.»

«Polizeischild ist wie Uniform»

Schlimm sei besonders, dass er sich als Polizist ausgewiesen habe. «Das Polizeischild um den Hals bedeutet das Gleiche, wie wenn er seine Uniform anzieht.» Das sei in der Freizeit nicht verboten, aber nicht auf diese Art. «Ein Polizist darf sich auch in der Freizeit ausweisen und Vorfälle protokollieren, wenn es nötig ist, etwa bei einem Unfall.» Das Video schade dem Image der Polizei. «Die Polizistinnen und Polizisten verhalten sich tagtäglich sehr professionell.»

20 Minuten hat den Mann mit Polizeischild telefonisch erreicht. Er ist bei der Stadtpolizei Winterthur tätig. Während des Vorfalls sei er nicht im Dienst gewesen, sagt er. Das Video sei aus dem Kontext gerissen, weil es die Vorgeschichte nicht zeige. Zur Tatsache, dass er auf dem Video zu hören ist, wie er den Vater «A****loch» nennt, will sich er sich nicht äussern. Er sagt nur: «Das ist im Affekt passiert.»

*Name der Redaktion bekannt

(tam)