Mord im Dolder

07. Oktober 2014 06:06; Akt: 07.10.2014 07:59 Print

«Dass aus Fiktion Realität wird, ist gespenstisch»

Den Autor Michael Moritz schauderte es, als er vom Mord an einer Prostituierten im Zürcher Luxushotel Dolder erfuhr. Genau dieses Szenario hatte er in einem Krimi beschrieben.

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Im Hotel Dolder wurde eine Dirne ermordet. Dieses Szenario hat der Autor Michael Moritz schon in seinem Buch «Die Tote im Dolder» beschrieben. (Bild: Keystone)

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Herr Moritz, in Ihrem Krimi die «Tote im Dolder» wird eine Prostituierte ermordet, die in diesem Hotel zu Gast war. Haben Sie beim Schreiben daran gedacht, dass dies tatsächlich passieren könnte?
An so etwas denke ich als Autor nicht. Dann wäre ich ja ein Orakel. Das könnte ich nicht ertragen. Viele Menschen sind ja der Überzeugung, dass aus Gedanken Taten werden – aber dass aus Fiktion Realität wird, ist gespenstisch und reiner Zufall.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, einen Krimi über das Hotel Dolder zu schreiben?
Ich hatte das Glück, mit meinem ersten Zürich-Krimi «Zürcher Verschwörung» zu «Zürich liest» eingeladen zu werden. Und zu diesem Anlass war ich im Dolder Grand einquartiert. Das fand ich sofort inspirierend. Ein Ambiente, in dem ich sonst mit meinem bescheidenen Bestseller-Honorar kaum verkehren könnte. Und da ich im ersten Krimi das Rothaus im Kreis 4 als wichtigen Ort verankert hatte, kam mir das Dolder Grand als Kontrast sehr gelegen.

Wie hat Ihre Recherche ausgesehen?
Meine Recherche im Hotel beschränkte sich nur auf den einen Tag. Ansonsten lief viel über das Internet. Der Rest ist Phantasie.

Warum eignet sich dieses Luxushotel so gut zum Morden?
Jeder Ort eignet sich zum Morden. Das hat mit dem Dolder Grand nichts zu tun. Wie gesagt, mir gefiel das Mondäne im Kontrast zum alternativen Kreis 4. Und da der Aufhänger in meinem Krimi ein millionenschwerer Hedgefonds-Betrüger ist, konnte ich ihn gar nicht teuer genug unterbringen. Ausserdem ist es schön, wenn sie einen örtlichen Kontrast in der Geschichte haben. Das Dolder Grand thront hoch über der Stadt. Die Langstrasse dümpelt im Kessel.

Der Mord könnte dem Ruf des Hotels schaden.
Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube nicht. Das Dolder kann ja nichts dafür, dass dort jemandem die Sicherungen durchbrennen.

Im realen Dirnen-Mord hat der Täter die Tote offenbar mit einem Koffer aus dem Hotel geschafft. Können Sie sich vorstellen, wie man so etwas unbemerkt anstellen kann?
Ich schätze, dass das Zimmer, in dem die Frau ermordet wurde, nicht von Kameras überwacht wird. Also hat niemand den Mord gesehen. Und eine Leiche kann durchaus in einen Koffer passen. Es widerspricht der Diskretion eines Hotels, Koffer von Gästen zu öffnen. Also im Grunde ein Kinderspiel.

Der reale Mörder hätte sich von Ihrem Buch inspirieren lassen können.
Wollen Sie mir ein schlechtes Gewissen machen? Nein. Niemals. Goethe warf man damals vor, dass sich viele junge Leute wegen «Die Leiden des jungen Werthers» umbrachten und Martin Scorsese hatte in den 1970er-Jahren ein ähnliches Problem mit Nachahmern von «Taxi Driver». Aber dass ein Freier eine Prostituierte tötet, nur weil er mein Buch gelesen hat, das ist weit hergeholt.

In Krimis und in der Realität werden oft Prostituierte ermordet. Warum werden diese Frauen immer wieder Opfer?
Weil es Teil des Genres ist. Meine Krimis leben von einem gewissen Trash-Flair. Die Hardboiled-Krimis arbeiten mit ihren Klischees und deren Varianten. Die Detektive sind einsam und gebeutelt und leichte Mädchen sind durchgeknallt und gerne Opfer. Sie dienen aber auch dramaturgisch als guter Aufhänger, um das Bürgertum und dessen dunkle Seiten zu beleuchten.

Werden Sie in Zukunft weitere Krimis schreiben, die in Zürich spielen?
Ja, gerade schreibe ich am dritten Krimi mit Roger Stahl. Er wird kommendes Frühjahr erscheinen. Ich hoffe, dass die Morde darin keine Nachahmung finden.

(som)