Krawalle in Zürich

15. September 2019 19:51; Akt: 15.09.2019 21:17 Print

«Die Gesellschaft hat ein Gewaltproblem»

von Jennifer Furer - Eine Demonstration gegen Abtreibungsgegner in Zürich eskalierte am Samstag. Ein Extremismusexperte spricht über die Gewalt von Linksextremen.

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Die Feuerwehr löscht die Container. Die Demonstranten laufen in Richtung Turbinenplatz, wo sich die Abtreibungsgegner aufhalten. Vermummte randalierten und zündeten Böller. Beim Limmatplatz brennt ein Container. Die Chaoten zündeten alle Container an, die auf ihrem Weg lagen. Auch ein E-Scooter wurde zerstört. Die Polizei verhinderte, dass die Demonstranten zu den Abtreibungsgegnern durchbrechen. Es entwickelte sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Polizei trifft beim Escher-Wyss-Platz ein. In der Luft liegt der Geruch von verbranntem Plastik sowie von Tränengas. Mit Bändern «sperren» Demonstranten Strassen für den unbewilligten Zug. Eine Mülltonne wurde in Brand gesetzt. Zurück bleibt Zerstörung. Auslöser der Ausschreitungen war diese Versammlung von rechtskonservativen Abtreibungsgegnern, die Linksautonome auf den Plan rief. Bei ihnen war die Stimmung friedlich. Letztes Jahr fand der «Marsch fürs Läbe» in Bern statt. Die Polizisten wurden vom ganzen Kantonsgebiet eingezogen. Die Demonstration fand auf dem Bundesplatz statt. Es handelte sich um den «Marsch fürs Läbe». Es demonstrieren Abtreibungsgegner. Thema ist «Der Schmerz danach». Das Demonstrationsgebiet wurde von der Polizei grossräumig abgesperrt. Wer hindurch wollte, musste sich einer Kontrolle unterziehen. Die Gegendemonstration verlief friedlich. Es hatten sich rund 300 Personen versammelt, um gegen den «Marsch fürs Läbe» zu demonstrieren. «My body, my choice» und andere Plakate waren zu sehen. Der Demonstrationszug bewegte sich lautstark, aber friedlich durch die Innenstadt. Die Polizei stand bereit.

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Herr Oertli, wieso ist es bei der Gegendemonstration, die von rund 200 Linksautonomen getragen wurde, eskaliert?
Es gibt Kräfte in der Linksextremen-Szene, die eine solche Eskalation wollen. Sie möchten einen Bruch mit zwischen ihnen auf der einen und dem Staat sowie der Mainstream-Gesellschaft auf der anderen Seite herstellen. Bei den Extremisten herrscht demnach das Narrativ «wir gegen sie». Und bei «sie» handelt es sich um eine totale Bedrohung, die sie bekämpfen müssen. Im Fall vom Samstag waren diese die Abtreibungsgegner und die Polizei als verlängerter Arm des Staates.

Um was ging es den Linksextremen gestern konkret?
Sie wollten die Demonstration «Marsch fürs Läbe» verhindern. Für sie stellen fundamental-christliche Kreise eine zu bekämpfende Bedrohung dar. Der Polizei wird stets von Extremisten vorgeworfen, sie seien auf der Seite des Gegners, weshalb auch sie als Bedrohung wahrgenommen werden.

Das heisst, die Polizei muss also bei der Ausübung ihrer Tätigkeit an Demonstrationen immer mit Gewalt rechnen?
Gewalt fängt dort an, wo man den Gegner entmenschlicht und das kann bei Demonstrationen passieren, muss aber nicht zwingend immer. Umso wichtiger ist es, dass die Polizei deeskalierend wirkt, nicht provoziert, sich zurückzieht und den Dialog sucht.

Gibt es jetzt an jeder Veranstaltung, die den Linksautonomen nicht passt solche Ausschreitungen?
Es ist Realität, dass die Gesellschaft als Ganzes zunehmend ein Gewaltproblem hat und es ist auch allgemein eine gesellschaftliche Problematik, dass der Gegner entmenschlicht wird. Es ist im vorherrschenden Klima derzeit unmöglich in der Politik eine prägnante Meinung zu vertreten, ohne Mord- oder Gewaltandrohungen zu erhalten. Diese sind in der Politik Alltag. Heutzutage muss leider jeder der seine politisch Meinung öffentlich äussert mit Gegenwind rechnen. Damit wird die Demokratie und deren Verständnis von Meinungsfreiheit mit Füssen getreten.


Adrian Oertli ist ehemaliger Linksextremer und heute Experte für Linksextremismus.