Goldküsten-Blutbad

09. August 2017 10:09; Akt: 09.08.2017 18:55 Print

«Es ist verheerend, ohne meinen Sohn zu leben»

Für die brutale Tötung seines Kollegen A. F.* im Drogenrausch kassiert B. V.* 12,5 Jahre Gefängnis. Die Mutter des Opfers äusserte sich nach der Urteilseröffnung.

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Nach der Urteilseröffnung am Mittwochnachmittag trat die Mutter des getöteten A. F. draussen vor dem Bezirksgericht Meilen ZH vor die Medien: «Es ist verheerend, ohne meinen Sohn leben zu müssen», sagte sie. «Keine Sekunde vergeht, in der wir nicht an den Verlust denken – es gibt keine Worte dafür.»

Dann dankte sie beispielsweise den Richtern für ihre respektvolle Arbeit, oder jenen, die die heikle Aufgabe gehabt hätten, ihren toten Sohn in die Gerichtsmedizin zu fahren. Während dem Sprechen rang sie mehrmals um Fassung.

Man habe ihr geraten, sie solle ihre Meinung über das Geschehene für sich behalten, «und das tue ich.» Ob sie mit dem Urteil Gerechtigkeit erfahre für ihren Sohn? Sie überlegte lange, kämpfte mit den Tränen und sagte schliesslich: «Ich kann schlafen heute Abend - dieses Urteil ist das beste was ich mir erhoffen konnte.»


Das sagt der Staatsanwalt zum Urteil.

Das Bezirksgericht Meilen befand den 32-jährigen B. V. wegen vorsätzlicher Tötung, qualifizierter Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Nötigung und verschiedensten Verkehrsdelikten für schuldig und verurteilte ihn zu 12,5 Jahren Gefängnis.

Weiter muss der Mann, der nie bestritten hat, für den Tod seines Freundes verantwortlich zu sein, Schadenersatz und Genugtuung in Höhe von über 130'000 Franken sowie Prozessentschädigungen von nochmals rund 200'000 Franken bezahlen.

«Brutale und grausame Tat»

Der Richter sprach bei der Urteilseröffnung von einer «äusserst brutalen und grausamen Tat», die sich am 30. Dezember 2014 in der elterlichen Villa in Küsnacht abspielte.

Dabei schlug der Beschuldigte, der aus einer Kunsthändlerfamilie stammt, seinem nach eigenen Aussagen «sehr guten, langjährigen Freund» mit verschiedenen Gegenständen den Schädel ein. Einer davon war beispielsweise ein 6 Kilogramm schwerer Kerzenständer.

Anschliessend rammte er dem noch lebenden 23-jährigen Engländer eine Kerze in den Mund und erwürgte ihn. «Die Tat geschah zwar spontan, aber er wollte den Tod seines Freundes», sagte der Richter. Der Vorsatz sei gegeben.

Motiv bleibt unklar

Die Beweggründe, die zum Tod des Engländers führten, lassen sich laut dem Richter nicht mehr eruieren. Der Beschuldigte änderte während der Untersuchung seine Aussagen mehrfach und sprach schliesslich gar von Notwehr.

«Er passte seine Aussagen dem jeweiligen Stand der Ermittlungen an», sagte der Richter. Bei der viertägigen Verhandlung im März, die im In- und Ausland auf grosse Beachtung stiess, schwieg der Beschuldigte.

Der Richter geht von einem spontanen Streit zwischen den zwei Männern aus - eventuell wegen lauter schwedischer Weihnachtsmusik oder weil der Täter mit den Drogen aufhören wollte. Dabei soll das spätere Opfer seinen körperlich überlegenen Freund in einen Glastisch gestossen haben. Dieser reagierte darauf mit einem «unkontrollierten Ausbruch von Aggressivität», wie der Richter sagte.

Sowohl der Täter als auch das Opfer standen zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluss von Ketamin und Kokain. Der Gutachter geht daher auch von einer schweren Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit des 32-Jährigen aus.

Berufung angekündigt

Insgesamt befand das Gericht den Beschuldigten für wenig glaubhaft. So folgte es auch bezüglich den Vorwürfen zu den Sexualdelikten den Aussagen seiner Ex-Freundin. Diese beschuldigte ihn, sie im Herbst 2014 in einem Londoner Hotelzimmer vergewaltigt und sexuell genötigt zu haben.

Der Richter sprach dabei zwar von einem «rabiaten und gefühlskalten» Vorgehen des Beschuldigten, stufte es aber als eher leicht ein. Genau damit ist der Staatsanwalt nicht einverstanden. Er will die Strafzumessung bezüglich der Sexualdelikte überprüfen. Ob er in Berufung geht, ist noch offen.


Das sagt die Verteidigung zum Urteil.

Klar ist schon jetzt: Der Fall wird ans Obergericht weitergezogen. «Mein Mandant bedauert die schreckliche Tat sehr», sagte Andreas Meili, einer von drei Verteidigern. «Aber die Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung ist zu hart.» Zudem beruhe die Verurteilung punkto Vergewaltigung nur auf Indizien, wichtige Argumente seien nicht gehört worden. Meili: «Deshalb geht mein Mandant in die Berufung.»

(sda/rom)