Bahn-Experte

20. Februar 2015 17:46; Akt: 20.02.2015 18:03 Print

«Es war eine Lücke im Sicherungssystem»

Am Bahnhof Rafz sorgt die modernste Technik für Sicherheit. Wegen einer Lücke im System funktionierte diese aber nicht, sagt Fachmann Walter von Andrian.

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Herr von Andrian*, in Rafz ist es erneut zu einem Zugunglück gekommen. Gab es keine Sicherung, die den Zug bremsen würde?
Doch, es hatte sogar zwei Zugsicherungssysteme, aber nur eines wurde aktiv.

Aber hat dieses den Zug nicht rechtzeitig gebremst?
Die alte Zugsicherung Signum sendet dem Zug den Befehl zum Bremsen erst, wenn er am Signalmast vorbeifährt. Die Zwangsbremsung erfolgt aber zu spät, dann reicht der Bremsweg nicht mehr. Der Zug fuhr ein Stück auf den Fahrweg des Schnellzugs und es kam zur Kollision.

Was war mit der anderen Sicherung?
Das Sicherungssystem heisst Zugbeeinflussungssystem (ZUB) und hätte die Zwangsbremsung in dem Moment ausgelöst, wenn sich der Zug dem Signal zu schnell nähert. Sie war in diesem speziellen Fall nicht wirksam, weil der Zug zuvor von Schaffhausen nach Rafz gefahren war, um von dort wieder zurückzufahren.

Können Sie das genauer erklären?
Es ist eigentlich ein Lücke im Zugsicherungssystem. Wenn ein Zug in einen Bahnhof einfährt, hat es beim Gleis eine sogenannte Balise. Das ist ein Sender und Empfänger. Die Balise informiert den Zug darüber, wie das nächste Signal steht. So weiss das Sicherungsgerät im Zug, ob das nächste Signal rot oder grün ist. Wenn ein Zug von Schaffhausen her nach Rafz einfährt, erhält er die Information, wie das Signal in Richtung Zürich steht. Weil er aber in diesem Fall wieder zurück nach Schaffhausen fuhr, hatte das System keine Information über den Stand des Signals Richtung Schaffhausen. In diesem speziellen Fall bremst das ZUB den Zug nicht, wenn er auf ein rotes Signal zufährt.

Man muss also davon ausgehen, dass das Signal der S-Bahn auf Rot stand?
Ich will niemandem die Schuld zuweisen, aber nach Fahrplan hat der Schnellzug Vorrang vor der S-Bahn. Der Schnellzug müsste schon eine grosse Verspätung aufweisen, damit die Betriebsführung davon abweicht.

War denn einer der Züge verspätet unterwegs?
Offenbar beide – die S-Bahn hätte nach Fahrplan um 6.40 Uhr aus Rafz wegfahren sollen. Der Schnellzug aus Zürich hätte Rafz wenige Minuten vorher passieren sollen. Laut SBB war die Unfallzeit 6.43 Uhr, somit waren beide etwas spät unterwegs. Das spielt aber keine Rolle.

Wieso nicht?
Weil die Regeln klar sind. Bei einem Zug standen die Signale auf Rot, beim anderen auf Grün. Der eine darf fahren, der andere nicht. Nur das ist entscheidend.

Was wäre passiert, wenn die alte Zugsicherung die S-Bahn nicht gebremst hätte?
Das hätte sehr schlimm ausgehen können. Dann hätte die Kollision mit grösserer Geschwindigkeit stattgefunden und die Folgen wären noch schlimmer gewesen.

* Walter von Andrian ist Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue»

(ann)