«Grüess Seebach»-Komiker (22)

20. Februar 2019 05:53; Akt: 20.02.2019 08:50 Print

«Ich sehe immer wieder, wie sie mich aufschlitzen»

von Qendresa Llugiqi - Özgür Yarasir erlitt bei einer blutigen Auseinandersetzung in Zürich-Seebach schwere Beinverletzungen. Während der letzten vier Monate kämpfte er sich zurück ins Leben.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Sie haben mich nicht abgestochen, sondern aufgeschlitzt. Ich sehe es immer wieder vor mir», sagt Özgür Yarasir (22) aus Zürich-Seebach. Davon zeugten die vier Narben an seinen Beinen mit einer Gesamtlänge von über 120 Zentimetern. «Sie erinnern mich ständig daran, was vor vier Monaten geschehen ist.»

11. Oktober 2018: Diesen Donnerstagabend wird Yarasir sein Leben lang nicht vergessen. Gegen 23 Uhr greifen ihn Unbekannte in seinem Treppenhaus an. «Ich war mit einem Freund zu Hause, als mich jemand anrief und nach draussen lockte. Plötzlich schlug mir jemand mit einem Baseballschläger auf den Kopf. Weil ich nicht k. o. ging, folgten weitere Schläge», sagte der Schweizer zu 20 Minuten.

«Hätte ich mich nicht selbst verarztet, wäre ich vermutlich gestorben»

«Die Täter versuchten mich ins Auto zu zerren. Weil ich nicht mitging, zogen zwei von ihnen plötzlich ein Messer und schnitten mir die Beine auf.» Die Täter seien dann geflüchtet.

Die Polizei habe er selbst informiert, gibt der 22-Jährige an. «Auf dem Weg dorthin meinten die Sanitäter, dass ich vermutlich gestorben wäre, hätte ich mich nicht selbst verarztet, bis sie vor Ort waren.»

Zwei Täter sollen auf der Flucht sein

Yarasirs Nachbarn hätten nicht geholfen: «Für mich sind sie keine Nachbarn. Als ich da im Treppenhaus fast gestorben wäre, öffneten sie noch die Türen und schauten raus. Doch keiner kam mir zu Hilfe – ausser ein Herr, und dem bin ich sehr dankbar», erklärt der 22-Jährige aus Zürich-Seebach. Seit dem Vorfall würden die Nachbarn ihn mit anderen Augen sehen. «Dabei habe ich mir seit dem 16. Lebensjahr, als ich in Haft war, nichts mehr zuschulden kommen lassen.»

Weiter wolle er sich zu dem Vorfall nicht äussern: «Vieles ist noch unklar.» Ausser: «Später wurde mir klar, dass ich zwei der vier Täter kenne und dass sie es eigentlich gar nicht auf mich abgesehen hatten.» Der junge Schweizer hofft aber, dass die Täter so rasch wie möglich zur Rechenschaft gezogen werden. «Mir wurde gesagt, dass zwei der vier Täter noch auf der Flucht seien. Das macht mir irgendwie Angst.»

Zwei Personen befinden sich in Untersuchungshaft

Die Zürcher Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage, dass sich derzeit zwei Personen in Untersuchungshaft befinden. «Gegen diese besteht ein dringender Tatverdacht.» Weitere Auskünfte könne man mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht erteilen.

Und wie geht es Yarasir heute? Er leide auch vier Monate nach dem Angriff noch unter den psychischen Folgen, wie er sagt: «Ich kann mich nicht frei bewegen und habe Angst, allein rauszugehen. Der Vorfall holt mich immer wieder ein, wenn ich Gruppierungen von Menschen sehe.»

«Seebach ist und bleibt Liebe»

Jeden Tag denke er an diesen Moment zurück, er träume sogar davon. «Mich verfolgt die Hilflosigkeit, die ich damals im Treppenhaus verspürt habe.» Auch habe er physische Schwierigkeiten: «Vier meiner Zehen spüre ich nicht mehr. Auch musste ich viel dafür machen, dass ich einigermassen laufen kann. Ich hinke immer noch.»

Yarasir ist kein Unbekannter: Im Frühling 2018 machte sein Spruch «Grüess Seebach», mit dem er den Rapper Azet aufforderte, seinen Heimatort zu grüssen, Karriere in den sozialen Netzwerken. Für ihn steht fest: «Auch nach dem Vorfall in meinem Treppenhaus werde ich Seebach grüssen. Seebach ist und bleibt Liebe. Und ja, ‹Grüess Seebach›.»


Mit diesem Video ging Yarasir im Frühling 2018 viral.