Schüsse im Quartier

09. Dezember 2019 18:32; Akt: 09.12.2019 20:51 Print

«Ich überlege mir, aus Seebach wegzuziehen»

Zahlreiche Anwohner leben seit den Schüssen am Sonntag in Zürich-Seebach in Angst. Vor allem Mütter zeigen sich besorgt.

Augenzeuge Mike Enzler (19) erzählt, wie er die Tat erlebt hat. (Video: mon)
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Ein Mann ist am Sonntagabend in Zürich-Seebach von mehreren Männern verfolgt worden. Einer der Täter feuerte mit einer Pistole mehrere Schüsse auf ihn ab. Das Opfer, ein 32-jähriger Deutscher, wurde schwer verletzt, die Täter sind nach wie vor flüchtig (20 Minuten berichtete).

Die Quartierbewohner zeigen sich seit dem Vorfall beunruhigt und sind schockiert. Viele wollen anonym bleiben, einige befürchten, die Mafia könnte dahinter stecken. Vor allem Mütter sind besorgt. Eine Frau sagt dazu: «Ich habe selber Kinder. Natürlich haben wir Angst. Immerhin hat sich das Drama vor unserer Haustüre abgespielt.»

Einige Kinder sollen an dem Tag sogar draussen gewesen sein und alles mitbekommen haben: «Wir müssen nun den Kindern erklären, was hier vorgefallen ist. Sie werden sicher Fragen stellen.»

«Das ist doch nicht normal»

Eine junge Mutter, die gerade mit dem Kinderwagen aus einem Hauseingang kommt, meint sogar: «Also wenn ich gewusst hätte, was das für eine Gegend ist, wäre ich nie hierher gezogen.» Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann und den zwei Kindern erst seit kurzem in dem Quartier: «Ich überlege mir ernsthaft, hier wegzuziehen.» Sie fragt sich: «Wo bitte wird tagsüber auf Personen geschossen? Das ist doch nicht normal.»

Ein anderer Anwohner meint hingegen: «Ich finde, dass die meisten hier überdramatisieren. Da läuft doch jetzt keiner herum und schiesst wahllos um sich.» Er wohne seit Jahren hier und das sei sicher nicht alltäglich: «Natürlich kommt so etwas hin und wieder vor. Aber das kann genauso woanders auch passieren.»

Anwohner sah Opfer vom Fenster aus

Er selber habe das Opfer noch vom Fenster aus gesehen: «Der Mann sass zuerst aufrecht. Kurze Zeit später kamen die Rettungssanitäter, legten ihn auf eine Barre, deckten ihn zu und stülpten ihm eine Atemmaske übers Gesicht.» Eine Frau sei neben ihm gestanden. In welchem Verhältnis sie zueinander stehen, wisse er aber nicht.

Auch M.H.* machte von ihrem Balkon aus eine ähnliche Beobachtung: «Ich sah eine Frau, wie sie mit dem Verletzten und den Sanitätern zum Krankenwagen lief. Ich kenne beide Personen aber nicht.» Für sie dennoch ein Schock: «Ich finde das alles sehr seltsam und beunruhigend.»

Seltsames Telefonat im Tram

S.M.* wohnt in der Nähe des Tatorts und war an diesem Sonntag im Tram unterwegs, als sie ein seltsames Telefonat mitanhörte: «Zwei Reihen vor mir sass ein Mann. Er telefonierte mit jemandem. Dabei wirkte er sehr aggressiv.» Später sei der aufgebrachte Mann am Seebacherplatz ausgestiegen: «Zu der Person am Telefon sagte er noch, dass sie sich ja gleich an der Voliere in Seebach treffen werden. Danach habe ich ihn aus den Augen verloren.»

Sie selber habe wegen des schönen Wetters einen etwas längeren Heimweg als üblich genommen. Doch während sie durch das ansonsten relativ ruhige Quartier lief, hörte sie plötzlich ein Geschrei. «Die Stimme der Person war sehr hoch und wirkte panisch.»

Als sie später aus den Medien von den Schüssen hörte, war sie schockiert. Ihr Erlebnis postete sie auf Facebook. Mehrere User rieten ihr, sich an die Polizei zu wenden. Das hat M. in der Zwischenzeit getan. Sie hofft nun, wie viele weitere Anwohner auch, dass die Täter bald geschnappt werden.


Ein Mann ist in Zürich-Seebach von Männern verfolgt und angeschossen worden. Die Spurensicherung war am Sonntagabend vor Ort. (Video: BRK)

Polizeieinsatz in Zürich-Seebach

*Name der Redaktion bekannt

(mon)