Frau in Atemnot

25. Juni 2019 09:37; Akt: 25.06.2019 09:58 Print

«Statt zu helfen, wechselten sie das Abteil»

Eine 45-jährige Frau hatte einen schweren Asthmaanfall am Zürcher HB. Hilfe bekam sie erst später im Zug.

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Patricia Siegrist wollte unbedingt den Zug nach Hause erwischen, denn die schnelle Direktverbindung gibt es am Abend nur stündlich. Deshalb rannte sie am Dienstag nach dem Konzert von Phil Collins im Zürcher Hauptbahnhof auf den Zug. Doch dieser war schon weg, als sie aufs Perron kam. Die Folge des Sprints: Ein schwerer Asthmaanfall.

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«Ich habe schwer geatmet und es wurde immer schlimmer», erzählt die 45-Jährige. Es sei nicht das erste Mal, dass sie Asthma gehabt habe, aber so schlimm sei es noch nie gewesen. «Ich war nah am Ersticken. Das hat man sicherlich gehört.» Hilfe angeboten habe ihr aber niemand, wie sie sagt: «Es hatte über 50 Personen auf dem Perron, aber ich wurde nicht gefragt, ob ich Hilfe brauche. Sie haben mich einfach nur angeglotzt.»

Zwei Männer machten SBB-Mitarbeiterin auf medizinisches Problem aufmerksam

Das habe sie zutiefst erschüttert: «Mich schockiert diese Gleichgültigkeit der Leute. Ich hätte in einer solchen Situation sicherlich gefragt, ob alles in Ordnung ist.» Sie selbst habe sich wegen des Anfalls keine Hilfe holen können. «Jede Bewegung verschlimmert das Asthma. Ich konnte auch nicht richtig sprechen.» Den Notfallspray, den sie dabeihatte, konnte sie ebenfalls nicht richtig einsetzen.

Nach langem Warten stieg sie in den Zug, der in der Zwischenzeit eingefahren war. «Ich hatte immer noch starke Atemnot», sagt Siegrist. Es habe sogar Personen gegeben, die deswegen das Abteil gewechselt hätten. Erst zwei ältere Männer mit orientalischem Aussehen hätten während der Fahrt eine Zugbegleiterin auf ihr medizinisches Problem aufmerksam gemacht.

«Ich möchte allen herzlich danken»

«Die SBB-Mitarbeiterin setzte sich neben mich und kümmerte sich um mich. Sie organisierte auch eine Ambulanz», sagt die Mutter von zwei Kindern. Man habe ihr auch angeboten, dass der Zug einen ausserordentlichen Zwischenhalt einlegt. Das habe sie aber abgelehnt. So warteten die Rettungskräfte im Zielbahnhof Rheinfelden auf Siegrist.

«Ich wurde versorgt und anschliessend ins Spital gebracht.» Die Notrufzentrale 144 bestätigt einen Einsatz einer Ambulanz am Bahnhof Rheinfelden am Mittwoch um etwa 0.30 Uhr. Für Siegrist war diese Hilfe wichtig: «Ich möchte allen daran beteiligten Personen ganz herzlich danken. Diese Zivilcourage habe ich toll gefunden.»

SBB-Mitarbeiterin hat richtig gehandelt

Die SBB hat keine Kenntnis vom Vorfall, wie es auf Anfrage heisst. Falls sich der Vorfall tatsächlich so zugetragen habe, habe die Mitarbeiterin aber absolut richtig gehandelt. «Unser Zugpersonal ist für medizinische Notfälle geschult», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. In dringenden Fällen könne dieses auch einen ausserplanmässigen Halt anfordern. «Die Betriebszentrale weiss, an welchem Bahnhof am schnellsten eine Ambulanz sein kann oder von wo aus am besten eine Einlieferung in ein Spital unverzüglich möglich ist.»

Reisenden rät die SBB, den nächsten Mitarbeiter der SBB oder des Bahnhofs anzusprechen oder auch einen Passanten. Die Transportpolizei lasse sich unter der Nummer 0800 117 117 alarmieren.

(tam)