Forensischer Psychiater

20. Mai 2019 19:59; Akt: 20.05.2019 20:03 Print

«Jeder Fünfte hat sexuelle Interessen an Kindern»

Die Polizei hat einen mutmasslichen Pädophilen verhaftet, der seine Tochter (3) zu einem Sextreffen mitnahm. Für Forensiker Thomas Knecht ist das ein aussergewöhnlicher Fall.

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Der Fall
Vater nimmt Tochter (3) zum Sextreffen mit

Ein Mann (44) bot im Darknet kinderpornografische Bilder an und beschrieb eigene sexuelle Handlungen mit Kindern. Zudem zeigte er sich dort interessiert an sexuellen Treffen mit Müttern und deren Kindern. Anfang Mai verabredete er ein solches Treffen mit einer Chatpartnerin und nahm seine Tochter (3) mit. Doch die Frau war in Wirklichkeit ein Zürcher Kantonspolizist.

Der Experte
Forensiker Thomas Knecht im Interview

Herr Knecht*, was halten Sie davon, dass ein Vater seine Tochter zum Sextreffen mitnimmt?
Das ist ungewöhnlich. Normalerweise finden selbst Pädophile den eigenen Nachwuchs sexuell nicht interessant. Das ist eine natürliche Schranke, die vor Inzest schützt. Wenn diese in seltenen Fällen versagt, befindet sich der Täter diesbezüglich in einem unreifen Stadium. Dazu muss man anschauen, wie er sexuell sozialisiert wurde.

In diesem Fall sollte das dreijährige Mädchen Zuschauerin beim Sex zwischen der Chatpartnerin und dem 44-Jährigem sein.
Voyeurismus ist zwar bei sexuellen Handlungen ein grosses Thema. Für gewisse Leute ist es ein Kick, wenn sie beim Sex Zuschauer haben. Dass aber ein Kind auf diese Art eingespannt wird, habe ich noch nie gehört. Meistens haben diese eine aktivere Rolle. Vielleicht wollte der Vater hier auch einen Kompromiss eingehen und seine Tochter vor dem ganz Groben schonen. Ein Missbrauch ist es trotzdem, der für ein kleines Kind traumatisch sein kein.

Kann sich ein Kind davon erholen?
Bei einem einmaligen Erlebnis hat es gute Chancen. Nachhaltig traumatisierend ist meistens ein sexueller Missbrauch über längere Zeit. Das kann sich in einer völligen sexuellen Enthemmung oder auch in einer Sexualphobie äusssern.

Was halten Sie davon, dass Mütter im Internet ihre Kinder für sexuelle Dienste anbieten?
Bei solchen Frauen ist die Bindung zu ihren Kindern gestört. Sie empfinden wenig Zuneigung zu ihnen. Der natürliche Reflex, sie zu schützen, versagt. Oft bieten solche Frauen ihre Kindern aus finanziellen Gründen an oder möchten ihrem Chatpartner aus anderen Motiven, etwa aus Geltungsdrang, einen Gefallen tun. Glücklicherweise kommt das äusserst selten vor. Meistens wissen die Frauen auf Online-Partnersuche nicht, dass ihr Partner ihre Kinder missbrauchen will.

Wie meinen Sie das?
Ich beobachte zunehmend, dass Männer mit pädophiler Neigung auf ganz normalen Partnerforen mit Müttern Kontakt suchen. Kommt es zur Beziehung, versucht ein Mann an die Kinder heranzukommen. Früher geschah diese Art von Missbrauch eher in der Verwandschaft oder im Bekanntenkreis. Doch die neuen Medien machen vieles möglich. Wenn also Frauen mit Kindern eine neue Beziehung eingehen, müssen sie leider darauf ein Auge halten. Schliesslich haben 20 Prozent der Männer in irgendeiner Form ein sexuelles Interesse an Kindern. Zum Glück begehen die wenigsten davon eine Straftat.


*Thomas Knecht ist forensischer Psychiater und Leitender Arzt am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden.

(som)