Fasziniert von Gewalt

09. Dezember 2016 20:51; Akt: 09.12.2016 20:51 Print

«Kriminelle sehen den Jihad als Gelegenheit»

Der forensische Psychiater Jerome Endrass hat sich mit Jihadisten befasst. Er sagt, welche Menschen auf die Propaganda anspringen und welche Rolle die Religion spielt.

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Herr Endrass*, gibt es einen Typ Mensch, der dazu prädestiniert ist, Jihadist zu werden?
Nein, den gibt es nicht. Aber wir wissen, dass die Zeitspanne, in der sich die Leute radikalisieren, immer kürzer wird. In Deutschland etwa vergeht bei der Hälfte der Jihadisten von der Radikalisierung bis zur Ausreise knapp ein Jahr, bei manchen sind es sogar nur drei Monate. Ausserdem sinkt das Durchschnittsalter, die Ausreisenden werden immer jünger. Ein grosser Teil von ihnen ist zudem vorbestraft und bringt somit eine kriminelle Grunddisposition mit. 

Wie werden sie zu Jihadisten?
Junge Leute werden in der überwiegenden Mehrheit durch direkte soziale Kontakte in die salafistische Szene radikalisiert. Diese Kontakte sind matchentscheidend für die Radikalisierung. Demgegenüber spielt das Internet eine untergeordnete Rolle. 

Sind sie denn alle leicht beeinflussbar?  
Im Schnitt sind die Leute sehr jung. Junge sind grundsätzlich leichter beeinflussbar – im Guten wie im Schlechten. Aber neben der Beeinflussbarkeit gibt es eine Reihe von anderen Persönlichkeitseigenschaften, die hier von Interesse sind. So gibt es zum Beispiel solche, die über ein extrem stark ausgeprägtes Schwarz-Weiss-Denken verfügen oder auf autoritäre Strukturen ansprechen. Diese Personen muss man nicht überzeugen. Sie fühlen sich im Salafismus wohl. Aber es gibt auch den Typus Jihadist, der eine kriminelle Disposition aufweist. Der muss nicht überzeugt werden, denn der sieht den Jihadismus mehr als eine Gelegenheit, weiterhin gewalttätig zu sein. 

Sind kriminelle Tendenzen ein wichtiger Faktor?
Eine ganz grosse Gruppe der Jihadisten sind tatsächlich Kriminelle. Das heisst, etwa die Hälfte war vor der Ausreise schon vorbestraft – viele wegen Gewaltdelikten. Insbesondere unter den Jihadisten, die im Kriegsgebiet bleiben, hat es einen beträchtlichen Anteil von Personen, für die Krieg und Gewalt hochgradig attraktiv sind. 

Jihadismus hat also oft nichts mit Religion zu tun?
Wir kennen aus Deutschland Fälle von Rechtsextremen, die ins jihadistische Milieu gewechselt haben. Da geht es nicht darum, dass die religiösen Inhalte überzeugend sind und mit der Zeit extreme Positionen vertreten werden. Es geht darum, dass extreme Inhalte überzeugend sind und dafür die Religion herhalten muss.

Spielt die Religion keine Rolle?
Doch, Jihadismus hat etwas mit einer bestimmten Religionsauslegung zu tun. Wenn aber ein junger Mensch, nachdem er sich wenige Monate und eher oberflächlich mit einer Religion auseinandergesetzt hat, in den Krieg ziehen will, ist ja klar, dass die Religion eher Vorwand als Auslöser für den Kampfeinsatz ist. Diese bestimmte Religionsauslegung ist für Personen attraktiv, die Gewalt faszinierend finden.

Nutzen Rekrutierer das aus?
Die gehen ganz klar in dem Teich von Personen fischen, die schon eine Gewaltdisposition oder Gewaltaffinität haben. Sie suchen Leute, die eine gewisse kriminelle Energie haben oder den Hang dazu haben, sich extremistischen oder totalitären Systemen anzuschliessen. 

Wie sieht es mit Gruppendruck aus?
Gruppendruck und Gruppendynamik können gerade bei minderjährigen Jihadisten eine Rolle spielen. Die rutschen dann in etwas hinein, wo sie die Auswirkungen ihres Tuns gar nicht richtig abschätzen können. Das sind dann aber eher die, die im Kriegsgebiet einen Realitätsschock erleiden und rasch wieder nach Hause kommen wollen.

Lösen sie sich dann auch von ihren starren religiösen Bildern?
Das ist Teil der Therapie von Rückkehrern. Oft haben Rückkehrer sehr wenig Ahnung vom Islam und können kein Arabisch. Da ist es wichtig, dass jemand sie aufklärt und ihnen zeigt, was der Islam wirklich ist. In Deutschland hat man Rückkehrer von Islamwissenschaftlern darüber aufklären lassen, was wirklich im Koran steht. Das allein reicht aber nicht aus, es braucht zudem eine enge Zusammenarbeit zwischen der Polizei und der forensischen Psychologie.

(ann)