Schüsse in Zürcher Moschee

20. Dezember 2016 16:17; Akt: 08.06.2017 16:59 Print

«Okkultisten haben oft ein Gewaltproblem»

In der Wohnung des toten Moschee-Schützen hat die Polizei Symbole gefunden, die auf Okkultismus hindeuten. Ein Experte sagt, wie gefährlich diese Praktik sein kann.

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Die Polizei hat das Gebiet um die Eisgasse am Montagabend, 19. Dezember 2016, abgesperrt. In einem muslimischen Gebetszentrum war es zu einer Schiesserei gekommen. Das Gebetszentrum befindet sich unweit der Europaallee und des Hauptbahnhofs. Der zu jenem Zeitpunkt unbekannte Täter hatte im Gebetsraum auf die Gläubigen geschossen - drei Männer wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Um den Täter zu finden, setzte die Polizei auch Spürhunde ein ... ... und durchsuchte die Umgebung des Gebetszentrums. Unter anderem wurde das Kasernenareal inspiziert. Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort. Das Gebetszentrum wird von Menschen vor allem aus Somalia frequentiert. Normalerweise sind an einem Montag zwischen zehn und 15 Gläubige anwesend. Kurz vor 20 Uhr riegelte die Polizei die Gessnerbrücke über die Sihl teilweise ab. Dort, unterhalb der Rio-Bar, fand die Polizei eine leblose Person. Neben dem Toten unterhalb der Gessnerbrücke lag eine Pistole. Die Polizisten spannten ein weisses Tuch auf ... ... kurz darauf folgte das weisse Zelt. Wie die Justizbehörden am Dienstagmorgen bekannt gaben, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Toten und dem Anschlag. Die Fahndung nach dem Täter wurde eingestellt. Damit dürfte der tote Mann der mutmassliche Täter sein - und sich wohl selber gerichtet haben. Die Polizei war auch am späteren Abend noch im Einsatz. Am Dienstagnachmittag informierten die Justizbehörden über den Fall. Staatsanwältin Françoise Stadelmann (links), die Chefin der Kriminalpolizei, Christiane Lentjes Meili (Mitte), und Werner Schaub, Sprecher der Kantonspolizei. Der Täter ist ein 24-jähriger Schweizer mit ghanaischen Wurzel. Er tötete bereits am Sonntag in Schwamendingen einen Bekannten. (20 Minuten berichtete.) Der Täter stand dem Okkultismus nahe. «Es gibt keinerlei Hinweise auf ein terroristisches Motiv oder eine islamistische Radikalisierung», sagt Meili, Chefin der Kriminalpolizei (Mitte), gegenüber den Medien.

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Herr Schmid*, der Mann, der in einem islamischen Gebetszentrum in Zürich drei Gläubige angeschossen, zudem in Schwamendingen einen Bekannten und am Schluss sich selber getötet hat, war dem Okkultismus sehr zugetan. Was sagt das Ihnen?
Obwohl ein Zusammenhang in diesem Fall noch nicht erwiesen ist: Wer exzessiv Okkultismus betreibt, hat oft auch ein Gewaltproblem. Es gibt sogar grosse Schnittmengen mit Amokläufern.

Wie das?
Exzessiv zum Okkultismus neigende Menschen haben im Leben oft einige Baustellen – sei es im Job oder privat. Hinzu kommt, dass sie vielfach psychisch verletzlich sind. Sie ziehen den Okkultismus zu Hilfe, weil sie sich davon höchstmögliche, übersinnliche Kräfte erhoffen, um die Probleme zu lösen. Da sie es ja auf normalem Weg nicht zu schaffen glauben. Okkultismus verspricht Macht.

Auf welche Weise?
Ganz einfach. Sehr bekannt ist der Schadenszauber mit einer Puppe. Ein kleines Ritual mit ihr zu Hause reicht, und meine Feinde sinken ins Grab. Mit anderen Worten: kleiner Aufwand, grosse Wirkung. Das ergibt ein Allmachtsgefühl, das die ohnehin schon angegriffene Psyche der Person allerdings noch weiter von der Realität wegziehen kann. Vor allem Teenager und junge Erwachsene sind an Okkultismus interessiert.

Okkultismus ist ein schwammiger Begriff. Der mutmassliche Täter hat Wurzeln auch in Ghana. Welche Form von Okkultismus ist dort verbreitet?
Magische Rituale sind in ganz Westafrika sehr verbreitet und gehen auf die traditionellen Ethnien zurück. Es geht eigentlich immer darum, mit Ritualen das eigene Leben oder das seiner Nächsten zu verbessern – und umgekehrt Feinden zu schaden.

Wie verbreitet ist Okkultismus in Europa?
In Umfragen geben jeweils rund 5 Prozent der Befragten an, schon mal okkulte Praktiken ausprobiert zu haben. In Europa verbreitet sind vor allem die Hexenmagie, der magische Vampirismus, der Satanismus, Formen der Sexualmagie und rekonstruierte magische Rituale von Kelten und Germanen. Zunehmend populärer wird aber auch der Voodoo, der ursprünglich aus Westafrika stammt. Dabei stellt er eigentlich nur eines von vielen magischen Systemen dar, die in Westafrika praktiziert werden. Inhaltlich sind sie sich alle ähnlich, nur die Begriffe sind anders. Voodoo beispielsweise ist primär in Benin verbreitet. In Nigeria werden derweil eher Yoruba-Traditionen gepflegt.

Praktiziert man Okkultismus allein oder in Gruppen?
In Europa primär allein. Ich kann mir als Laie die Rituale aneignen und daheim umsetzen. Die meisten Okkultisten tauschen sich übers Internet aus. Westafrikaner stehen oft in Kontakt mit einem Priester in ihrem Heimatland. Gemeinsame Rituale sind hier eher selten, es gibt aber durchaus solche Zirkel.

Die Polizei hat bei der Hausdurchsuchung des Täters in mehreren Räumen okkultistische Symbole gefunden – ist das typisch?
Ja. Ich habe schon Wohnungen gesehen, in denen ganze Altäre aufgebaut waren, magische Symbole am Boden, Zaubersprüche an den Wänden. Oft werden dann magische Formeln und Symbole aus diversen Traditionen vermengt, Voodoo-Puppen stehen neben Satansfiguren, Vampirkelchen und Hexenwerkzeugen.

Wie gefährlich ist Okkultismus?
In meiner Arbeit berate ich regelmässig Menschen, die mit Okkultismus negative Erfahrungen gemacht haben, sei es, dass sie sich nur noch auf magische Rituale verlassen haben, statt zu versuchen, ihre Probleme auf irdischem Weg anzugehen. Sei es, dass ihr Glaube an die Magie dazu geführt hat, dass sie sich selbst magisch verfolgt fühlten. Oder sei es, dass sie von einer okkulten Gruppe abhängig wurden. Besonders tragisch sind die Fälle, in denen Okkultisten in einem regelrechten Okkultwahn zu Mördern wurden.

* Georg Otto Schmid ist Leiter der evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen.

(rom)