Bombenalarm an Street Parade

12. August 2019 08:31; Akt: 12.08.2019 15:38 Print

Polizei findet Hinweise auf Brandbeschleuniger

von Jennifer Furer - Im verdächtigen Rucksack von der Street Parade hatte es Attrappen von Rohrbomben. Welche Auswirkungen hat der Vorfall auf den Megaevent?

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Tausende Raver feierten auf dem Sechseläutenplatz die Street Parade und tanzten zur Musik von Amelie Lens. Nur hundert Meter entfernt riegelte die Polizei am Utoquai ein Gebiet komplett ab. Der Grund war ein oranger Rucksack.

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich, sagt auf Anfrage von 20 Minuten, dass eine Person gemeldet habe, dass der Rucksack dort liege und nicht ganz verschlossen sei. Laut Augenzeugen zufolge schauten oben Pet-Flaschen und Kabel heraus.

Gefahr mit Spezialfahrzeug gebannt

Nach zwei Stunden wurde der Rucksack unter Sirenengeheul abtransportiert. Dafür sei ein Spezialfahrzeug eingesetzt worden, so Cortesi. «Wenn der verdächtige Gegenstand abtransportiert wird, ist die grösste Gefahr für die Leute in der Umgebung gebannt.» Gemäss dem leitenden Ermittler Peter Bächer habe man den Rucksack an einem dafür geeigneten Ort vor allem auch im Hinblick auf mögliche Spuren untersucht.

Es stellte sich heraus: Im verdächtigen Rucksack befanden sich Rohrbomben-Attrappen. «Sie sah für die Spezialisten des Forensischen Instituts so aus, dass von einer funktionsfähigen Rohrbombe ausgegangen werden musste», sagt Bächer.

31-Jähriger verhaftet

Sofort seien «aufwändige Soko-Strukturen» aufgebaut worden, bei welchen verschiedene, zum Teil hochspezialisierte Fachkräfte zusammenarbeiteten, sagt Bächer. In den Fokus der Ermittlungen geriet ein 31-jähriger Deutscher, der im Kanton Aargau lebt. «Von verschiedenen verfolgten Spuren erwies sich diejenige in den Kanton Aargau als die richtige. Beim Verhafteten dürfte es sich mutmasslich um diejenige Person handeln, die den Rucksack abgelegt hat», sagt Bächer. Der Mann sei der Polizei bekannt, nicht aber im Zusammenhang mit solcher Delikte.

Laut Daniel Kloiber, zuständiger Staatsanwalt, waren im Rucksack Kabel, Handy, Metallteile und PET-Flaschen mit wahrscheinlich einem Brandbeschleuniger. Einzig Sprengstoff und eine Zündvorrichtung fehlten. «So eine Attrappe wurde nicht einfach aus einer Laune heraus gebaut.»

Mutmasslicher Täter noch nicht befragt

Ob der Deutsche inzwischen ein Geständnis abgelegt hatte, ist nicht bekannt. Der Mann wurde von der Staatsanwaltschaft noch nicht befragt. Kloiber geht davon aus, dass er Untersuchungshaft beantragen werde.

Zum Motiv gibt es weiterhin keine Informationen. Es gebe keine Hinweise, dass der Täter Verbindungen zu extremen politischen oder religiösen Gruppierungen hatte. Warum er die Tat plante und ausübte, ist nicht bekannt.

Deutschen droht Landesverweis

Ein direkt vergleichbarer Fall ist Ermittlungsleiter Peter Bächer nicht bekannt. «Die Polizei ist aber auf solche Fälle sehr gut vorbereitet, die Abläufe sind trainiert und vorbereitet. Täter müssen wie im vorliegenden Fall damit rechnen, sehr rasch zur Rechenschaft gezogen zu werden.»

Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl führt nun die weiteren Ermittlungen. Gegen den Beschuldigten wird derzeit wegen Schrecken der Bevölkerung ermittelt, sagt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage von 20 Minuten. Der Tatbestand weist einen Strafrahmen von Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldstrafe auf. Eine obligatorische Landesverweisung sei hierfür nicht vorgesehen, eine fakultative sei aber grundsätzlich möglich.

Rucksackkontrolle als Massnahme?

Welche Massnahmen ergreifen nun die Organisatoren der Street Parade nach diesem Vorfall? Zum jetzigen Zeitpunkt kann und will der Veranstalter der Street Parade nichts sagen: ««Wir müssen zuerst die Hintergründe erfahren und ergreifen die erforderlichen Massnahmen», so Sprecher Stefan Epli.

Sicherheitsexperte Beda Sartory erachtete es als schwierig, etwa ein Rucksackverbot oder Rucksackkontrollen an der Street Parade durchzusetzen. «Das ist nur in klar abgegrenzten Bereichen mit kontrollierten Zugängen möglich.» An der Street Parade habe es hunderte Zugänge, diese alle zu kontrollieren, sei praktisch unmöglich.

Appell an die Eigenverantwortung

Das Einzige, was präventiv helfen könne, sei, wenn alle Besucher aufmerksam seien. «Es darf nicht vergessen werden, dass jeder eine Eigenverantwortung mit an eine solche Veranstaltung bringt», so Sartory. Man könne und dürfe die Verantwortung nicht abgeben, verdächtige Vorkommnisse oder Gegenstände, die unbeaufsichtigt herumliegen, zu melden.

Schlussendlich sei es aber so, dass ein gewisses Restrisiko bei Grossanlässen wie der Street Parade bleibe. «Ich bin mir aber sicher, dass sich die Organisatoren nun mit der Stadtpolizei Zürich zusammensetzen und Überlegungen zur Sicherheit machen.»