Fall Hansjürg S.

03. Februar 2011 18:53; Akt: 03.02.2011 20:20 Print

«Sex ist tabu, das macht es für Täter einfacher»

von Annette Hirschberg - Wo ein Täter ist, könnten noch mehr sein - laut Corina Elmer von Limita haben behinderte Kinder ein deutlich höheres Risiko, Missbrauchsopfer zu werden.

So viel mal höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit spezifischen Behinderungen gegenüber Nicht-Behinderten sexuell missbraucht werden.
Quelle: Sullivan Knutson 2000

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20 Minuten Online: Jahrelang missbrauchte Hansjürg S. Behinderte praktisch unbemerkt. Wo einer so leicht Opfer findet, wird es wohl noch viel mehr Täter geben.
Corina Elmer*: Davon gehen wir aus. Rund dreiviertel der Täter kommen bei sexuellem Missbrauch aus dem direkten Umfeld der Opfer. Dieses ist bei Behinderten besonders gross. Sie werden von vielen verschiedenen Personen betreut und angefasst. Das sind Ärzte, Therapeuten, Ausbilder, Betreuer in Heimen oder Institutionen, aber auch Taxi- oder Busfahrer.

Mit Behinderten Sex zu haben, können sich viele nicht vorstellen. Öffnet das das Feld für die Täter?
Ganz klar. Behinderte gelten als sexuell total unattraktiv – Sex mit ihnen ist geradezu ein Tabu. Das macht es für die Täter einfacher, weil man nicht mit dem Bruch dieses Tabus rechnet.

Die Gefahr sexuell missbraucht zu werden, ist also für behinderte Personen viel grösser. Um wieviel?
Es gibt unterschiedliche Studien, die von einem doppelten bis um ein vielfaches erhöhten Risiko ausgehen (siehe Infobox). Gesichert weiss man nur: Das Risiko ist deutlich höher.

Ihre Abhängigkeit macht sie ausbeutbar.
Ja, das gilt besonders für Behinderte, die Hilfe in jedem Bereich brauchen. Wer nicht einmal alleine auf die Toilette gehen kann und auch die eigene Intimpflege von jemand anderem machen lassen muss, kann einfacher missbraucht werden.

Entwickelt hier eine Person besondere Nähe zum Betreuten, müssten also gleich die Alarmglocken schrillen?
Immer wenn Abhängigkeiten bestehen wie zwischen Lehrer und Schüler oder Trainer und Sportler, muss man genauer hinschauen. Ein Lehrer etwa, der auch das Wochenende mit Schülern verbringen will, ist auffällig. Da muss man genauer Hinschauen. Das ist gesundes Misstrauen und keine Hysterie, wie oft behauptet wird.

Hansjürg S. hat auch seine Freizeit mit seinen Opfern verbracht, eigentlich typisch für Missbrauchstäter. Dennoch ist er viel zu lange nicht aufgefallen.
Es gehört zur Strategie des Täters, das Umfeld so zu manipulieren, dass es nichts merkt. Gerade in Heimen schätzt man Personen, die gut auf Kinder eingehen können. Eine Eigenschaft, die auf Pädosexuelle meist zutrifft. Darum braucht es ein sensibles Umfeld, das frühzeitig erkennt, wenn Grenzen des professionellen Settings überschritten werden. Gilt es als normal, wenn Mitarbeitende sehr nahe Beziehungen zu den Kindern haben, ist ein Aufdecken viel schwieriger.

Wieso?
Missbrauch ist selten sichtbar. Zu sehen sind allenfalls Anzeichen eines unachtsamen Umgangs mit intimen Grenzen - zum Beispiel das Hineintrampen in Duschen oder Zimmer.

Werden vermehrt auch Behinderte für Missbrauch sensibilisiert?
Das ist tatsächlich ein wichtiger Teil der Prävention. Die Fachstelle Limita hat dazu extra den Comic «Alles Liebe?» entwickelt, der sich um sexuellen Missbrauch von Behinderten dreht. Von Fachleuten wird der Comic oft eingesetzt. Leider konnten wir damit noch nicht viele Eltern erreichen.

Mehr Kontrolle bedeutet auch mehr Kosten. Nicht einfach bei der heutigen Sparwut.
Das stimmt. So sollten etwa gewisse Pflegehandlungen nur in Anwesenheit einer zweiten Person durchgeführt werden. Das bedeutet auch mehr Personal. Es braucht aber auch eine Meldestelle für Verdachtsfälle und Information, um die Barrieren für mögliche Opfer zu senken. Der politische Wille, mehr Geld auszugeben, ist leider oft nicht vorhanden.


*Corina Elmer ist Pädagogin und Co-Leiterin von Limita, der Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rasoan am 03.02.2011 21:27 Report Diesen Beitrag melden

    Kamera statt Personal

    Wieso gibt es an Orten, an denen Intimpflege stattfindet keine Überwachungskamera? Jeder Bahnhof, jedes Gleis, in jedem Einkaufhaus etc. hat es anstatt mehr Personal Kameras. Weshalb nicht auch in Heimen an spezifischen Orten? Man muss die Kamera ja nicht auf den Intimbereich zoomen, sondern so installieren, dass eine Überwachung der Pflege stattfinden kann. Zutritt zu den Filmen darf in solchen Fällen natürlich auch nur spezifischen Personen gewährt werden.

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  • Karin am 03.02.2011 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Das Alter ist auch wesentlich.

    Die ganz normalen Kinder in ganz normalen Kinderheimen tun's auch. Vor allem, wenn sie noch unter Fünf sind und eh kaum was kapieren. Selbst erlebt. Zusammen mit meiner Schwester. Ach nein, ich bilde mir das ja alles nur ein. Erwachsene tun sowas nicht. Ich bin ja so böse und krank, sowas auch nur zu denken.

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  • silv am 03.02.2011 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    eigenverantworung der heime!

    Hallo.....ich kenne längere klinikaufenthalte....wenn z.b. ein männlicher arzt vllt. nur das knie anschauen musste aufgrund einer kleinen verletztung, musste jedesmal eine weibliche pflegeperson dabei sein, damit zum beispiel auch keine missverständnisse oder eben solche sachen passieren. auf den vorschlag der kameras....der bürger ist gesetzlich geschützt. zur sicherheit aller dürfen kameras eingesetzt werden....aber eine solche überwachung würde niemals genehmigt werden. irgendwo haben wir auch noch privatsphäre. ich denke das liegt es in der verantwortung des heimes, personal einzustellen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Erika Nydegger am 03.06.2011 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Tätererkennung

    Missbrauch ist selten sichtbar ... für naive Menschen mit unzureichender Menschenkenntnis mag das zutreffen. Fakt ist, dass Opfer immer versuchen Zeichen an ihre Mitmenschen zu geben, die aber ignoriert werden, aus welchen Gründen auch immer. Ebenso vermutet niemand hinter den oft netten charismatischen Pflegern/Lehrern/Trainern/Vätern... einen Sexualstraftäter. Eine sensibilisierte Wahrnehmung diesbezüglich wird an keiner Hochschule gelehrt.

  • Nick Laurent am 07.02.2011 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Meldepflicht für Sexualstraftäter

    Ich fordere, daß jemand, der eine Frau vergewaltigt oder eine Sexualstraftat begeht, sein Recht in dieser Gesellschaft verwirkt hat. Auch hier in der Schweiz muß es eine Meldepflicht für Sexualstraftäter geben!

  • Susanne am 07.02.2011 07:56 Report Diesen Beitrag melden

    Alters- u. Behindertenheime

    Allgemein in Pflegeheimen hat es wenig Pflegefachfrauen/Männer, dadurch sind die, welche dort tätig sind ständig überbelastet. Das selbe kommt in Spitälern immer häufiger vor. Wenn man operiert wurde, hat man TOP-Personal, wenn man auf allg."Rehastationen" verlegt wird, wirds immer bedenklicher, wenn man ein ernsthaftes Problem hat. Als dipl.Psych-Fachfrau, anerkannte Erzieherin und Paientin mit über 20 Operationen habe ich eindrückliche Erlebnisse gemacht. Solange man sich selber wehren kann, gehts, aber in Alters- und Behindertenheimen fällt dieser Faktor leider aus!

  • Gustav am 06.02.2011 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Qualifiziertes Personal existiert.

    In vielen Heimen werden bei einer Anstellung selten telefonische Auskünfte beim früheren Arbeitgeber verlangt. (Bei mir in 30 Jahren Heimleitung 2 x!!). Das Problem nur finanziell lösen zu wollen, greift zu kurz. Die Löhne sind im Heimwesen absolut mit jenen im Spital vergleichbar. Häufig werden die Mitarbeiter nicht genug geschätzt, was zu einer hohen Fluktuation führt.

  • gustelgans am 06.02.2011 02:11 Report Diesen Beitrag melden

    es wird zu wenig Qualifiziertes Personal ausgebild

    Ich habe selbst ein Jahr in einem Behindertenheim gearbeitet. Wo ist die Grenze zwischen Missbrauch und "normaler" Pflege?? Offene Türen nützen dabei auch nichts. Denn dann heisst es: "Privatsphäre". Die einzige Möglichkeit besteht wohl darin genug ausgebildetes Pflegepersonal einzustellen. Doch die Schweiz tut im Moment alles andere. Die Ausbildung wird erschwert. Noch vor zehn Jahren hatte fast jedes Spital eine eigene Schule. Heute gibt es in ZH nur noch eine Schule. Und die bildet nur noch ein Brucheil des Pflegepersonales aus....