Fluglotse vor Gericht

05. September 2018 10:49; Akt: 05.09.2018 11:10 Print

«Situation war jederzeit unter Kontrolle»

Vor dem Bezirksgericht Bülach muss sich ein Fluglotse verantworten. In seiner Schicht kam es zu einer Beinahe-Kollision.

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Der Fluglotse, der sich am Mittwoch wegen einer Beinahe-Kollision auf dem Flughafen Zürich vor Bezirksgericht Bülach verantworten muss, hat bei der Befragung die Alltäglichkeit eines solchen Vorfalls betont. Er habe die Situation richtig erfasst und reagiert. Es sei alles jederzeit unter Kontrolle gewesen.

«Für mich war klar, dass die Maschinen aneinander vorbeigehen», sagte der 48-jährige Lotse, der heute immer noch bei Skyguide arbeitet. Als er gemerkt habe, dass es eng werde, habe er angemessen reagiert und den Sportflieger angewiesen, steil rechts abzudrehen. Weil die Situation nichts Besonders gewesen sei, habe er sie auch nicht für meldepflichtig gehalten und keinen Rapport gemacht.

Pilot war völlig überrascht

Den Vorfall begründete er damit, dass das Sportflugzeug früher als erwartet in den Landeanflug eingedreht und auch nicht sauber geflogen sei. Deshalb sei die Maschine woanders gewesen als erwartet. Das sei aber bei Sportfliegern, die sich anders verhalten würden als Verkehrsmaschinen, nicht ungewöhnlich. Fluglotsen würden Sportmaschinen deshalb mehr Beachtung schenken.

Die beiden Piloten, deren Maschinen aufeinander zusteuerten, fanden die Situation keineswegs alltäglich. Als er gesehen habe, wie das Sportflugzeug auf seine Maschine zuflog, sei er völlig überrascht gewesen, sagte der Saab-Pilot bei einer früheren Einvernahme aus. Er entschied sich dazu, den Vorfall den Behörden zu melden.

«Fluglotse hat Situation falsch eingeschätzt»

Auch die Fluglehrerin, die im Sportflieger mit einem Schüler am Üben war und zu einer steilen Rechtskurve angewiesen wurde, hielt den Vorfall für nicht alltäglich. Ihr sei nicht mehr wohl gewesen, sagte sie aus. Sie habe befürchtet, dass es nicht mehr reiche.

Laut Anklage brachte der Vorfall ein konkretes Kollisionsrisiko, obwohl niemand verletzt wurde. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit hätten viele Menschen verletzt oder getötet werden. Der Fluglotse habe die Situation komplett falsch eingeschätzt und wenig vorausschauend geplant.

Bedingte Freiheitsstrafe gefordert

Die Staatsanwältin fordert eine Verurteilung wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs. Dafür soll der Lotse eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten bedingt erhalten, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Wann das Urteil eröffnet wird, ist noch offen.

Der Vorfall geschah am 22. August 2012. Ein Sportflugzeug des Typs «Sportcruiser» kam einer Saab 2000 der Darwin Airline SA gefährlich nahe. Die Saab-Maschine mit 15 Passagieren und drei Besatzungsmitgliedern startete von Piste 28 nach Genua. Im «Sportcruiser» sassen ein ausgebildeter Pilot und seine Fluglehrerin.

Nur 23 Meter voneinander entfernt

Die beiden trainierten Sichtanflüge mit Aufsetzen und Durchstarten auf verschiedenen Pisten. Im kritischen Moment konnten die startenden Saab-Piloten durchs Cockpitfenster sehen, wie die landende Kleinmaschine in einem 90-Grad-Winkel auf sie zuflog.

Die beiden Flugzeuge waren nur noch 205 Meter horizontal und 23 Meter vertikal voneinander entfernt. Sofort stiegen die Saab-Piloten steiler als üblich an, um eine Kollision zu verhindern. Der Pilot des landenden Sportfliegers wiederum drehte auf Anweisung des Lotsen steil rechts ab.

(sda)