Shitstorm wegen Geld-Verlust

21. Januar 2020 09:17; Akt: 21.01.2020 09:17 Print

«User fühlen sich berufen, Richter zu spielen»

Edra Kükmen hatte ein Couvert mit 16'659 Franken verloren. Nach einem öffentlichen Suchaufruf wird sie auf Facebook gemobbt. Ein Experte erklärt.

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Edra Kükmen (28) aus Zürich hat ihr Erspartes – ein Couvert mit 16'659 Franken darin – verloren. 20 Minuten berichtete am Donnerstag über das Schicksal der alleinerziehenden Mutter und startete öffentlich einen Aufruf. Dieser kam nicht bei allen gut an. Auf Facebook brach ein Shitstorm aus.

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Wurden Sie schon einmal Opfer von Mobbing?

Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei der Swisscom, erklärt im Interview, wieso in solchen Fällen wie diesem die Betroffenen in den sozialen Medien gemobbt werden.

Ist ein solches Mobbing ein typisches Phänomen in den sozialen Medien?
Es kommt immer wieder vor, dass sich Leute dazu berufen fühlen – insbesondere in den sozialen Medien – als allwissende Richter zu urteilen. Es gehört in unserer Empörungskultur dazu.

Warum machen das die Leute? Empfinden diese kein Mitleid? Viele schreiben, Frau Kükmen sei selber schuld.
Ob Frau Kükmen selber schuld ist oder nicht, ist nicht die Frage. Hier geht es um den respektvollen Umgang untereinander. Und einzelne wenige Hasskommentare vermögen das Bild zu verfälschen. Wir sind nicht weniger empathisch als früher, aber die Kommentarspalten lassen diesen Eindruck entstehen.

Wie soll man als Betroffene da vorgehen?
Betroffene sollten die Diskussion sofort abbrechen. Und das darf man auch guten Gewissens, man wurde ja beleidigt. Je nach Härte der Kommentare macht es Sinn, Beweise zu sammeln und die Polizei beizuziehen. Kinder und Jugendliche sollten rasch eine Vertrauensperson einbeziehen, am besten die Eltern oder den Lehrer – meist vermögen sie ihre Gefühle in solchen Situationen schlecht einschätzen und brauchen Unterstützung.

Ist es die Anonymität, welche die Social-Media Nutzer dazu veranlasst, andere zu beleidigen?
Ja, das ist sicher ein Grund. Obwohl jeder wissen sollte: Zum einen ist alles im Netz verboten, was auch im echten Leben verboten ist. Und zum andern ist man im Internet nie anonym unterwegs. Ein weiterer Grund mag sein, dass die Hass-Kommentatoren rasch Gleichgesinnte finden, die es ihnen nachtun und so das Gefühl vermitteln, Teil einer Meinungs-Gemeinschaft zu sein. Leider stehen zu wenig Menschen auf und verurteilen dieses Verhalten mit eigenen Antworten, denn sie wären in der Mehrheit.

(mon)