Wegwerfgesellschaft Schweiz

15. Januar 2016 07:49; Akt: 15.01.2016 11:04 Print

«Was im Müll landet, ist teils originalverpackt»

Schweizer sind die drittfleissigsten Müllproduzenten weltweit. Dabei landen Produkte im Abfall, die noch tadellos funktionieren, wie ein Besuch in einer Recyclingfirma zeigt.

«Es tut einem weh, wenn man das sieht.» (Video: Murat Temel)
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Pro Kopf gesehen ist die Schweiz der drittgrösste Abfallproduzent der Welt. Ein Besuch bei der Firma Maag Recycling in Winterthur bestätigt: Der Müll türmt sich regelrecht zu Bergen auf. Vom Joghurtbecher bis zum Topcomputer nimmt Maag alles entgegen. Dabei landen auch Produkte im Abfall, die an sich noch voll funktionstauglich sind.

«60 Prozent der abgegebenen Computer und Fernseher sind intakt und unbeschädigt. Zum Teil landen Geräte bei uns, die sogar noch originalverpackt sind», sagt Recyclist Stefan Bender. Pro Tag beseitigt Maag Recycling durchschnittlich drei grosse Container voller Elektroschrott. Bender findet das bedenklich: «Es tut einem weh, wenn man das sieht.»

«Die Leute haben immer dieselben Ausreden»

Damit ist er nicht allein. Eine aktuelle Umfrage des Schweizerischen Konsumentenforums (KF) zu den grössten Sorgen der Bevölkerung zeigt, dass viele Schweizer ihr Konsumverhalten kritisch hinterfragen. 47 Prozent gaben an, sie störe die immer kürzere Lebensdauer von Produkten sehr. Ein Problem, das auch Bender kennt: «Viele Produkte sind billig, haben eine kurze Garantiedauer und verhältnismässig hohe Reparaturkosten.»

Finanziell lohne sich ein Neukauf deshalb meist mehr und Produkte, die teils nicht einmal ein Jahr alt seien, landeten auf dem Müll. «Anfänglich habe ich die Leute noch gefragt, weshalb sie praktisch neuwertige Produkte wegwerfen. Mittlerweile habe ich das aufgegeben», sagt Bender.

Denn als Antwort habe er immer dieselben Ausreden erhalten: Das Büro sei geräumt worden oder beim Gadget handle es sich nicht mehr um das neuste Modell. «Häufig merke ich auch, dass es den Leuten einfach egal ist», so der Recyclist. «Damit sich etwas ändert, müsste ein Umdenken stattfinden.» Er spricht Alternativen wie Brockenhäuser und Second-Hand-Geschäfte an.

Girod fordert «Abfallwende»

Laut Nationalrat Bastien Girod (Grüne) fehlen dafür aber oft die Anreize, denn die Entsorgung sei meist einfacher und lukrativer als die Wiederverwertung. Das Problem könne man nur lösen, wenn die Unternehmen in die Pflicht genommen würden. «Billigprodukte werden massenweise in China produziert und später in der Schweiz verbrannt. Wir müssen wieder mehr zur Qualität finden», sagt Girod.

Nach seinen Erfahrungen sei die Bevölkerung grundsätzlich motiviert, mitzuhelfen. Nun müsse dringend auf politischer Ebene etwas geschehen. Girod: «Die Schweiz braucht nicht nur eine Energiewende, sondern auch eine Abfallwende.»

Unternehmen präsentiert Lösung

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Heinz Martin getan. Er ist Inhaber von smiples.ch, einem Unternehmen, das sich der Wiederverwertung verschrieben hat. «Wir nehmen ausrangierte Elektroprodukte von Grosskonzernen entgegen und verarbeiten oder reparieren diese», sagt er. Die Geräte werden dann zum Beispiel über Ricardo an jene weiterverkauft, die sich keine neuwertigen Produkte leisten können.

(ced)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ein Mann am 15.01.2016 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    Reparatur zu teuer!

    Oft liegt das Problem darin das die Produkte halt 2 Jahre Garantie haben und knapp danach einfach nicht mehr funktionieren. Eine Reparatur kostet dann fast wie ein neues Produkt und manchmal sogar deutlich mehr! Hier liegt das grösste Problem.

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  • Spider am 15.01.2016 08:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Würde gerne

    Früher verdiente ich mir Taschengeld indem ich auf der Entsorgungsstelle Geräte holte, sie reparierte und dann zu beinahe Nichts wieder verkaufte. Waschmaschinen, Toröffner und v.A. fand so den Weg zurück. Ich wollte meine Kinder ermutigen, das selbe zu tun..... nur jetzt ist es illegal, die Sammelstelle zu plündern.

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  • Gustav am 15.01.2016 08:04 Report Diesen Beitrag melden

    Niemand will mehr was leicht gebrauchtes

    Letztes Jahr habe ich eine wunderschönen Vollholzkasten (der hat einfach nicht mehr in die neue Wohnung gepasst) zu einem kleinen Brockenhaus gebracht. Der Typ war dermassen überheblich, er nimmt den Kasten nur, wenn er hundertpro in Ordnung ist und hat von mir noch verlangt, dass ich das Zeug halte, bis er eine kleine Macke an der Schublade repariert hat. Nächstes Mal bringe ich sowas wieder zum Recyclinghof. Die sind hier auch ganz freundlich und die südländischen Mitarbeiter sortieren sich brauchbares Zeug auch noch aus.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Phil am 16.01.2016 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnisprobleme

    den Sprecher kann man kaum verstehen, bei den anderen Eidgenossen im Film ist es wesentlich besser.

  • Benedict am 16.01.2016 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    Konsumwahn

    Die Loehne auf Euroniveau anpassen und die Wegwerfgesellschaft faengt anzu denken. Es sind nicht nur die Hersteller, viel wird von Herr und Frau Scheizer gekauft aus lauter langeweile.

  • Sadness am 16.01.2016 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Economy Life

    In der Schweiz ist so vieles geregelt und wird verboten. Drogen sind böse, zu schnelles Fahren ist böse, andere Menschen gefährden ist böse, Mord ist böse, aber Firmen dürfen völlig legal und ohne Konsequenzen Produkte in China herstellen und hier verkaufen, welche mittels eingebauten Chips kurz nach Garantieende den Geist aufgeben. Die Folgen für die Umwelt sind doch egal, auch wenn es auf lange Sicht Massenmord ist, ist doch egal, hauptsache die Wirtschaft läuft.

  • mike am 16.01.2016 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Saubermänner Schweiz

    immerhin haben wir in der Schweiz ein Saubermann Image indem wir die Produktion ins ausland geschickt haben stehen wir CO2 mässig zwar besser da und leben Sauber, dafür zerstören wir mit unserem wegwerf Konsum die Welt doppelt und dreifach. Weil dort wo jetzt Produziert wird, sich keiner um die Umwelt kümmert. Herzliche Gratulation an die Schweiz.

  • Urs am 16.01.2016 02:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Waschmaschine

    Mein grösstes Erfolgserlebnis war die Reparatur einer Waschmaschine. Plötzlich ging kein Lämpchen mehr an. Reparatur durch Servicetechniker wäre 570.-- Fr. gewesen. Neue Ersatzplatine 220.-- Fr. Defekt war lediglich ein kleiner IC für 3.95 bei Distrelec. Ätsch! So leicht kann man mir keine neue Maschine andrehen...