Vorgetäuschte Entführung

24. Februar 2011 18:28; Akt: 24.02.2011 18:33 Print

«Wie ein Märchen von Trudi Gerster…»

von Attila Szenogrady - Eine junge Sachbearbeiterin will in Gossau (ZH) von einem Kollegen entführt und beinahe vergewaltigt worden sein. Weil die Geschichte erfunden ist, wurde sie verurteilt.

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Den 20. Juni 2008 wird ein heute 26-jähriger Bäcker aus Wetzikon nicht mehr so schnell vergessen. Der junge Kosovare wurde an seinem Arbeitsplatz von der Polizei festgenommen und abgeführt. Schon bald war der Grund für die Festnahme klar: Eine junge Frau hatte den Mann bei der Polizei als Sexualverbrecher angezeigt. Die heute 24-jährige Kosovarin hatte ausgeführt, dass sie sich am Abend vom 19. Juni in Gossau (ZH) aufgehalten habe.

Dort sei sie um 19 Uhr an der Bushaltestelle Mitteldorf von einem flüchtig bekannten Kollegen angemacht worden. Als sie ihn abgewiesen habe, habe er sie an den Haaren in seinen Lieferwagen gezerrt und sei mit ihr in ein unbekanntes Waldstück gefahren. Dort habe er trotz ihrer Gegenwehr versucht, sie zu vergewaltigen, führte die angebliche Geschädigte bei der Polizei aus. Sie sei schliesslich durch das unerwartete auftauchen eines älteren Passanten gerettet worden. Ein Autolenker habe sie danach nach Hause gefahren.

Vom Opfer zur Täterin

Die eingeleiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft See/Oberland führten zu einem erstaunlichen Ergebnis. Alle Beweise sprachen nämlich für den angeschwärzten Bäcker, der von Anfang an seine Unschuld beteuert hatte. Er hatte zu Protokoll gegeben, dass er sich an jenem Abend tatsächlich mit der jungen Frau getroffen habe. Allerdings nicht in seinem Lieferwagen, sondern in einem chinesischen Restaurant beim Bahnhof.

Da die als Zeugin aufgebotene Wirtin das Treffen bestätigte, kam die junge Frau in Bedrängnis. Sie wandelte sich vom Opfer zur Täterin, welche wegen falscher Anschuldigung unter Anklage gestellt wurde. Das Verfahren gegen Bäcker wurde dagegen eingestellt.

Alles sprach gegen die Frau

Schon im April vor einem Jahr hatte die Angeklagte am Bezirksgericht Uster keine Chance. So sprach alles gegen ihre Version. Nicht nur die Zeugenaussagen, sondern auch polizeilich ermittelte Hinweise. So konnten die Fahnder im angeblichen Täterfahrzeug weder Textilfasern, Haare oder DNA-Spuren der jungen Frau sicherstellen. Die Angeklagte wurde wegen falscher Anschuldigung zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt.

Sie legte Berufung ein und liess ihre Anwältin vor Obergericht erneut auf einen vollen Freispruch plädieren.

Ein Märchen von Trudi Gerster

Allerdings schenkten auch die Oberrichter den lebensfremden Tatschilderungen der Angeklagten

keinen Glauben. So erzählte sie, dass sie von ihrem Peiniger im Lieferwagen auf dem Nebensitz nach unten gedrückt worden sei. Gleichzeitig habe der Täter mit der anderen Hand das Fahrzeug gelenkt. Gerichtspräsident Peter Marti sprach unverblümt von einem Märchen im Stil von Trudi Gerster. Den Oberrichtern stiess vor allem sauer auf, dass auf einen Zeugenaufruf der Polizei nach der angeblichen Sexattacke niemand gefolgt war. Weder der betagte Retter noch der Autolenker, der die Frau vom Tatort weggefahren haben soll.

Das Obergericht bestätigte Schuldspruch und Strafe einstimmig. Der unterlegenen Beschuldigten wurden die Berufungskosten von 3000 Franken auferlegt. Einzig ungeklärt blieb das Tatmotiv der Angeklagten. Eine Erklärung wäre dafür ihr eifersüchtiger Freund. Dieser hatte nachweislich die Angeklagte zur Strafanzeige gedrängt. Womöglich befolgte die Frau diese Anweisung, um ihren Lebenspartner zu beruhigen und den Verdacht eines Seitensprungs aus der Welt zu schaffen.