Zürcher Justiz

06. März 2014 16:23; Akt: 06.03.2014 18:33 Print

«Wir wollten geheim halten, wo Carlos ist»

Jugendstraftäter Carlos ist derzeit in Holland. Die Zürcher Justiz wollte dies geheim halten. Sie trat heute vor die Medien – und wies die Kritik am neuen Sondersetting zurück.

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Carlos beim Thaiboxen während seines ersten Sondersettings. Das Bundesgericht entschied am 18. Februar 2014, dass der 18-Jährige nicht mehr eingesperrt werden darf. In der Woche vom 10. Februar 2014 wurde Carlos zurück ins Gefängnis Limmattal nach Dietikon verlegt, weil sich das Personal im MZU geweigert haben soll, weiterhin mit dem renitenten Insassen zu arbeiten. Das Amt für Justizvollzug wollte aufgrund des Amtsgeheimnisses entsprechende Informationen gegenüber der NZZ nicht kommentieren. Am 7. Februar 2014 konnte Carlos das Bezirksgefängnis aufgrund eines Umbaus nach zwei Wochen verlassen und wurde wieder ins (Bild: Screenshot) verlegt. Am 27. Dezember 2013 lehnte das Zürcher Obergericht die Beschwerde des 18-Jährigen gegen die vorsorgliche Versetzung nach Uitikon ab. Wie am 22. Dezember bekannt wurde, hatte die Schwester von Carlos Strafanzeige gegen frühere Ärzte ihres Bruders eingereicht. Diese hätten ihn im Alter von 16 Jahren in der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich (Bild) mit Medikamenten vollgepumpt und. Der Oberjugendanwalt Marcel Riesen steht ebenfalls in der Kritik. Er soll über das Sondersetting von Carlos bestens Bescheid gewusst haben. Bis Ende August 2013 wurde Straftäter Carlos im Rahmen eines Sondersettings behandelt. Dazu gehörte auch Thaibox-Unterricht. Damit ist vorerst allerdings Schluss, denn der Jugendliche wurde Anfang November ins Massnahmenzentrum Uitikon verlegt. Der 18-jährige Carlos (vorn) hat bei einer Messerattacke eine Person schwer verletzt. Vorbestraft ist er wegen Raub, Gewaltdelikten, Drohung, Waffenbesitz und Drogenkonsum. Jugendanwalt Hansueli Gürber (hinten im Bild) liess ihm die Sonderbehandlung zukommen, die pro Monat 29'000 Franken kostete. Nach der Publikation seines Falls wurde der Straftäter zu seiner eigenen Sicherheit wieder weggesperrt. Hier liegt er im Schlafzimmer der Vierzimmerwohnung, in der er auf Kosten der Jugendanwaltschaft gelebt hatte. Die Wohnung teilte er sich mit seiner Betreuerin, die sich rund um die Uhr um ihn kümmerte. Eine Lehre wolle er nicht absolvieren, weil er sonst zu wenig Zeit fürs Thaibox-Training habe, sagte er damals. Ein Team von zehn Personen befasste sich mit Carlos und kümmerte sich um ihn. Hier trafen sie sich mit ihm zur Lagebesprechung. Der heute 20-jährige A. Y. (Name der Redaktion bekannt) wurde am 14. Juni 2011 von Carlos mit einem Messer niedergestochen. Ein Stich traf seine Lunge, der andere ging nur knapp an seiner Wirbelsäule vorbei. Y. ist empört über die Sonderbehandlung, die der Täter erhalten hat, während er noch keinen Rappen Schmerzensgeld bekommen hat.

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Man hat den Zürcher Justizdirektor Martin Graf schon besser gelaunt gesehen. Er und der Leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper mussten sich am Donnerstagnachmittag wegen der neusten Enthüllungen im Fall Carlos rechtfertigen. Am Morgen war bekannt geworden, dass der verurteilte Jugendliche Carlos derzeit in Holland untergebracht ist – in einem luxuriösen Wellness-Hotel.

«Es reicht!», kommentierte die NZZ. Graf sei als Justizdirektor nicht «mehr tragbar», zumal er noch vor nicht einmal einer Woche sagte, man werde jetzt auf Luxuslösungen verzichten. Der Zürcher SVP-Präsident Alfred Heer sprach gegenüber 20 Minuten von einem «Schlag ins Gesicht».

Rücktritt für Graf kein Thema

Von einem Rücktritt wollte Graf an einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz nichts wissen. Er gab sich grosse Mühe, die neusten Vorwürfe zu entkräften: Carlos habe in Holland in einem Zimmer für umgerechnet rund 150 Franken pro Nacht gewohnt, er werde von zwei Mitarbeitern der Therapieeinrichtung Riesen-Oggenfuss begleitet und habe bis jetzt zwar Besuch von der Familie Beqiri, bei der er bisher Thaibox-Unterricht nahm, erhalten, aber noch keine einzige Thaibox-Stunde besucht. Keinen Rappen sei an die Beqiris geflossen.

Dass Carlos Aufenthaltsort bekannt geworden ist, war ihm merkbar unangenehm. Riesen-Kupper gab zu: «Wir haben gehofft, dass der Standort geheim bleibt.» Klar ist: Carlos ist bereits nicht mehr im Hotel. Ob die heutigen Medienberichte der Grund für seine Verlegung seien, wollte Riesen-Kupper nicht sagen. Auch nicht, wo er jetzt ist. Der 18-Jährige dürfte allerdings noch einige Zeit in Holland bleiben. Das sieht das Konzept fürs neue Sondersetting vor.

Zürich will Fall Carlos behalten

Mehrere Mitglieder der Familie Beqiri haben Carlos bereits in Holland besucht – und sollen das auch weiterhin tun können. Es sei wichtig, dass Carlos in einer ersten Phase des neuen Sondersettings Bezugspersonen um sich habe, erklärte Riesen-Kupper.

Dass Carlos nach Holland geht, haben Graf und Riesen-Kupper gewusst. Die Verantwortung für den ganzen Skandal weisen sie aber von sich. Graf sagt, die Oberjugendanwaltschaft sei fallführend. Oberjugendanwalt Riesen-Kupper ergänzte: «Der Jugendanwalt ist es.» Trotz allem wolle man den Fall bei der Zürcher Justiz behalten. Den Fall Carlos an einen anderen Kanton abzugeben, komme nicht in Frage. «Das ist zurzeit kein Thema», so Graf.

Hier können Sie die Pressekonferenz im Live-Ticker nachlesen:

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(hal)