Siedlung Kronenwiese, Zürich

04. Juni 2016 12:36; Akt: 04.06.2016 12:36 Print

«Wir wurden gleich wieder weggeschickt»

Halb Zürich schien sich am Freitag für eine günstige Wohnung in der Siedlung Kronenwiese zu interessieren. Wer 15 Minuten zu spät war, kam nicht mehr rein.

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Tausende wollen am Freitagnachmittag eine Wohnung in der Siedlung Kronenwiese besichtigen. Die Schlange geht einmal um den ganzen Gebäudekomplex. Lange gewartet haben Andrea Arezina (31) und ihr Kollege Jonas Steiner (31). Während Steiner eine Wohnung für seine Familie sucht, träumt Arezina von einer 2,5-Zimmer-Wohnung. Stefan Lahr freut sich, dass er ein Bewerbungsformular ergattern konnte: «Jetzt brauchen wir nur noch Glück.» Auf Glück hoffen wohl alle Leute in der Warteschlange. Immerhin stehen diese ganz weit vorne. Marianne Kleingers und ihre sechs Monate alte Anna hätten eigentlich liebend gerne gewartet: «Wir erschienen 15 Minuten nach Beginn des Besichtigungstermins, doch wir wurden gleich wieder weggeschickt.» Unbedingt zur Besichtigung will Etienne Weber (35). Doch sie steht mit ihrem einjährigen Sohn Finn ganz weit hinten. Moralisch unterstützt sie ihre Mutter Theresa Weber (65). So sieht eine Wohnung aus: Blick in die Küche einer 4,5-Zimmer-Wohnung der Siedlung Kronenwiese. Ab Spätherbst 2016 können hier 99 Wohnungen bezogen werden. In der Wohnung dominieren Weiss- und Grautöne. Auffällig sind die Decken aus Sichtbeton und die Gipsböden. Die eher karge Ausstattung habe man einerseits aus Spargründen gewählt, sagt Jürg Keller, Vizedirektor der Liegenschaftsverwaltung, «anderseits gefällt uns diese Bauweise auch». Die Wohnungen sind geräumig - so hat eine durchschnittlich 100 Quadratmeter grosse 4,5-Zimmer-Wohnung einen grossen Küchen- und Wohnbereich und zusätzlich vier kleine Zimmer. Zudem stehen den Bewohnern zwei Badezimmer zur Verfügung. Eines mit WC und Badewanne ... ... und ein zweites mit WC und Dusche. In den Treppenhäusern hat sich der Künstler Christian Kathriner mit einem Stahlbetonrelief verewigt. Bei der Kronenwiese handelt es sich gemäss Mitteilung um die schweizweit erste Minergie-A-ECO-Wohnsiedlung in dieser Grössenordnung. Der gesamte Energiebedarf für Raumwärme, Warmwasser und Lüftung wird lokal und aus erneuerbarer Energie gewonnen. Dies geschieht in Form von 21 Erdsonden und der hauseigenen Photovoltaikanlage. Neben den Wohnungen sind auch ein Doppelkindergarten/-hort, eine Kindertagesstätte sowie Gewerbe- und Lagerräume bezugsbereit. Hier stehen die Stadträte André Odermatt (SP) und Daniel Leupi (Grüne) im noch nicht fertig gebauten Kindergarten. Blick aus dem Fenster. Noch ist die Siedlung eine riesige Baustelle. Hier entsteht ein grosser Innenhof für die Bewohner. Gemäss Mitteilung ist das Projekt terminlich und finanziell «gut unterwegs». Die Gesamtkosten von 64,8 Millionen Franken werden eingehalten. Das Parlament hatte dem Kredit mit deutlichem Mehr zugestimmt. Auch die Stimmberechtigten hatten im Juni 2013 mit 75 Prozent Ja gesagt. Wer hier aber eine der 99 Wohnungen ergattern will, braucht viel Glück. Bereits vor dem Besichtigungstermin haben sich 600 Interessenten erkundigt. Zudem werden zehn der Wohnungen an Asylsuchende vermietet.

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Freitagnachmittag, kurz nach 16 Uhr: Die Besichtigung der Siedlung Kronenwiese hat erst vor wenigen Minuten begonnen, doch die Menschenschlange geht einmal um die riesige Überbauung oberhalb des Zürcher Limmatplatzes. Senioren, junge Paare, Mütter mit Kinderwagen oder mit ihren Kindern an der Hand warten – die Ersten standen schon um 10.30 Uhr da, wie eine Frau sagt.

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Sie alle wollen eine der 99 städtischen Wohnungen ergattern, obwohl zehn davon für Flüchtlinge reserviert sind und die Stadt die günstigen Preise erst am Donnerstag nach oben korrigieren musste. So kostet eine 4,5-Zimmer-Wohnung statt 1500 bis 1600 Franken nun 1800 bis 1900 Franken.

Familien unter Platznot

Unbedingt zur Besichtigung will Etienne Weber (35) trotzdem. Doch sie steht mit ihrem einjährigen Sohn Finn ganz weit hinten. Moralisch unterstützt sie ihre Mutter Theresa Weber (65). «Ich habe zwar mit vielen Leuten gerechnet, doch ich dachte, es gehe schneller», sagt Etienne Weber. Sie brauche unbedingt eine Wohnung. «Unsere ist viel zu klein für unsere Familie.»

Aus Platznot suchen viele Familien, die in der Schlange stehen, eine neue Bleibe. Ein Vater lebt mit seiner Frau und seinem Kind in einer Zweizimmerwohnung. «Jetzt, wo das zweite unterwegs ist, brauchen wir mehr Platz. Wir suchen schon ewig, nur finden wir nichts Bezahlbares.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt – kein Einlass mehr

Doch nicht nur Familien wollen kein halbes Vermögen für die Miete ausgeben. Andrea Arezina (31) ist schon seit einem Jahr auf der Suche: «Es wäre so schön, wenn ich hier eine 2,5-Zimmer-Wohnung bekommen würde. Ende Juli muss ich aus meiner WG raus.» Darum tut sie sich die riesige Schlange an.

Marianne Kleingers mit ihrer sechs Monate alten Tochter Anna hätten eigentlich liebend gerne gewartet: «Wir erschienen 15 Minuten nach Beginn des Besichtigungstermins, doch wir wurden gleich wieder weggeschickt.» Sie startet am Samstag nochmals einen Versuch: «Ich werde sicher zwei Stunden vorher da sein.»

Jetzt brauchen wir nur noch Glück

Denn nur wer die Wohnung besichtigt, erhält auch ein Bewerbungsformular. Laut der Stadt gingen alleine an diesem Freitag rund 1700 über den Tresen. Eines ergattert hat Stefan Lahr. Er, seine Frau und seine Tochter haben sich in weiser Voraussicht eine Stunde vor Türöffnung angestellt. Die Musterwohnung gefällt ihnen: «Sie ist schlicht, schön, und die Materialien sind gut.» Er blickt auf die lange Warteschlange und sagt: «Nun brauchen wir nur noch Glück. Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Weitere Besichtigungstermine sind am Samstag von 10 bis 14 Uhr und am Mittwoch, den 8. Juni, von 14 bis 17 Uhr.

(som)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Franziska L. am 04.06.2016 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso 10 an Flüchtlinge

    Und wieso gehen 10 Wohnungen an Flüchtliche, wenn es so viele andere Menschen gibt, die hier arbeiten, Steuern zahlen und dringend eine bezahlbare Wohnung brauchen? Eine Frechheit!

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  • Mela am 04.06.2016 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich und das in der Schweiz

    Ist ja der blanke Horror!

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  • Antonio am 04.06.2016 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so schön

    Schön sind die Wohnungen ehrlich gesagt nicht, Küche und Badezimmer erinnern mich eher an eine Metzgerei.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • PDvO am 05.06.2016 23:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grauenhaft!

    Tija, das passiert wenn der Plättlileger das Lager entrümpelt und der Architekt seinen Sichtbeton -Fetisch ausleben darf. Für gutes Geld versteht sich...

  • Martial Kohler am 05.06.2016 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Landleben = stressfrei...

    Müssen wirklich alle in einer Stadt wohnen ? Mindere Lebensqualität, Lärm, Schmutz, Abgase, nirgends Parkplätze, das in Wohnsilos, nein danke. Landluft, und Kuhglocken, das ist sein Leben verlängern...!

  • Heisenberg am 05.06.2016 16:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverständnis

    Verstehe nicht, warum man sein einjähriges Kind mitnehmen und mit 20min-Reportern sprechen muss. Mitleidsbonus? Zieht dich 10km aus der Stadt und ihr findet bezahlbare Wohnungen.

  • EinLeser am 05.06.2016 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Sollte kurz zurück...

    ... und wieder in die Schweiz flüchten, zahle nämlich für eine 1-Z-Whg 1490 weil ich mich leider integriert habe, arbeite und mich einbürgern lassen habe...

  • Asd am 05.06.2016 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ZH

    Wieso wir dort ein zukünftiges Getto praktiziert. Und das in ZH Habe die Stadtentwickler das Augenmass Komplet verloren.