Angehende Tierärzte

13. September 2016 21:34; Akt: 14.09.2016 09:26 Print

«Wir wurden von der Uni brutal ausgenutzt»

Tiermedizin-Studenten an der Uni Zürich mussten im Praktikum fünf 14-Stunden-Schichten pro Woche schieben. Betroffene packen nun über die illegalen Praktiken aus.

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Was Studierende der tiermedizinischen Fakultät der Universität Zürich in der neusten «Kassensturz»-Sendung vom Dienstagabend erzählen, lässt aufhorchen: Als Pflichtbestandteil ihres Studiums absolvieren sie ein Praktikum beim Tierspital Zürich, in welchem die angehenden Tierärzte eine 14-Stunden-Nachtschicht schieben müssen – und dies gleich fünfmal pro Woche. Bezahlt werden sie dafür mit 20 Franken pro Nacht, am Wochenende gibt es noch weniger Lohn.

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Die Studenten wehren sich nun gegen diese Nachtdienste: «Man kommt am Abend um 17 Uhr, arbeitet durch bis morgens um 7 Uhr», erzählt eine Betroffene, die aus Angst vor Schikanen anonym bleiben möchte. Nach 14 Stunden könne sie sich nicht mehr konzentrieren. «Es sind ja fünf Nächte am Stück und in der zweiten und dritten Nacht ist es dann richtig schlimm, dann merke ich, dass ich kleine Fehler mache.»

Uni verstösst mehrfach gegen Arbeitsrecht

Wenn die Intensivstation voll sei, müsse ein Student innerhalb einer Stunde zehn Tiere versorgen, sagen andere Studenten. Da die Zeit dazu kaum reiche, bleibe auch keine Zeit für eine richtige Pause. «Man kann vielleicht in zehn Minuten etwas essen, aber dann muss man gleich weitermachen.»

Laut Arbeitsrechtler Martin Farner ist dies illegal: Die Nachtdienste seien zu lang, die Erholungszeit zwischen den Nachtdiensten zu kurz. Auch werde die Höchstarbeitszeit von 50 Stunden pro Woche überschritten, und es müsse bezahlte Pausen geben. Die Uni verstosse mit ihren Praktiken gegen Arbeitsrecht, dem die Studenten unterstellt seien. Ebenfalls stört er sich daran, dass die Studierenden für diesen 14-stündigen Nachteinsatz mit lediglich 20 Franken entschädigt werden.

«Ich konnte auf dem Heimweg nur noch weinen»

Auch 20-Minuten-Leserin M. C.* musste während drei Jahren ihres Studiums regelmässig Einsätze im Tierspital leisten. Die 14-Stunden-Schichten liessen die Studentin an die Grenzen ihrer Kräfte stossen. «Nach meiner ersten Nachtschicht war ich so kaputt, dass ich nach dem Nachtdienst nur noch weinen konnte.» Der ehemaligen Studentin blieben nur wenige Stunden Freizeit, um zu essen und zu schlafen, dann musste sie wieder arbeiten. «Meine Konzentration litt extrem unter dem Schlafmangel, ich fühlte mich wie ein Zombie.» Etwas dazuzulernen sei unter diesen Umständen auch nicht möglich gewesen. «Ich habe zum Schluss einfach versucht, alles auf den Untersuchungs- und Medikamenten-Plänen wie am Fliessband abzuarbeiten. Ich hatte weder Zeit noch Energie oder Motivation mir Gedanken über die Behandlung zu machen.»

Noch schlechter bezahlt als ein Einsatz unter der Woche seien zudem die Wochenendeinsätze von zweimal 14 Stunden gewesen: 25 Franken gab es – weniger als einen Franken Stundenlohn. «Wir wurden von der Uni brutal ausgenutzt», sagt C. Gelernt habe man dabei nur anfangs etwas. «Wir waren fürs Tierspital einfach extrem günstige Arbeitskräfte, denn wenn ein Tierarzt die Nachtschicht übernimmt, kostet das viel mehr.» Zwar hätte man sich unter den Studenten oft beschwert, doch bis vor kurzem habe sich niemand getraut, sich zu laut zu äussern. «Wir waren nach den Einsätzen einfach nur froh, dass es vorbei war.»

Die Universität reagiert auf Bericht

Die für die Fakultät zuständige Dekanin Brigitte von Rechenberg sagt, dass es für die Ausbildung äusserst wichtig sei, dass die Studierenden Nacht- und Notfalldienste am Wochenende leisten würden. Denn die Fälle, die von der Strasse kämen, ereigneten sich vor allem dann. «Das ist das, was sie danach in der Regel auch in der Praxis draussen machen müssen», so Rechenberg.

Trotzdem reagiert die Universitätsleitung auf den «Kassensturz»-Bericht: Ab dem Herbstsemester gilt ein neuer Schichtbetrieb mit sieben statt 14 Stunden. Weil das Tierspital dadurch aber zu wenig Personal für die Nacht- und Wochenenddienste habe, müssten die Studierenden nun mehr Dienste übernehmen. Diese würden dafür neu gemäss den kantonalen Vorschriften für Praktika entlohnt, also deutlich besser. Aber: Die Universität bezahlt jetzt nur noch Einsätze ab einer gewissen Anzahl geleisteter Stunden. Die Studenten müssen neu erst einmal 60 Stunden gratis arbeiten, um sich die geforderten ECTS-Punkte zu verdienen.

*Initialen geändert

Werden Sie im Praktikum ausgenutzt oder haben Sie so etwas schon erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • UniFr am 13.09.2016 22:17 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenzen

    Wieso haben einige Leute das Gefühl, weil sie selbst durch eine ähnliche Situation mussten, es in Ordnung ist Leute derartig auszunutzen? "Ich habe auch...also müssen die anderen ebenfalls." Die Uni hat hier ganz klar gegen arbeitsrechtliche Minimalstandards verstossen und sollte damit nicht durchkommen dürfen. Leider sieht die Realität anders aus...

  • Jana am 13.09.2016 22:18 Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Wahrheit

    Auch wenn es in anderen Studiengängen oder im militär ebenfalls lange harte Tage gibt, entschuldigt das nicht, dass eine Fakultät der Universität Zürich Studenten als billige Arbeitskräfte am Tierspital arbeiten lässt. Genau so schlimm sind die Bedingungen für Assistenzärzte am Tierspital, welche dort z.t. unbezahlt täglich 9-13 h arbeiten! ich denke das verstösst auch gegen das Arbetisrecht..

    einklappen einklappen
  • Tina am 13.09.2016 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    sehr ungeschickt

    Die Uni hat wohl nichts dazu gelernt. Praktika ist sinnvoll, Sklavereihaltung und Ausnutzung nicht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alumnus am 14.09.2016 15:42 Report Diesen Beitrag melden

    Blablabla

    Die meisten Behauptungen seitens der Uni/Tierspital sind schlichtweg reine Ausreden. (Sie können ja schlecht was anderes sagen...)

  • Maria Müller am 14.09.2016 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Wer sahnt ab?

    Eigentlich ist es einfach: Für jeden Nachtdienst-Studenten kann sich die Uni einen Pfleger sparen (dem sie einen ordentlichen Lohn plus Nachtzulage zahlen müsste). In wessen Taschen dieses Geld letztlich fliesst, kann sich ja jeder denken. (Sicher nicht in die des "Fussvolkes")

  • Mister S. am 14.09.2016 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Hört auf zu Jammern!!!

    Ach hört auf zu heulen! Bestimmt ist es nicht angenehm eine 14-Stunden-Schicht zu absolvieren. Und die Bezahlung ist wirklich nicht ok. ABER; Es sind 5 Tage die man leistet um vor allem Erfahrungen zu sammeln. Heei, was sind schon 5 Tage mal etwas weniger schlaf und Freizeit. Hört auf zu jammern ihr Studenten. Dann sind halt die "uni-freie-Zeit" und das "abhängen und zukiffen" mal für eine kurze Zeit nicht möglich. Dafür dürft ihr mal unter realen Bedingungen in der Nacht beim Tierspital Erfahrungen für euer Leben sammeln. Es ist ja nicht für immer! Hurra!

    • Nur Kohl am 14.09.2016 13:00 Report Diesen Beitrag melden

      Hängen und Kiffen ...

      Ja, Mister S., von einem heutigen Med.-Vet.-Studium an der Uni Zürich sind Sie wohl so weit entfernt wie ein Pinguin vom Nordpol ...

    • Veti am 14.09.2016 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      unglaublich

      Es sind nicht " mal fünf Tage" sondern viele Wochen und Wochenenden voll höchster Verantwortung für viele Lebewesen. Die Studierenden setzten sich stark unter Druck, da keine Fehler passieren dürfen. Umso schlimmer, wenn dann Fehler passieren, weil man übermüdet ist. Parallel laufen die Vorlesungen weiter, und man muss den Stoff selbstständig nachholen. Ausserdem dürfen wir in unserem künftigen Leben noch genug Nacht- und Notfall- sowie Wochenenddienste leisten. Die Uni sollte uns nicht lehren, uns bedingungslos ausnutzen zu lassen, sondern uns zur Wehr zu setzen!

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  • kleintierpraxis in bern am 14.09.2016 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    oh die armen....

    schon komisch von jahrzehnt zu jahrzehnt werden die lieben jungen weicher und weicher, was vorher jeder 'prästierte', geht heute auf einmal nicht mehr, da sie daneben beschäftigt sind 10'000mal aufs handy zu schauen, lesen antworten, noch schnell facebook etc....da reicht es fürs arbeiten nicht mehr wirklich und man hat plötzlich 14 stünder am hals. weniger ablenken lassen dann geht auch die arbeitszeit rascher vorbei!

    • Nur Kohl am 14.09.2016 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      Von Jahrzeht zu Jahrzehnt ...

      Aus Ihrem Beitrag lässt sich vor allem schliessen, dass Sie von einem heutigen Veterinärmedizinstudium keine Ahnung haben. Schauen Sie sich die Studienpläne an und rechnen Sie sich aus, wie weit Sie kommen würden ...

    einklappen einklappen
  • Abbas Schumacher am 14.09.2016 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Tierliebe Ausgenützt...

    14 Std. arbeiten, wenig Pause, so kann man nicht 100% Leistung bringen. Der Lohn, oder Entschädigung, nicht vertretbar. Die Praktikanten leisten ja auch etwas, dass man dabei etwas lernt, ist ja der Sinn der Sache, sie ersetzen dabei aber auch eine Angestellte. Also etwas mehr Lohn ist angesagt! Höchstens 8-9 Std. nach 4 Std. eine angemessene Pause, wie andere Jobs es auch handhaben!