Bezirksgericht

28. Juni 2011 19:03; Akt: 28.06.2011 19:10 Print

14 Jahre für 16 Messerstiche

von Attila Szenogrady - Ein türkischer Hilfsbäcker hat in einer Zürcher Backstube seinen Vorgesetzten mit 16 Messerstichen massakriert. Tatmotiv: Das Opfer hatte den Täter kurz vor dem Verbrechen entlassen und beleidigt.

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Es war am 12. November 2009, als es in einer Backstube in Zürich-Oerlikon zwischen zwei Türken zu einem heftigen Streit kam. Ein heute 38-jähriger Hilfsbäcker aus Embrach beschwerte sich dabei bei seinem Vorgesetzten über ausstehende Löhne. Der 53-jährige Chef ging auf die Forderungen nicht ein. Im Gegenteil: Er entliess den aufmüpfigen Angestellten fristlos und beleidigte ihn auch noch.

Chef mit Messer massakriert

Dann griff der aufgebrachte Hilfsbäcker zu einem Messer und stach damit nicht weniger als 16 Mal auf seinen Chef ein. Das Opfer hatte keine Ueberlebenschance. Es verblutete innert weniger Minuten. Der Täter reagierte danach überlegt und versteckte den Leichnam seines Landsmanns im Kühlraum hinter einigen Harassen.

Danach begab sich der Angeklagte nach Hause, entsorgte seine blutigen Kleider und setzte sich mit einem Flug in die Türkei ab.

Filmriss geltend gemacht

Der Messerstecher wurde aber bereits im März 2010 in Deutschland festgenommen und an die Schweiz ausgeliefert. Am Dienstag musste er sich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wegen vorsätzlicher Tötung am Bezirksgericht Zürich verantworten. Er gab die Bluttat zu, machte aber einen entlastenden Filmriss geltend. Er könne sich an die Messerattacke gar nicht mehr erinnern, gab er an. Am Prozess kam heraus, dass der Hilfsbäcker ab Ende 1999 dank einer Heirat in der Schweiz leben konnte. Allerdings schlug sich der zweifache Familienvater mehr schlecht als recht durch. Kurz vor der Tat drohte ihm aufgrund von Mietrückständen die Kündigung der Embracher Wohnung.

16 Jahre Freiheitsentzug gefordert

Der Staatsanwalt ging von einem brutalen Racheakt aus und verlangte eine hohe Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Der zuständige Gerichtsgutacher hatte zwei Tathypothesen zur Debatte gestellt. Gemäss der ersten These hatte der Täter in einem Affekt gehandelt. Im Rahmen einer mittel- bis hochgradig verminderten Schuldfähigkeit. In einer zweiten These ging der Psychiater von einer leichten Verminderung aus. So habe der Beschuldigte bewusst und berechnend gehandelt. Dafür spreche sein abgeklärtes Nachtatverhalten.

Der Verteidiger schoss sich auf die erste These ein und forderte wegen Totschlags eine milde Freiheitsstrafe von drei Jahren. Der Rechtsanwalt hielt seinem Klienten zudem eine kulturbedingte Herabsetzung des Unrechtbewusstseins zugute.

Filmriss verneint

In seinem Urteil verneinte das Bezirksgericht einen Filmriss und folgte weitgehend dem Staatsanwalt. Es setzte aufgrund eines schweren Verschuldens eine hohe Freiheitsstrafe von 14 Jahren fest. Der Angeklagte habe nach der Bluttat zu überlegt gehandelt, zeigten sich die Richter überzeugt. Mehreren Hinterbliebenen wurden Schmerzensgelder von je 10 000 Franken zugesprochen.